Lösch deinen Account und hör auf den Hofnarren zu spielen!

Von Robertodelapuente @adsinistram
Ich werde euch keinen Namen nennen. Nicht jetzt und nicht auf Nachfrage. Das geschieht aus Loyalität. Was ich sagen will, kann auch namenlos gesagt werden.
Boethius prägte in seinem »Trost der Philosophie« ein Zitat, das mir neuerdings immer einfällt, wenn ich bei dieser hier namenlosen Person in der Facebook-Pinnwand stochere: »Si tacuisses, philosophus mansisses.« (»Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben.«) Facebook und Konsorten bedeuten viel in diesen Tagen. In der Serie #Aufschrei der Dummheit schreibe ich manchmal davon. Über Klick-Aktivisten, Banalisierung und asoziale Vernetzung gibt es einigen zu berichten. Eines kommt dieser Tage für mich und sicher auch für andere noch hinzu: Es gibt Leute, die wir Linken verehrt, die wir als Koryphäen des linken politischen Spektrums geachtet haben, und die sich just in dem Moment entzaubert haben, da sie via Facebook in unser tägliches Leben traten. Als Figuren in den alten Medien flößten sie uns Respekt ein - in der Echtzeit der Social Media jedoch enttäuschen sie uns.

Mir geht es vor allem um eine Person. Was habe ich ihre Bücher geliebt. Sie verschlungen. Neue Bücher sofort erstanden. Auch damals, als mir der Regelsatz kaum Spielräume für Buchkäufe ließ. Ich sah sie in politischen Talkshows. Bei Plasberg, Illner und Maischberger, später auch bei Lanz und im österreichischen Fernsehen. Sie machte meist eine gute Figur. War beredt, frech und hatte Fakten und Argumente zur Hand. Diese charmante Unmanierlichkeit gefiehl mir immer sehr an ihr. Ihre Meinung war fast immer meine Meinung. Wie sie den Gauck in einer dieser Talkshows kritisierte! Mit welcher Verve! Diese Lebhaftigkeit mochte ich an ihr. Vor Jahren saß die Person mal mit einigen Frauen und Hagen zusammen in einer Runde. Es ging um den alten Traum der Feministinnen: Eine Frau an der Macht. Und damals kam in Deutschland gerade eine Frau dorthin. Sie ist es bis heute geblieben. Sie aber sagte, das Weibliche sei kein Kriterium. Da müsse schon mehr kommen. Dann wedelte sie einfach weiter unbeeindruckt mit einem Fächer vor sich hin.
Lange ist sie schon dabei. In den letzten zehn, zwölf Jahren kam sie mir näher, obwohl sie schon Jahre vor meiner Politisierung politisch war. Sie blieb es bis heute - wenn auch im kleineren Rahmen. Sie blieb gefragt. Man wollte wissen: »Wie war das damals mit der Parteigründung, an der sie beteiligt war? Und wie sehen sie die Partei heute?« Man holte ihre Meinung ein. Für die Konservativen, damit sie was zum Pikiertsein hatten - bei uns Linken, weil sie was zu sagen hatte. Und was sie zu sagen hatte! Soziologisch betrachtet war sie richtig gut. Ist sie es bis heute noch. Sie kritisiert den Kapitalismus angemessen. Vielleicht manchmal zu polemisch. Aber verdammt, das muss gelegentlich sein in Zeiten, da man Aufmerksamkeit nur noch erlangt, wenn man aus der grauen Masse heraussticht.
Und dann landete diese Person, deren Namen ich hier und heute nicht nenne, bei Facebook. Sie könne sich nicht mehr verweigern, schrieb sie. Über diese These kann man streiten. Ich freilich nicht - bin ja selbst dabei. Bin nicht glaubwürdig. Aber dort ist sicher nicht alles schlecht. Aber darum geht es ja gar nicht.
Anfangs empfahl sie noch ihre Bücher und meldete, dass sie heute da und morgen dort sei oder bei irgendeiner Pappnase im Studio saß, dem Mainstream Paroli bot. Irgendwann entdeckte sie, dass sie ihre »Freunde« auch agitieren konnte und fing an zu erziehen. »Lest den nicht!« und »Der ist antisemitisch!« las man bei ihr. »Das ist faschistoid!« Sie wusste, was man lesen soll und wovon man die Finger lassen sollte. Manchmal war das berechtigt - manchmal haltlos oder einfach nur einem Bauchgefühl geschuldet. Sie hat es geschafft Leute als Antisemiten zu bezeichnen, eine Erklärung zu liefern und trotzdem nichts Konkretes gesagt zu haben. Sie honorierte auch Texte anderer Schreiber, in denen Kaffeesatz gelesen wird und die zum Beispiel erklären, dass »Ostküste« ein rechtes Chiffre für »internationales Finanzjudentum« sei. Man kann es auch übertreiben! Natürlich war sie dann auch gegen »Occupy«, weil diese Bewegung Fehler in ihrer Argumentation hatte. »Occupy« war für sie wohl nicht zu hundert Prozent mit den richtigen Parolen durchgetaktet. Die »Bildzeitung«, die sie verachtet, sah das sicher nicht viel anders.
