Märchenmontag | Rotkäppchen im Wandel der Zeit

Märchenmontag | Rotkäppchen im Wandel der Zeit
Wer kennt es nicht, das wunderschöne und naive Mädchen mit der roten Kappe, das den bösen Wolf trifft und später vom Jäger gerettet wird? Spätestens bei den Worten Großmutter, was hast du für große Augen? wissen alle, wovon ich spreche.Kein Wunder eigentlich, denn das über 300 Jahre alte Märchen dient auch heute noch vielen Künstlern, Regisseuren und Auroten als Inspiration. Und das ist nicht nur heute so. Das Bild von Rotkäppchen hat sich im Laufe der Zeit ständig verändert. Und lässt interessante Rückschlüsse auf die damalige Gesellschaft schließen.
Märchenmontag | Rotkäppchen im Wandel der Zeit
Von Kannibalismus zum Warnmärchen
Man kann nicht genau sagen, wann die Geschichte zum ersten Mal erzählt wurde, da sie früher von Generation zu Generation mündlich weiter gegeben wurde. Diese mündlichen Schauermärchen waren wenig vergleichbar mit dem, was wir Kindern zum Einschlafen vorlesen. Neben reichlich sexuellen Anspielungen (Rotkäppchen zieht sich detailliert vor dem Wolf aus), gibt es unter anderem das Motiv des Bluts und Fleisches der Großmutter, das das kleine Mädchen essen soll. Wer sich eine Rekonstruktion dieser Version durchlesen will, kann mal hier schauen: Die Geschichte von der Großmutter
Im 16. und 17. Jahrhundert gab es adäquat zu der Hexenverfolgung auch die Verfolgung von Werwölfen. Besonders im französischen Raum schien die Angst davor groß, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die erste literarische Version vom französischen Schriftsteller Charles Perrault verfasst worden ist. Er gehörte zum Bürgertum und schrieb eher für Kinder und Oberschicht. Daher 'reinigte' er seine Fassung und zielt darauf ab, Kinder mit einem Warnbeispiel zu 'zivilisieren'.
In Perraults Version gibt es allerdings auch eine erotische Zweideutigkeit. Rotkäppchen zieht sich auf Wunsch des Wolfes aus, legt sich in das Bett und wundert sich, wie seltsam die Großmutter ohne Kleider aussieht. Interessant ist auch, dass der Wolf wesentlich klüger dargestellt wird, als in anderen Versionen. Ihm wird nicht nur ein menschlicher Titel ("Gevatter"), sondern auch rationale Vernunft zugesprochen. Die Gefahr, von dem Holzfäller gesehen zu werden und damit aufzufliegen, erkennt er sofort. Der Wolf wird daher mit einem männlichen Verführer gleich gesetzt, der gerade junge, hübsche Mädchen in die Falle lockt.
Bei Perrault stirbt das Mädchen übrigens, es trägt die Konsequenzen der eigenen Tat selbst. Genau durch dieses Ende wird an die jungen Kinder appelliert, vorsichtig zu sein.
Auch diese Version könnt ihr euch hier durchlesen: Le petit chaperon rouge
Das Mädchen der Brüder Grimm

