Luxus und Elend des Wohnens

Von Andrejholm

Schon jetzt hat sich in diesem Monat die GEZ-Gebühr gelohnt. Anfang Oktober strahlten der rbb und das ZDF gleich mehrere gut recherchierte Reportagen über den Mietenwahnsinn in Deutschland aus. Die Berichte reduzierten sich diesmal nicht auf “Gesichter und Geschichten” von Betroffenen, sondern leuchteten die Kaufmotive und Bewirtschaftungsstrategien von Eigentümern und Investoren aus.

Wir kaufen Berlin: Ellen Langer schaut für den rbb hinter die Kulissen des Berliner Immobilienbooms und porträtiert die Baubranche, Immobilienmakler und Anleger als Profiteure von Aufwertung und Verdrängung. Altmieter/innen mit preiswerten Mieten stehen der Verwertung im Wege und stellen das größte Risiko für die Investoren dar.

Miete gleich Rendite?: Holger Senft dokumentiert in seinem Film bei ZDFzoom die Vernachlässigungen und Missstände in den Siedlungen der Deutschen Annington (mit über 180.000 Wohnungen das größte Wohnungsunternehmen in Deutschland). Beispiele aus Mainz, Bonn und Flensburg zeigen Schimmelbefall, Rattenplagen, einen mangelhaften Mieterservice, und zerstörte Dächer in Folge von fehlerhaften energetische Sanierungen. Klingt schlecht für die Bewoher/innen – lohnt sich aber die die Deutsche Annington. Denn der Erfolg des Börsengangs hängt nicht von der Zufriedenheit der Mieter/innen oder der Substanz der Gebäude ab, sondern ausschließlich vom Volumen des cash-flow in den Bilanzen.

Das Ergebnis ist aus Mieterperspektive ernüchternd: Richtig Geld verdienen lässt sich mit Umwandlungen in Eigentumswohnungen und steigenden Mieten auf der einen Seite oder mit Desinvestition und Verwahrlosung auf der anderen. Wie wir es drehen und wenden: die Erlösmaximierung der Investoren geht immer zu Kosten der Mieter/innen, die auf preiswerte Wohnungen angewiesen sind. Die angebliche Alternative zwischen Gentrifizierung und Verslumung ist keine Frage der Ablehnung oder Zustimmung von Investitionen. Vielmehr sind beide Tendenzen zwei Seiten der selben Medaille: dem Geschäft mit den Wohnungen.

rbb: “Wir kaufen Berlin” (gesendet am 08.10.213)

ZDFzoom: “Miete gleich Rendite? Die Geschäfte der Immobilienriesen” (gesendet am 09.10.2013)

Investorentalk: “…um für alle den geeigneteren Wohnraum zu finden”

Im rbb-Beitrag (ab 5:00 min) gibt es eine bemerkenswerte Gesprächspassage mit Rackham Schröder (Geschäftsführer von Engel&Völkers) und einem ehemaligen Investmentbanker, der als Matthias Ducke vorgestellt wird, einen tiefen Einblick in die Legitimationsrhetorik der Branche:

Schröder:  ”Ich glaube dass dieses ganze Aufteilungs- und Mietsteigerungsthema wirklich auch ein Katalysator sein kann, um Entscheidungen zu treffen um für alle den geeigneteren Wohnraum zu finden. Die, die einen höheren Anspruch haben, können diesen verwirklichen und ausleben. Und diejenigen die mit Geringerem zufrieden sind, können dann eben auch in Gegenden gehen, die mit niedrigeren Mieten zu finanzieren sind.”

Ducke:  ”Das ist ein Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs von Berlin.”

Schröder: ”Wir hatten vor zehn Jahren die Situation: da wollte keiner kaufen und keine Bank finanzieren, da gab hier es nämlich nicht Gentrifizierung, sondern im Gegenteil Slumbildung. Das war ein sehr sehr einseitiges Publikum, das da hinzog und die Häuser konnten nicht mehr bewirtschaftet werden, weil sich keiner mehr rein traute als Hausverwalter. Und jetzt haben wir Leute, die dahin ziehen, die auch eine Tageszeitung abonnieren, die auch einen Job haben und die auch beim Bäcker nebenan ihre Brötchen kaufen und dort den Kaffee trinken. Und die ganze Gegend fängt an zu leben. Wenn man dahin geht, das ist supertoll, das ist eine tolle Stimmung dort. Es macht einfach Spaß – und es hat dort vorher keinen Spaß gemacht.”

Ducke: “Die positive Entwicklung für einen Stadtteil ist ein größeres Gut als das Recht Einzelner in einem wunderschönen Stuckaltbau für 2,50 Euro Miete zu wohnen.”