Zuletzt erzog sie ihre »Freunde« dazu, diese neuen »Montagsdemos« und ihre Macher zu ächten. Esoterisch und neurechts seien sie. Das mit der Esoterik klingt bei manchen dort tatsächlich ein wenig danach. Aber die Sozialdemokratie beschwört seit Jahren esoterisch eine Wahrnehmung ihrer Partei, die nur sie selbst von sich hat. Ohne Eso-Gequatsche geht es heute vermutlich gar nicht mehr. Und seien wir ehrlich, mancher von »Die Linke« klingt hin und wieder auch wie einer aus »Astro-TV«. Von dieser Esoterik spannt sie den Bogen zur Barbarei. Vielleicht nicht ganz unberechtigt. Teilweise klingen ihre Einwürfe aber arg konstruiert. Deswegen müssen sie aber nicht grundsätzlich falsch sein. Sie klingen trotzdem leicht paranoid.
Wenn es nur um ihre Kritik gegangen wäre, könnte man damit leben. Ich bin da auch kritisch. Doch dabei ließ sie es ja nicht bewenden. Die Person fing an Empfehlungen auszusprechen, wen man zu »entfreunden« habe, um auch weiterhin als aufrechter Mensch durchs Leben gehen zu können. Und wer nicht spurte, den »entfreundete« sie. Schließlich wollte sie ja rein bleiben. Mein Gott, Deutschland, bist du und die deinen nur als Erzieher und Blockwart denkbar? Selbst die Linken geben sich bei dir und in dir als spießige Lehrmeister. Entspannt geht es wohl nicht? Ich schrieb vor langem schon von der »Unmöglichkeit reinen Lebens« - seht das doch endlich ein, ihr Linken in Deutschland. Entkrampft euch, der Mensch ist fehlbar und lebt in der Zwiespältigkeit, in der Diskrepanz wie es sein soll und wie es letztlich ist. Jeder von uns hat Punkte, in der er sich unglaubhaft macht. In der linke Theorie mit kapitalistischer Wirklichkeit kollidiert. Und jeder von uns kennt in seinem Umfeld Leute, die politisch fadenscheinig bis semi-kriminell sind und reißt ihnen deshalb noch lange nicht den Kopf ab, sondern versucht mit ihnen irgendwie auszukommen. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Grenze. Das ist auch eine Frage des Stils.
Ich lese den von der Person abgewickelten Unsinn, den Erziehungsterror, die totalitäre Gesinnungsprüfung und sage nur leise vor mich hin: »Schweig und sei weise. Hör auf, ich will dich weiter respektieren können; dich nicht als fanatischen Savonarola in Gedanken tragen müssen.« Aber ich befürchte, es ist zu spät. Für mich und meine Gedanken. Und für sie. Da kommt sie nicht mehr raus. Sie hat sich entzaubert. Ihr Mysterium ist entschlüsselt. Ihre Aura dechiffriert. Ihr Nimbus entschleiert. Ohne Facebook hätte sie weiterhin geschwiegen und klüger ausgesehen. Wie ein satter Buddha hätte sie gethront. Wie ein Philosophenkönig. Jetzt wirkt sie nur wie der Hofnarr, der zu Füßen dieses Königs sitzt. Sei so gut, lösch' deinen Facebook-Account und werd' wieder philosophisch. Es fühlte sich viel besser an, als man nur selten was von dir vernahm. Sich rar machen: Das stand dir so ausgesprochen gut. Viele Intellektuelle haben es genau so gemacht. Nur reden, wenn man was gefragt wird, haben sie sich als Motto gegeben. Und auch dann nur knapp antworten. So bleibt man jemand mit Aura. Wenn man aber erst merkt, dass das Vorbild nicht nur ein Mensch, sondern auch noch ein Stinkstiefel ist, dann verpufft die Aura wie ein Tropfen Wasser in heißem Öl.
Ich bleibe loyal. Nenne deinen Namen nicht. Als Reminiszenz. Weil es immer so gut war, dich zu lesen. Ich merke mir dich als Namen auf Büchern. Ich rede mir ein, dass die Person, die deinen Namen trägt, gar nichts mit dir zu tun hat. Vielleicht bist du nur ein fehlgeleiteter Algorithmus von Facebook, ein Streich, den mir dieses beschissene Social Media spielt und in Wirklichkeit bist du doch der Menschenfreund und Philosoph, den ich mir immer vorgestellt habe. Wenn du dich schon vom Sockel wirfst, stemme ich mich wie ein Sisyphos dagegen.
&button;