Macht machtet …

Macht machtet.
Sozialwissenschaftliche Hinweise zum Zusammenhang von Macht und Gewalt

„Die Macht im Staat ham´ doch immer noch die Gleichen / Wo´s Geld sitzt ist die Macht, das ist doch klar …
Die Macht im Staat ham´ doch immer noch die Gleichen / Wo´s Geld sitzt ist die Macht, wer weiß das nicht …“
Knut Kiesewetter (1973)
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Eine Szene zur Machtentstehung aus Der Pate („The Godfather“) hat mich vierzig Jahre lang fasziniert. Diese lange Filmszene habe ich mehr als einmal angesehen. Sie findet sich im 1969 erstveröffentlichten Buch The Godfather des US-amerikanischen Bestsellerautors Mario Puzo (1920-1999) als Geschichte der aus dem sizilianischen Dorf Corleone stammenden Familie im dritten Teil des Buchs.

Diese längere Episode enthält der zweite in der deutschen Kinofilmfassung 196 Minuten dauernde Teil der Filmtrilogie Der Pate (1972; 1974; 1990) als Rückblende auf den Beginn seiner „Karriere“ als der spätere Don Vito den mächtigen Don Fanucci, Mitglied der Schwarzen Hand, in New York erschießt. Diese Episode beschreibt anschaulich den Ausgangspunkt der Handlungsmacht des späteren Paten. Sie läßt ihn im Lauf der Jahrzehnte von einem der vielen jungen Arbeiter in der New Yorker Spaghetti Community zu einem mächtigen Mafia-Akteure der US-amerikanischen Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft werden.

Im etymologischen Wörterbuch von Wolfgamg Pfeifer (dtv-Ausgabe 1995) wird Macht im Deutschen verstanden als Vermögen, Herrschaft, Gewalt, Kraft, Stärke.“ Herrschaft ist Machtausübung in sei´s organisierter sei´s personaler Form. Autorität wird ebenfalls personal wie positionell verstanden als auf einer besonderen Stellung, auf überlegenen Fähigkeiten, Kenntnissen beruhendes Ansehen, das seinem Träger einen bestimmenden Einfluß auf andere sichert. Ansehen als Autoritäten können sowohl Personen als auch Institutionen „genießen“. Gewalt schließlich wird als rohe Kraft, Wucht, Macht, Zwang gefaßt.

Mit Ausnahme der Darstellung der aktuellen englisch(sprachig)en und der dieser weitgehend folgenden deutschsprachigen Wikipedia lehnen sich die soziologischen Machtverständnisse in allen für diesen Beitrag durchgesehenen begrifflichen Bestimmungen nicht nur an die Definition des bekannten deutschen Soziologen Max Weber (1864-1920) an; sondern rückbeziehen sich ausdrücklich auf Webers bekanntes Diktum als gefällige Formel zur Macht: diesen soziologischen Grundbegriff stellte Weber in den Zusammenhang mit Herrschaft und Disziplin und definierte Macht als „jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“

Nach seinen zwei folgenden „soll heißen die Chance“-Definitionen von Herrschaft und Disziplin gibt Weber in diesem Paragraphen [§ 16] des ersten Kapitels seiner soziologischen Kategorienlehre fünf erläuternde Abschnitte. Sie beginnen mit Hinweisen auf den (theoretisch abstrakten) soziologisch amorphen Charakter seines Machtbegriffs und enden mit der Form „der Legitimitätsgrundlagen der Herrschaft.“ Insofern interessieren Machtrechtfertigungen und Machtmißbrauch. Nicht aber Ohnmacht als realer Antipode und begriffliches Antonym.