Nach dem einschlagenden Erfolg Perraults wurde seine Fassung 1790 erstmals auf deutsch veröffentlicht. Vor den Grimms schrieb auch Ludwig Tieck ein Versstück, das auf Perraults Geschichte basiert. Für den Geschmack des Bürgertums des 19. Jahrhunderts war die Originalfassung jedoch viel zu grausam und sexuell. Die von den Grimms romantisierte Erzählung traf den Nerv der Zeit, denn gerade in der Epoche der Romantik waren fremde Welten in Form von Mythen und Märchen ein gern gesehenes Kontrastprogramm zur Aufklärung. Und auch in die spätere Zeit der Restauration passte das Märchen sehr gut. Kennzeichen für die Epoche waren vor allem Ruhe, bürgerliche Bodenständigkeit, Ordnung und politische Neutralität, welche durch die vorgenommenen Änderungen auch auf das Rotkäppchen zutreffen.
Der größte Unterschied zu dem Ursprung ist offensichtlich das Ende. Rotkäppchen wird vom Jäger gerettet und tötet den Wolf indirekt durch die Steine, die sie ihm in den Magen legen. Zusätzlich gibt es einen Epilog, in dem Rotkäppchen alles richtig macht, als ein anderer Wolf sie anspricht.
Genauso offensichtlich ist auch, dass man jede sexuelle Intension aus dem Märchen verbannt hat. Damit ändert sich auch die Moral, die dahinter steckt. Es geht nicht mehr darum, eine Verhaltensregel einzuhalten. Sondern darum, auf die moralischen Instanzen zu hören.
Der explizite Ausruf der Mutter, nicht vom Weg abzukommen, gilt wie eine Regel. Durch das Brechen dieser Regel ereignet sich etwas Schreckliches. Sie wird sozusagen für ihren Regelbruch 'bestraft'. Und auch der Epilog deutet darauf hin: Rotkäppchen hört genau auf die Anweisungen der Großmutter und wird dadurch nicht mehr von dem Wolf überlistet.
"Ihre (Brüder Grimm) Rotkäppchen-Erzählung ist im wesentlichen eine Rechtfertigung von Ruhe und Ordnung und richtet sich gegen individuelle Selbstständigkeit und Phantasie."
- Jack Zipes; Rotkäppchens Lust und Leid; S. 39
Zipes bezieht sich am Ende des Satzes auf die Tatsache, dass Rotkäppchen in dieser Fassung ihre eigene Selbstständigkeit (Das Blumenpflücken fern vom Weg) als schandhaft angesehen wird. Und auch ferner, dass sie ihrer Situation hilflos ausgeliefert ist. 
Der Wandel in die Selbstständigkeit - das 20. Jahrhundert
Während des 19. Jahrhunderts blieben die Motive weitgehend unverändert. Erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde das Märchen, parallel zu den anderen gesellschaftlichen Veränderungen, witziger, realistischer und parodistischer. Ein Merkmal ist die Ironie, die gerne eingesetzt wird. Ein besonders nettes Beispiel ist das 1939 erschienene The little Girl and the wolf von James Thurber, wo das Mädchen eine Pistole aus dem Korb nimmt und den Wolf erschießt. "Moral: Es ist heutzutage nicht mehr so leicht, einem kleinen Mädchen etwas vorzumachen." (Quelle: link) Ebenso kritisiert Joachim Ringelnatz auf eine hoch ironische Art in seiner Parodie Kuttel Daddeldu erzählt seinen Kindern das Märchen vom Rotkäppchen die klassische Kindererziehung. Provozierend versucht er damit auszudrücken, dass man Kinder nicht dreifach in Wolle packen muss.  Das 20. Jahrhundert war verdammt lang und voller Geschehnisse. Und gerade die Vielzahl der Adaptionen macht es ziemlich schwer, einen historischen Kontext zu ziehen. Verantwortlich waren allerdings unweigerlich der technische Fortschritt, die Resultate der Industrialisierung und natürlich auch die Weltkriege und die damit einhergehenden politischen Positionen. Gerade letzteres wird durch die Erzählung Rotkäppchen. Wie es ein Diktator erzählen würde vom amerikanischen Schriftsteller H.I. Philips gut gezeigt. Dort wird nämlich der Wolf/Hitler als warmherziges, gutes Geschöpf dargestellt und Rotkäppchen als Spion und Provokateur. So erklärt er, natürlich total überzogen, dass der Wolf eigentlich für Frieden und Gerechtigkeit kämpfe. Die Geschichte habe ich leider nicht zum Verlinken gefunden.
Literatur-Empfehlungen:
Jack Zipes - Rotkäppchens Lust und Leid (wird nicht mehr gedruckt)Hans Ritz - Die Geschichte vom Rotkäppchen

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