Lucie Mannheim ✡ eine ganz große Schauspielerin

Der Verlust, den Deutschland so vieler seiner kreativen Kräfte nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten erleben musste, ob es nun Literaten, Maler, Musiker oder Schauspieler waren, ist kaum zu ermessen und meines Dafürhaltens wurde und konnte Lucie Mannheimdieser Verlust nie aufgefangen werden. Ähnliches vollzog sich in der Wissenschaft, gleich welcher Fachrichtung und natürlich auch auf ganz vielen anderen Gebieten. Einen solchen ‚Aderlass’ von Menschen, auf Grund eines Rassenwahns, ist schier unvorstellbar, jedenfalls in ihrer Gesamtheit. Nur an einzelnen Beispielen können wir ermessen, wessen wir verlustig gegangen sind. Doch die einzelnen Beispiele von Menschen, die diese Zeit des Grauens überlebten, mahnen uns noch heute; damit meine ich nicht nur die direkten Überlebenden der Vernichtungsmaschinerie der Todeslager, nein, auch die Menschen, die vorher diesem Land den Rücken kehren konnten, denn ihre Biographie weist dadurch Brüche auf, die niemals so ganz heilten. Denn nur weil diese Menschen schon früh erkannten, wie menschenverachtend das NS-Regime agierte, so gingen sie zwar ‚freiwillig’, doch widerstrebend. Sie gaben dadurch nicht nur ihre Heimat, ihre Muttersprache und ihr Umfeld auf, nein, sie gaben auch ihre Träume, ihre Sehnsüchte und viele ihrer Ziele auf. Sie mussten sich selbst neu finden, manchen gelang es, anderen nicht. Von diesen ‚Seelenbrüchen’ ist weitaus seltener die Rede, da wir vordergründig ‚nur’ das existentielle ‚Überleben’ sehen, seltener das, was sich dahinter in einer Person abspielt.

Die Schauspielerin Lucie Mannheim, war eine von denen, die schon früh aus Deutschland emigrierte, denn sie war von jüdischer Herkunft und begab sich deshalb 1933 nach Großbritannien ins Exil. Geboren wurde sie am 30. April 1899 in Berlin-Köpenick und Lucie Mannheim 1921wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf, das Milieu Zilles entsprach ihrer Kindheit und Jugend und ihr kodderiges Berlinerisch entstammte genau dieser Umgebung. Schon früh hatte sie den Traum Schauspielerin zu werden und mit Energie, Tatkraft und auch großem Wagemut verfolgte sie diesen Traum, der sich dann 1916 am Königsberger Schauspielhaus erfüllte, dort gab sie ihr Debüt. Ihre außerordentlichen, darstellerischen Leistungen führten sie wieder nach Berlin, von 1918 bin 1922 hatte sie ein festes Engagement an der Berliner Volksbühne, danach arbeitete sie bis 1933 am renommierten Preußischen Staatstheater. Sie galt zu dieser Zeit als eine der besten Schauspielerinnen deutschsprachiger Bühnen und feierte an der Seite ihres Lebensgefährten, dem Regisseur Jürgen Fehling, große Bühnenerfolge. Auch der Stummfilm holte sie nach Babelsberg, dort spielte sie einige wichtige Hauptrollen, ihr erster Tonfilm ‚Madame wünscht keine Kinder’ von 1933 war auch ihr letzter Film in Deutschland bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Begeisterung, die ihr entgegenschlug, das klatschende Publikum, die offenen Arme, all das versiegte fast von einem Tag zum anderen, nicht weil eine ihrer Darstellungen erfolglos waren, nein, nur aus einem Grund, Lucie Mannheim war Jüdin. Ihre frühe Emigration hatte auch zur Folge, dass sie sich von ihrem Lebensgefährten trennte, dieser blieb im Nazi-Deutschland und machte weiter große Karriere; er wurde später sogar in die ‚Führerliste’, auch unter der Bezeichnung der ‚Gottbegnadeten-Liste’, geführt. Fehling, der aus einer Dynastie der ‚feinen Künste’ entstammte, konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder an seine großen Erfolge als Regisseur anknüpfen. Da Lucie Mannheim zu den Künstlern zählte, die bereits sehr früh dem nationalsozialistischen Deutschland den Rücken kehrte, war es für sie weniger schwer im neuen Heimatland Fuß zu fassen. Sie spielte in London Theater und arbeitete beim deutschen Programm der BBC mit. Zunächst hatte sie einen Auftritt in Alfred Hitchcocks Streifen ‚Die 39 Stufen’ von 1935. Während des Krieges sprach sie oft im Rundfunk und appellierte an die Soldaten, den Krieg aufzugeben. Sie sang eine als ‚Anti-Hitler-Version’ bekannte Persiflage auf Lale Andersens ‚Lili Marleen’. Auch einen Propagandafilm ‚The True Story of Lilli Marlene’ drehte sie im englischen Exil.

