“Mama,

Von Molly Logan @Frau_Logan

ich schreibe Dir diesen Brief, weil … weil … weil es einfach ein paar Dinge gibt, die ich Dir sagen möchte. Die ich Dir sagen MUSS. Und die ich Dir nicht einfach so sagen kann.
Weil … weil halt, aber dazu später mehr.

Ich liebe Dich!
Hörst Du, Mama?
Ich liebe Dich!
Ohne ein ‘Aber’, wie es heutzutage leider üblich zu sein scheint.
Du hast nie gesagt “Ich liebe Dich, ABER …” und das rechne ich Dir hoch an, das kannst Du mir glauben!
Nein, bei “Ich liebe Dich!” war bei Dir immer Schluß und das war gut so und Eins sollst Du wissen: Dass Du mich liebst, mich immer geliebt hast, das weiß ich.

Es ist beinahe komisch (ich lache grade laut auf), aber es ist wirklich skurril! Bei allem, was nun zwischen uns steht, und allem, was vorgefallen ist, weiß ich das doch ganz genau: Dass Du mich liebst!
Und das ist weit mehr, als viele sagen können, weißt Du? Noch heute treffe ich viele Menschen, die denken, die GLAUBEN, dass ihre Eltern sie lieb haben. Aber ich WEISS es. Ich WEISS, dass Du und Papa mich liebt, mich lieb habt, mich liebt von ganzem Herzen.
-> Weißt Du noch, wie ich das als Kind immer wiederholt habe, freilich ohne so ganz genau zu wissen, was das bedeutet?
“Ich habe Dich lieb, Mami, von ganzem Herzen!”
Ich weiß noch, dass ich irgendwann begriffen habe, was das bedeutet. Also, was das genau bedeutet, meine ich. Aber bis dahin hatte ich es sicherlich schon an die hunderttausend Male wiederholt. Weil es Dich, Mama, zum lächeln brachte. Und Dein Lächeln war so lange Zeit das Einzige, was mir wirklich, wirklich wichtig war.

Versteh mich bitte nicht falsch – vor Allem Du nicht, Papa, den ich denke mal, Du wirst das hier auch lesen – ich habe als Kind immer viel mehr Gewese um Papa gemacht. Aber Mama, das lag allein daran, dass er halt eben arbeiten war und Du, Du warst halt immer da. verstehst Du? Du warst da und … ja, so wie Luft da ist, verstehst Du? Welches Kind macht sich schon Gedanken darum, dass es atmen kann?
Und weil Papazeit eben immer etwas Besonderes war, tja, da war ich wohl oft etwas gemein zu Dir. Oder nein, Halt, nicht gemein, sondern sorglos. Wie Kinder halt so sind. Das heißt nicht, dass ich Dich je weniger geliebt hätte! Hey: Das musst Du doch gemerkt haben, als Du im Krankenhaus warst, weißt Du noch? Oh Mann, habe ich  vermisst. Oma und Opa waren OK, das schon, aber … Ich erinnere mich noch heute daran, wie ich geweint habe. Und selbst, als mich Papa wieder nach Hause geholt hat, war es immernoch … Na ja, einfach nicht das Selbe ohne Dich, verstehst Du?
Irgendwie … na ja, leer. Wie ein Raum ohne Möbel, verstehst Du?
Also nicht, dass Du jetzt denkst, Du wärst für mich ein Inventar oder so, also …

GAHHHHH!

Siehst Du: Das, genau DAS (!) ist unser Problem! Verstehst Du?

Das ich Dir nichtmal sagen kann, wie viel Du mir bedeutest, wie unendlich sehr ich Dich liebe, ohne, dass ich wieder Angst haben muss, dass Du etwas Schlechtes daraushörst.
Das tust Du nämlich immer, weißt Du?

Jaaaa ich weiß: Jetzt grade tue ich Dir Unrecht. Schon klar, Mama, ich kann ja nun wirklich nicht wissen, was Du nun gerade denkst.
Aber ich MEINE es halt zu wissen und genau DAS ist das Problem, oder? Da spielt es doch schon fast keine Rolle, mehr, wie die Wirklichkeit aussieht …

Ständig siehst und hörst Du nur das Schlechte, immerzu heißt es nur … ach, scheiße, ich will das jetzt nicht alles nochmal durchkauen! Aber …

Weißt Du, ich war Dir doch auch nie gut genug!
Streite es nicht ab, ich weiß es, und nicht nur ich!
Geliebt hast Du mich und tust es noch, ja. Aber sonst? Wann hätte ich Dich je stolz gemacht, hm?

