Mahdieh Golroos Brief in Erinnerung an die hingerichtete Gefangene Shirin Alam Hooli

Mahdieh Golroos Brief in Erinnerung an die hingerichtete Gefangene Shirin Alam Hooli

13.05.2010Artikel zu Iran Politik & Gesellschaft erstellt von Mahdieh Golroo

Mahdieh Golroo, inhaftiertes Mitglied des Rates für das Recht auf Bildung (Right to Education Council), hat in Erinnerung an ihre hingerichtete Zellengenossin Shirin Alam Hooli einen Brief verfasst.

Mahdieh Golroos Brief in Erinnerung an die hingerichtete Gefangene Shirin Alam Hooli

Mahdieh Golroo

Du warst bei uns, und nun bist du ohne uns gegangen, wie der Duft einer Blume. Wohin gingst du?

Samstag Abend verbrachten wir ohne Shirin. Es war der bitterste Augenblick unserer Haft. Es war eine dunkle und schreckliche Nacht. Jede Sekunde schien ewig zu dauern für uns, die wir uns danach sehnten, Shirin wiederzusehen.

Seit dem Nachmittag war das Telefon im Frauentrakt tot, was unsere Bedrängnis noch verschlimmerte. Wir waren alle zusammen in einem Raum, der nur uns gehörte. Shirin mochte das. Sie hatte mehr erlitten als wir, und ihr gefiel die Abgeschiedenheit, doch sie war die erste, die den Raum verließ. In dieser Nacht erinnerten sich sogar die, die schon lange in Evin waren, an die Menschen, die plötzlich im Dunkel der Nacht verschwanden, um in das ewige Licht der Freiheit zu gehen. Wir verbrachten die Zeit damit, über die traurigen Erinnerungen derer zu sprechen, deren Gefährten zum Galgen geschickt wurden. Wir bewunderten die Widerstandskraft dieser Frauen, die den Tod ihrer Freundinnen ertrugen, damit die folgenden Generationen bessere Tage erleben sollten.

Welch ein flüchtiger Traum. Doch der Kreis des Unrechts geht weiter, und es dauerte nicht lange, bis unsere Geduld auf die Probe gestellt wurde, als Shirin von einem Moment auf den anderen von uns getrennt wurde, ohne sich verabschieden zu können. Es war, als riefe die Schlinge ihren Namen in der Hoffnung, in ihren Adleraugen Furcht aufflackern zu sehen. Aber ich weiß genau, dass Shirins Mut der öden Nacht im Evin-Gefängnis und der Härte der Schlinge spottete.

Jede Sekunde, die verging, war schwer zu ertragen. Wir warteten darauf, von Shirin zu hören. Als man sie wegbrachte, geschah das unter dem Vorwand, dass der Name ihres Vaters in den Akten falsch geschrieben sei. Es kam uns nicht in den Sinn, dass wir sie in diesem Augenblick zum letzten Mal sahen. Shirins Begeisterung für das Leben und den Fortschritt, und der Eifer, mit dem sie lernte, erinnerte an jemanden, der gerade erst ins Gefängnis gekommen war und kurz davor steht, wieder freigelassen zu werden.

Oh, was für eine Nacht das war. Die Häftlingszählung am Sonntag Morgen lastete wie eine schwere Bürde auf unseren Schultern. Zu dem Zeitpunkt waren wir bereits sicher, dass wieder einmal das Leben einer Kämpferin, einer Löwin aus dem Lande Kurdistan, deren Widerstand die Berge bezwang, der Schlinge zum Opfer gefallen war. Es war schwer zu glauben.

In den Zwei-Uhr-Nachrichten erfuhren wir, dass Shirin hingerichtet wurde und nie zurückkommen würde. Obwohl wir die Nachrichten von Hinrichtungen schon aus Memoiren und historischen Schriften kannten, spürten wir die Bitterkeit von Shirins Verlust in jeder Zelle unseres Körpers.

Diese Nacht war der Gipfel aller Nächte unseres Lebens. Wir hofften auf etwas, nach dem sich die Gefangenen vor zwanzig Jahren gesehnt hatten: Ein Ende des Unrechts, damit künftigen Generationen dies erspart bleiben möge.

Vier Tage sind seit der Tragödie vergangen. Ein schwarzes Tuch in der Farbe unserer Trauer liegt auf ihrem Bett. Ich schlafe auf dem Zellenboden. Meine Mitgefangenen bestehen darauf, dass ich auf Shirins Bett schlafe. Aber ich kann den Platz meiner Töpfer-Lehrerin nicht einnehmen; sie ist unersetzlich.

Mahdieh Golroo, Evin-Gefängnis

Deutsche Übersetzung: Julia, bei Weiterveröffentlichung bitte Link angebenhttp://wp.me/pHnb6-1O5

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