Text der Lili-Marleen-Persiflage

Ich muss heut' an Dich schreiben, mir ist das Herz so schwer.

Ich muss zuhause bleiben, und lieb' Dich doch so sehr.

Dass Du tust nur Deine Pflicht, doch trösten kann mich das ja nicht.

Ich wart' an der Laterne. Deine Lili Marleen

Was ich still hier leide, weiß nur der Mond und ich.

Einst schien er auf uns beide, nun scheint er nur auf mich.

Mein Herz tut mir so bitter weh, wenn ich an der Laterne steh'

Mit meinem eig'nen Schatten. Deine Lili Marleen


Vielleicht fällst Du in Russland, vielleicht in Afrika.

Doch irgendwo, da fällst Du, so will’s Dein Führer ja!

Und wenn wir doch uns wiederseh'n, oh möge die Laterne steh'n

In einem andern Deutschland. Deine Lili Marleen


Der Führer ist ein Schinder, das seh'n wir hier genau,

Zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau.

Und wer an allem schuld ist, den – will ich an der Laterne seh'n.

Hängt ihn an die Laterne! Deine Lili Marleen

Nach 1949 gab sie Gastspiele in Deutschland. 1953 kehrte sie nach Deutschland zurück und nahm ihre schauspielerische Arbeit wieder auf. Hier sind die 1958 gedrehten Streifen ‚Gestehen Sie, Dr. Corda!’ und ‚Der Eiserne Gustav’ sowie ‚Der letzte Zeuge’ Lucie Mannheim IIan der Seite von Martin Held und Hanns Lothar zu erwähnen. Die Fernsehzuschauer erlebten sie unter anderem in ‚Der Kinderdieb’ von 1966 oder ‚Der Sommer der 17. Puppe’ von 1968, letztmalig sah man sie 1970 als Carlotta in ‚Cher Antoine oder Die verfehlte Liebe’ auf dem Bildschirm. Im Oktober 1959 wurde ihr das Große Bundesverdienstkreuz verliehen, 1963 ernannte man sie zur ‚Berliner Staatsschauspielerin’, 1967 wurde sie mit dem ‚Filmband in Gold’ für "langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film" geehrt. Lucie Mannheim, die seit 1941 mit dem britischen Schauspieler Marius Goring verheiratet war, starb am 30. Juli 1976 im niedersächsischen Braunlage im Harz.  
Von Rolf Lehnhardt erschien 1973 die Biografie „Die Lucie-Mannheim-Story. Geschichte eines Schauspielerlebens", die Schauspielerin selbst hatte zusammen mit Bernhard Minetti, Ernesto Grassi und Joana M. Gorvin das Buch "Jürgen Fehling: Der Regisseur (1885-1968). Zum 100. Geburtstag" auf den Markt gebracht.

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Bild 1-3: Lucie Mannheim – Quelle zu 1: findagrave.com · Quelle zu 2: hitchcockwiki.com · Quelle zu 3: leninimport.com


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