Meine Zeugnisse waren immer OK, ganz wunderbar und in Ordnung. Und jede andere Familie hätte sich darüber gefreut, weißt Du?
Also wie kann es sein, dass sich die Mutter meines besten Freundes mehr über meine Zeugnisse gefreut hat, als Du? Sag: Wie kann das sein?
Oh, bitte, jetzt kommt mir bloß nicht mit dem, was Du alles gemacht hast! Ja, wir sind nach jedem guten Zeugnis zusammen Eis essen gegangen und ja, Du hast mich gelobt und so.
Aber … Weißt Du, Papa war da immer anders: Bei dem hat man richtig gemerkt, dass der sich aufrichtig für mich freut und so, der war stolz auf mich, aber so richtig!
Aber Du?
Ich weiß, Du hast Dir Mühe gegeben, aber meine Güte: Es hätte ruhig mehr sein können, weißt Du? Verdammt nochmal, hättest Du Dir für mich, Dein Kind, Dein Fleisch und Blut, nicht mal etwas mehr Mühe geben können?
Stattdessen kam alles, was Du gesagt und getan hast, nur als Kritik bei mir an. In allem schwang immer nur mit: “Ja. Aber MEIN Zeugnis damals war besser!”

Mama, ich WEISS, dass Du schulisch gesehen der totale Überflieger warst, dass Di das immer alles leicht gefallen ist. Aber mir nicht, hörst Du? Mir nicht! Ich musste hart für meine guten Noten schuften, ja?
Nochmal: Du hast mich gelobt, immer wieder, ja. Aber es war eben auch immer alles … ja, so ein bisschen von Oben herab eben. m halt: “Hast Du gut gemacht .. verhältnismäßig. Bist halt nicht ich, was soll man machen?”

Entschuldige bitte, wenn das etwas hart klingt, Mama!

Ich möchte Dich nicht angreifen oder so. Aber ich möchte Dir einfach mal klarmachen, wie das alles für mich gewesen ist. Als ich noch ein Kind war und später ein Jugendlicher.
Ich habe so oft versucht, Dir das zu erklären. Aber Du hast mich nie verstanden und irgendwann habe ich es einfach gelassen.

Nie werde ich vergessen, wie Du mich angeschaut hast, als mich das eine mal die Polizei nach HAuse gebracht hat!

Ich will mich da gar nicht rausreden, Mama, ich weiß, dass ich Mist gebaut habe: Ich war einfach nur strunzendicke, anders kann man das nicht sagen, und es war mir damals egal. Einfach egal. Auch wenn Du das nie verstanden hast. Gott, was haben wir für Diskussionen geführt!
Ich war blau und habe mich absichtlich volllaufen lassen, OK. Aber ist das ein Grund, mich so dermaßen anzugucken?

Du hast mich angeguckt, als wäre ich ein Stück Scheiße.

Ja, ich habe Dich enttäuscht, ja, ich habe gegen die Regeln verstoßen!
Aber ist das Grund genug … ist das …?

Du hast mich so angeschaut und diesen Blick von Dir werde ich nie vergessen, solange ich lebe!

Meine Güte: Warst Du nicht auch mal jung? Hast über die Strenge geschlagen, Mist gebaut, keine Ahnung, was?

Du hast mir doch auch schon von Sachen erzählt, die Du so verbockt hast früher, und das war nie ein Problem. Im Gegenteil: Ich fand das immer soooo klasse, ich meine, dass wir darüber reden konnten und so. Dass Du mir das überhaupt erzählt hast!
Und auf einmal war das nichts mehr wert, nicht wahr?
Da warst Du auf einmal nicht mehr meine beste Freundin mehr, sondern meine Mutter, was? Also, nur noch meine Mutter, meine ich. Musstest hart durchgreifen und so, ja?
Echt, als ob all die Jahre, all das Vertrauen mit einem Mal nicht mehr gezählt hätten!
Und damit fing alles an.

Das kannst Du leugnen, wie Du willst, und Dir zurechtbiegen oder was, aber so fing es an: Mit genau diesem Blick von Dir!

Und dann habe ich irgendwann mal angefangen nachzudenken und zu überlegen und weißt Du, was dabei herauskam? Hm?
Folgendes: Ich kannte diesen Blick von Dir schon, ich kannte ihn schon lange!

Du hast mich nämlich schon oft so angesehen gehabt, ich habe das damals nur nicht so registriert und kapiert, weil ich noch so klein gewesen bin. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erinnere ich mich.
Und Mama: Das ist nicht schön!

