Mando Diao

Es gibt schon mehr als eine Platte, die ich trotz ihrer Genialität heute nicht mehr hören kann. Das hat genauso viele wie unterschiedliche Gründe. Sei es die unzerstörbare Verbindung der Synapsen, die einen an einen Menschen erinnert, den man eigentlich erfolgreich verdrängt hat, oder seien es Songs, die nicht dafür gemacht sind, über Jahre hinweg gehört zu werden und irgendwann nur mehr öd werden. Oder sei es einfach nur der Fakt, dass man die Platte bis zum Erbrechen zu jeder Tages- und Nacht-Zeit rauf, runter und rüber gehört hat. Im Fall von Mando Diao und ihrem Debütalbum ist es Letzteres, zusammen mit einem Schicksal, das viele einstige Indie-Bands teilen: Der Weg in Richtung Kommerzialität, den man ihnen natürlich nicht vorwerfen kann, der sie aber irgendwie unsexy macht. Was dieser Weg nämlich mit sich bringt, ist ein Wandel in Richtung glattgebügelte Songs, die sich um jeden Preis ohne zu stolpern in die Gehörgänge schleichen und an denen sich die großen Radiostationen bloß nicht stoßen können.

 Wenn ich heute den Namen Mando Diao höre, muss ich unweigerlich an 14-jährige Girlies denken, die lauthals „daaaance with somebody, daaance, daaance, daaance“ kreischen. Gänsehaut der unangenehmeren Art… Einen Schauer der angenehmen Art verursacht aber das Erstlingswerk der Schweden, und wer auf rotzigen Rock à la The Who steht und sich noch nicht daran totgehört hat, sollte sich dieses Album auf jeden Fall zu Gemüte führen: Bring ‘em In.

Das Debütalbum der fünf Garagen-Rocker aus der schwedischen Provinz Borlänge klingt wie die ohrenbetäubende Fahrt auf einem Highway und fühlt sich auch so an…

Langsam wird es dunkel in dem kleinen schwedischen Ort, wo fünf rotzfreche und hochmusikalische Buben ohne Future einen Ausflug planen, von dem es kein Zurück mehr gibt. Der Abend bricht herein und ein 60′s-Brit-Rock-Gewitter zieht auf, am Horizont zucken die ersten Blitze durch die Dämmerung. Die Band schmeißt ihre dreckigen Gitarren und das verstaubte Schlagzeug in ihren bemalten Van und fährt mit quietschenden Reifen aus der versifften Garage. Rauf auf den Highway, der gepflastert ist mit unzähligen The-Bands wie The Strokes, The White Stripes, The Datsuns oder The Hives. Den Artikel lassen diese Jungs bewusst im Straßengraben liegen, auf unnötigen Ballast wird verzichtet, einfach nur Mando Diao – das reicht. Mit einem lauten „Yeahhhh Yeahhh Yeahhh“ eröffnen sie gleich mit dem Opener Sheepdog den Sweet Ride, der sie durch viele Ären der Rockgeschichte bringen soll.

Sie rauschen Richtung Motown, und die ersten drei Tracks zeigen gleich, wohin die Reise geht. Sie wirken wie eine dröhnende Verkehrslawine, die über die staubige Straße schmettert. Es wird gerockt, was das Zeug hält, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Gitarrensounds wehen als Fahrtwind durch ihre Haare. Immer einen coolen Spruch wie „She ain’t as beautiful as me, but she’s as beautiful as she can be“ auf den Lippen.

Dann scheint es plötzlich Nacht zu werden und der Mond zieht auf. Mr. Moon zeigt die Truppe von einer anderen, souligen, balladesken und gefühlvollen Seite. Auch das können sie. Ein neuer Tag beginnt und mit ihm der Track The Band, der alle Eingeschlafenen wieder aufweckt. Weiter geht die rasante Fahrt. Es scheint, als wären inzwischen The Animals, The Who, die frühen Stones, die Beatles und Oasis zugestiegen. Die 65er-My-Generation-Riffs dröhnen aus den Lautsprechern, um kurz darauf am Blues-Abgrund vorbei zu schlittern. Dazwischen tanken sie noch schnell auf. 50′s-Gitarrensounds, Retro- und Punk-Rock. Vollmachen bitte. Sie scheinen fast am Ziel zu sein. Mit Karacho durchqueren sie den rockigen Staat P.U.S.A, wo eindeutig die Kinks zu wohnen scheinen. Vorbei an der soulig- funkigen Lady, dem letzten Track Laurent’s Cathedral entgegen, der wie ein dunkler Sonnenuntergang wirkt.

Mando Diao sind angekommen. Was für eine Fahrt! Die beiden Sänger Gustaf Norén und Björn Dixgard steigen aus. In der Hand eines ihrer selbstgemalten Plakate, auf dem steht: „Wir glauben ehrlich, dass unsere Platte besser ist als alles von The Who, den Kinks oder den Small Faces. Es ist sogar eine rundere Sache als viele Alben der Beatles und der Stones.“ Autsch – Großkotz, aber das passt zu ihnen. Grandiose Rockmusik? Ja. So gut wie die Band selbst meint? Nein. Vielleicht jedoch – irgendwann, wenn sie angekommen sind.

Über den Autor: Jonny Jelinek ist die eine Hälfte der Wiener Agentur Webfeuer, die er mit seinem Bruder betreibt, und ist auch auf Twitter zu finden.

Mando Diao: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.