Auffällig weiters, daß Weber von einer sozialen Beziehung ausgeht und auf jede inhaltliche Präzisierung zugunsten zweier Formalien verzichtet: Macht und Herrschaft werden sowohl als inhaltlos-beliebige Konzepte wie auch als quantifizierbare Chancen präsentiert. Entsprechend kritisierte der tschechisch-US-amerikanische Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch bereits 1964 Webers quantitativen “Begriff der Herrschaft“ so: “Eine Chance ist eine Wahrscheinlichkeit, und die Antwort auf die Frage ´Was ist eine Wahrscheinlichkeit?´ ist eine Zahl.“

Deutsch´ weiland verlachte Kritik erinnert daran, daß sich weder Naturphänomene auf „Kern und Schale“ (J.W. Goethe) zurückführen noch Sozialphänomene vollständig berechnen lassen. Und das dialektische Verständnis von Macht und Ohnmacht als widersprüchliche Einheit von Gegensätzen drückt ein an G.F.W. Hegel (1770-1831) geschulter poetischer Vierzeiler von Bertolt Brecht (1898-1956) aus. Der Kurztext läßt sich auch als Anspielung auf Macht und Ohnmacht verstehen:

„Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Anders als Weber Ferdinand Tönnies (1855-1936). In seiner letztveröffentlichten Abhandlung (1935) faßte der Begründer der wissenschaftlichen Soziologie in Deutschland sein auch philosophisch grundiertes Verständnis von „Macht und Machtstreben als bewegende Kräfte der Gesellschaft“ triadisch zusammen und sprach vom „großen und entscheidenden, immer erneuten Kampf in der Gesellschaft um 1. die ökonomische 2. die politische 3. die geistig moralische Macht – der immer ein „Klassenkampf“ [ist], der heute am unmittelbarsten und am auffallendsten sich kundgibt als Streit zwischen Kapital und Arbeit, woran aber viele Elemente auf der einen oder anderen Seite teilhaben, die weder als Mitkämpfer des Kapitals noch als solche der Arbeit sich wissen und kennen, und bald in das eine Lager – das des Kapitals – hineingezogen werden oder in der Meinung, dass dessen Herrschaft sich von selbst verstehe, also gerecht und billig sei, sich hineinstellen, zuweilen auch durch ihr Denken, ihre Ideen in es hineinfallen.“ Dem entspricht auch Tönnies´ Verständnis von staatlicher Zwangsgewalt: „Im Strafrecht setzt sich die Zwangsgewalt des Staates, um den bestehenden öffentlichen und privatrechtlichen Zustand aufrecht zu erhalten, am unmittelbarsten der Freiheit des einzelnen entgegen.“

Um Macht im allgemeinen geht es im didaktisch angelegten Lehrbuchbeitrag des Soziologen Dieter Claessens (1921-1997). Über Allgemeinheiten zu Macht, Einfluß und Herrschaft kommt Claessens zum Umfeld von Macht, Gewalt und Zwängen als Ergebnis „harter Kommunikation.“ Das politiksoziologische Konzept der Macht als „strukturelle Gewalt“ (Johan Galtung) lehnt Claessens als abstrakt-allgemein ab und folgt insofern dem Pfad der „Möglichkeit der Gewaltanwendung“ als „Chance“ im Weber´schen Sinn. Entsprechend auch der Ausblick im Beitrag „Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie“ (1992). Dort geht es über allein aufs Personale bezogene Verständnis von Autorität hinaus um „Macht und Legitimation: Herrschaft“ nebst „Charisma als Basis von Legitimation“. Das machtsoziologisches Kernstück des Claessens-Textes enthält eine Auseinandersetzung mit Heinrich Popitz (1925-2002) und dessen „Prozesse der Machtbildung“ (1968). Es geht um Machbildung, -erhaltung und -verteidigung.
Im Rückbezug auf Popitz und dessen Rückgriff auf den schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) beginnt Claessens mit dem Bonmot von der „Leichtigkeit, mit der Viele von Wenigen beherrscht werden können.“

Aus dem ersten von drei elementarsoziologischen Fallbeispielen zur „Machtbildung“ bei Popitz, hier eines Passagierschiffs mit Liegestühlen und dem Kampf um diese, stilisiert Claessens zwei soziale Klassen: „Besitzende und Nichtbesitzende, positiv und negativ Privilegierte“. Sodann interessiert die im Have- oder Haben-Status liegende „überlegende Organisationfähigkeit der Privilegierten“. Am Ende der beschriebenen „Machtausbildung“ geht es um „Selbstlegitimierung“ der besitzenden Bevorrechteten und ihr Gemeinschaftsgefühl einer „gewissen Legitimität.“