Ja, ich erinnere mich auch an andere Dinge: An das Geschrei und Gebrüll zu etwas. Ja, wir haben es Dir weiß Gott nicht einfach gemacht. Und selbst, wenn Du uns nur mal um fünf Minuten Ruhe angefleht hast, war uns das zu viel … Was soll ich sagen? Kinder sind gedankenlos, sind egoistisch – aber macht sie das schlecht?
Oder gar verantwortlich?

Wir haben eine Menge Mist gebaut in all den Jahren und ich erinnere mich an viel Gebrüll von Dir, viel Geschrei, auch an Tränen der Frustration. Das haben wir damals natürlich noch nicht so verstanden, aber eines weiß ich noch: Wenn Du geweint hast, wurden wir mucksmäuschenstill.

Ich erinnere mich auch daran, wie Du zu Vorstellungsgespräche gegangen bist … Und dann ist es wieder nichts geworden. Und wir wussten, WIR waren Schuld daran. Auch, wenn Du es nicht so gesagt hattest, natürlich nicht.
Aber dachtest Du allen Ernstes wir hätten all Dein “Sexistische Schweine, die nehmen mich nur wegen der Kinder nicht!” oder sowas wie “Ja, Witzbirnen, ohne Kinder WÄRE ich auch flexibel!” nicht gehört?
Und danach hast Du wieder geweint, tagelang sogar, und das tat noch viel viel mehr weh …

Wir haben es Dir nicht einfach gemacht, Mama, das weiß ich jetzt. Überhaupt verstehe ich vieles jetzt. Einfach, weil ich älter geworden bin, erwachsen, und ganz neue Perspektiven habe. EIgene Kinder.
Oh ja …

Aber eine Sache gibt es, eine Sache, die mir nie aus dem Kopf geht und mir bis heute ab und zu den Schlaf raubt: Dein Blick!

Damals wie heute – und das ist auch der Grund, warum ich, warum wir so selten zu Besuch kommen, denn ich ertrage diesen Blick von Dir einfach nicht mehr, verdammt nochmal, ich bin erwachsen, bin erfolgreich, ich habe das nicht mehr verdient!!!!!! – schaust Du mich noch so an.

Voller Liebe, aber enttäuscht.

Was enttäuscht Dich so an mir und meinem Leben, Mama, WAS????

Ist es, dass ich nicht den Beruf gelernt habe, den Du mich ergreifen lassen wolltest, ist es, weil ich nicht DEINE Träume lebe? Weil ich auf MEINE Art zufrieden bin, glücklich?
Ist es, weil ich kein Präsident oder Arzt oder Freiheitskämpfer geworden bin?

Ist es, weil ich genauso viele Fehler wie Du mache?

Mama, ehrlich: Ich liebe Dich! Ich LIEBE Dich!

Aber … ich muss ‘aber’ sagen.

Ich wäre zufrieden, weißt Du, wir alle würden uns nur noch einmal im Jahr sehen. Zu Weihnachten, und da machen wir einfach nur Smalltalk. An Geburtstagen telefonieren wir, das reicht doch auch, meinst Du nicht?

Ich will, ich will, ich WILL das einfach nicht mehr, verstehst Du?

Deine Ungeduld.
Deinen Unmut.
Deine Strenge.
Deine Unnachgiebigkeit.
Deine Verachtung.

Ich kann Dir verbal einfach nicht das Wasser reichen, ich kann einfach nicht mehr mit Dir reden, ich kann … Dich einfach nicht dazu bringen, mir einmal zuzuhören!

Mama, ich liebe Dich!

Warum hat Dir das nie gereicht?
Nichts, was ich je tat, war je gut genug für Dich!

Ich kann das einfach nicht mehr.
Bitte ruf mich nicht an, wir sehen uns an Weihnachten!

Mama, bitte verzeih mir, ich liebe Dich …”

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“Mein lieber, lieber Schatz!
Mein Augenstern, mein Liebling, mein wunderbarer, lieber, süßer, unglaublicher, perfekter (!!!) Schatz, mein geliebtes Kind!
Du Freude meines Lebens,
mein Licht!

Ich bin schwach, ich habe Fehler, ich weiß das!

Ich versprechen, ich SCHWÖRE Dir, ich werde mein Bestes geben!
Damit Du diese Nachricht nie, nie, niemals wirst schreiben müssen.
Dass wir immer miteinander reden können.
Damit Du immer weißt, wie unendlich stolz ich auf Dich bin!!!!!!!!!

Ich liebe Dich!
Von ganzem Herzen und mit all meiner Kraft!

Deine Mama Molly”


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