"Marnie" [USA 1964]


Die Faszination von "Marnie" ist kompliziert zu beschreiben. Möglicherweise liegt das Faszinierende an "Marnie", Hitchcocks letztem großem, psychopathologischem Melodram, darin, dass seine kaum zu fassende Unnahbarkeit etwas Halluzinatorisches garantiert, mit einer außerweltlich schönen, zerbrechend zarten Kleptomanin (die Vögel hat sie überleppt: Tippi Hedren) eine überkünstlich stilisierte, umwerfend traumtrunkene Welt wahrzunehmen. Unter Hitchcock-Aficionados rangiert "Marnie" gefühlsmäßig unter denjenigen Arbeiten, die man verteidigen muss, gegen die, zugegeben, zum Teil alberne Fingerschnipp-Psychologie und deren redselige Ausschmückungen (vgl. "Ich kämpfe um dich", "Der Fall Paradin"), gegen eine unscharf geschriebene Sean-Connery-Rolle, die triebhaft zwischen besitzergreifenden und freudschen Haltungen eine versteinerte, mürrische Miene verzieht. Aus einem Guss ist "Marnie" bestimmt nicht, unfreiwillig amüsant eher (die Rückprojektionen), assoziativ, sehr unfertig, tastend und fühlend. Genau das fasziniert – Hitchcock transferiert die Erinnerungsbruchstücke und verzerrte Realität der Protagonistin in wacklige, wabbelige, fragmentarische Bilder, die dem ohnehin ausgedehnt dialoggefüllten Film Finesse verschafft. "Marnie" hinterlässt außerdem einen eigentümlichen Nachgeschmack. Das letzte gemeinsame Beisammensein des Triumvirats aus Robert Burks (Kamera), Bernard Herrmann (Musik) und George Tomasini (Schnitt) ließ eine künstlerisch unausgefüllte Lücke zurück. Nicht nur das. An der handwerklich heillos klobigen Reit-Unfall-Sequenz kommt "Marnie" schließlich, wie "Vertigo", einer allumfassenden Totenmesse von grotesker Schönheit näher, die in Zeit und Raum verweilt, sucht, stürzt, trauert. 
6 | 10

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