Lustlosigkeit als Lösungsversuch

Lustlosigkeit als LösungsversuchVor dreissig Jahren litten 80 Prozent der Frauen, die sich in der Uniklinik Hamburg in Sexualberatung begaben, unter Erregungs- oder Orgasmusstörungen. Das hat sich in der Zwischenzeit verändert. Das hauptsächliche Symptom von Frauen, die mit ihrer Sexualität nicht (oder nicht mehr) zufrieden sind, ist heute die Lustlosigkeit. Bei Männern ist die Erektionsstörung unverändert das am Häufigsten auftretende Symptom.

Wie geht die Lust verloren? Ein stereotypes „Vorspiel“ zwischen Mann und Frau geht etwa so: Die Aufforderung zum Sex geht meist vom Mann aus, womit am Anfang der Beziehung keiner von beiden ein Problem hat. Mit der Zeit fühlt sich die Frau aber unter Druck gesetzt. Sie beginnt hin und her zu wanken: „Soll ich nachgeben und mich verleugnen? Müsste ich nicht auch einmal die Initiative ergreifen und ihn begehren? Muss ich überhaupt sexuell sein, um von ihm geschätzt zu werden?“

In dieser Anspannung reduziert sich ihr Appetit auf Sex und Lustlosigkeit breitet sich aus. Derart zurückgewiesen, beginnt der Mann die Kommunikation zu blockieren. Vor lauter unterdrücktem Begehren und Verunsicherung weiss er nicht mehr weiter. Er gerät ausser sich vor Kränkung und steckt geschwächt in der Frage fest: „Was will die Frau? Wie kann ich es ihr recht machen?“ Das Ergebnis ist Resignation, Aggression oder Flucht, zum Beispiel in Arbeit, Sucht oder Schwermut. Das Paar bleibt ängstlich gefangen im Teufelskreis zwischen Unlust und Kränkung. Das Schlafzimmer verkommt zur verkehrsberuhigten Zone.

Vor diesem biografischen Hintergrund fragte mich Frau A.M.: „Mein Mann und ich fühlen uns immer noch miteinander verbunden. Beide empfinden wir die aktuelle Situation aber als unerträglich. Wie können wir aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Wie können wir die Lust aufeinander neu beleben und die Liebesbeziehung wieder ins Lot bringen?“

Liebe Frau M. Ich gehe davon aus, dass es eine Zeit gab in Ihrer Beziehung, als Ihre Sexualität schön war und Sie es genossen, von Ihrem Mann begehrt zu werden. Und ich unterstelle Ihnen, dass Sie schon früh damit begonnen haben, ihm Ihre Sexualität stillschweigend zu schenken, ohne sich um Ihre persönlichen Bedürfnisse bzw. um Ihre tatsächliche Lust zu kümmern. Ihr Mann wusste wohl insgeheim Bescheid, vermute ich.

Sie stehen vor einem Dilemma: Sich selber untreu bleiben oder ihn kränken. Bei dieser Bedrohungslage erscheint Ihnen die Preisgabe Ihrer Lust als ein Ausweg. Das ist menschlich, denn es braucht viel Mut, gemeinsam in den Spiegel unterschiedlicher Sexualität zu schauen. Trotzdem ist die Lustlosigkeit ein das Leben verneinender Lösungsversuch.

Nüchtern betrachtet geht es bei Ihnen um unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse hinsichtlich der Frequenz. Sie stehen vor der Aufgabe, Ihr Liebesleben aktiv zu gestalten und ihr Nein differenziert einzusetzen. Sagen Sie Nein, weil Sie jetzt nicht, damit nicht oder so nicht sexuell sein wollen? Um Ihre Lust wieder zu beleben, müssen Sie Ihre Bedürfnisse erspüren und artikulieren. Wenn Sie das nicht tun, behalten Sie zwar die Macht, laufen aber Gefahr, dass Ihr Mann Ihr pauschales Nein als Zurückweisung seiner ganzen Person erlebt. Das ist schwer auszuhalten. Gekränkt zu werden ist das kleinere Übel und letztlich nicht zu vermeiden.


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