Aus der Lagersituation von Kriegsgefangenen wird im zweiten Fallbeispiel im Sinne strategischer Machtgewinnung auf die „produktive Überlegenheit von Solidaritätskernen“ und damit auch auf die Bedeutung sozialer Gruppen und die diese konstituierende Arbeitssteilung abgehoben. Im Anschluß an Webers Machtformel sieht Claessens hier jedoch weniger Macht als vielmehr Einfluß, weil „niemand gehindert ist, sich dieser ´Macht´ zu entziehen.“
Auch das dritte Fallbeispiel Popitz´ aus einer Erziehungsanstalt für Jugendliche wird von Claessens problematisiert. Hier geht es vor allem um „Machtstaffelung“ durch Gewalt(ausübung/androhung) in Form eines Drei-Schichten-Modells. Die Machthaber sind oben. Die „Untersten möchten gern ´aufsteigen´, die Mittleren fürchten den Abstieg. Sie sind eine ´Zweifrontenschicht´ (Norbert Elias), die die Oberen achtet (allerdings insgeheim auch kritisiert) und die Unteren verachtet.“ Das Modell entspricht „einer Art ´Gewaltherrschaft´“. Claessens hält diese Kennzeichnung für einen „soziologisch unzulässigen Begriff“. Die Webersche „Legitimation zur Herrschaft […] durch Zustimmung“ fehlt: „Macht allein ist brüchig […]. Sie kann nur durch eine Legitimationsgrundlage verfestigt werde. Dann ist sie ´Herrschaft´.“

Gewalt ist die zentrale Kategorie der von Claessens kritisierten anthropologisch begründeten Machttheorie von Popitz. Was Claessens post-weberianisch als begriffliche Schwäche meint vorstellen zu sollen, erweist sich im systematischen Zusammenhang jedoch als analytische Stärke.

Gewalt gilt Popitz als „die grundlegende Machtform. Auf diese Weise gehen Theorie der Gewalt und Theorie der Macht eine enge Verbindung ein, d. h. Gewalt wird in eine umfassende Machttheorie inkorporiert, die darauf aus ist, einen strukturierenden Zusammenhang zwischen Gewalt, Machtbildungsprozessen und Herrschaft herzustellen. Dies ist zugleich ein den oft herausgestellten Gegensatz von Macht und Gewalt aufhebender Schritt, der sich auf „Gewalt als ordnungsstiftende Erfahrung“ in Vergangenheit und Gegenwart berufen kann. Macht bekommt so den Stellenwert eines soziologischen Grundbegriffs, der außerdem analysetauglich ist.“
Popitz selbst hat seinen Grundansatz, Gewalt als besondere Form von Macht(ausübung), “Todesmacht von Menschen über Menschen”eingeschlossen, anthropologisch zu verorten, soziologisch zu präzisieren versucht und als Elementarkategorie jeder gesellschaftlichen Grundstruktur so beschrieben („Phänomene der Macht“ 1968):

“Der Mensch muß nie, kann aber immer gewaltsam handeln, er muß nie, kann aber immer töten [...] – jedermann. […] Gewalt überhaupt und Gewalt des Töten im besonderen ist auch kein bloßer Betriebsunfall sozialer Beziehungen, keine Randerscheinung sozialer Ordnungen und nicht lediglich ein Extremfall oder eine ultima ratio (von der nicht so viel Wesens gemacht werden sollte). Gewalt ist in der Tat [...] eine Option menschlichen Handelns, die ständig präsent ist. Keine umfassende soziale Ordnung beruht auf der Prämisse der Gewaltlosigkeit. Die Macht zu töten und die Ohnmacht des Opfers sind latent oder manifest Bestimmungsgründe der Struktur sozialen Zusammenlebens.“

Kurzessay von Richard Albrecht

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Quellen – weiterführende Links

über den Autor Dr. Richard Albrecht
Video: “Knut Kiesewetter – Die Macht im Staat”, youtube.de – uplaoder: Don’t Take Ducks


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