London meets Vienna – Klangspiegel


London meets Vienna – Klangspiegel

Hildur Guðnadóttir Photo: (c) Brunnenpassage


In der Brunnenpassage, mitten im wogenden und brodelnden Yppenplatzviertel, von dem aus sich die Brunnengasse erstreckt, in dem ein Marktstand nach dem anderen internationales Publikum zum Einkaufen anlockt, finden während des Festivals Wien Modern Aufführungen zeitgenössischer Musik statt, die für jede und jeden frei zugänglich ist. Darauf möchte ich hier ganz explizit hinweisen, denn es kommt nicht oft vor, dass man zeitgenössische Musik in der Qualität, wie sie dort geboten wird, zum Nulltarif konsumieren kann. Der große, helle Raum, nicht nur durch Oberlicht, sondern auch durch die beiden Glaseingänge an den Schmalseiten beleuchtet, wird von einigen Menschen tatsächlich als Passage benutzt. Am Nachmittag des 29. Oktober demonstrierte dies ein ca. 12jähriger Junge gleich zweimal. Er marschierte ungeniert ob der darin stattfindenden Konzerte an Publikum und Interpretinnen vorbei, wobei er ihnen aber zumindest einmal durch eine artige Verbeugung seine Reverenz erwies. Mit solchen Einlagen müssen die Akteurinnen und Akteure, wenn sie dort auftreten, immer rechnen und tatsächlich sind Aktionen wie diese wohl ein Zeichen dafür, dass die Brunnenpassage ein Ort ist, an dem sich zwar während des Festivals Wien Modern die Avantgarde der zeitgenössischen Musik trifft, die Bevölkerung jedoch keine Scheu hat, den Ort wie gewohnt zu nutzen – als Passage eben.

Am zweiten Tag des Festivals lieferten dort unter dem Motto Klangspiegel London/Wien eine Reihe von Musikerinnen und Musikern aktuelle Beiträge ihres jeweiligen Schaffens ab. Was hier so trocken klingt, war aber alles andere als theorielastige Musik. Den Beginn machte Jana Winderen mit ihrer 2011 entstandenen Komposition „From the black forest to the black sea“ , in der sie eine akustische Reise vom Schwarzwald bis ans Schwarze Meer schuf. Dabei mischte sie Klänge ihres Synthesizers mit jeweils vor Ort aufgenommen akustische Eindrücken, die sie entlang des Donauverlaufes gesammelt hatte und nahm damit das Publikum mit auf eine imaginäre Fahrt vom Ursprung des Flusses bis hin zu seiner Mündung. Die Reise gestaltete sich als ob man in einer fliegenden Untertasse Platz genommen hätte, die sich vereinzelte Landungsplätze entlang des Stromes ausgesucht hatte. Zu Beginn war Vogelgezwitscher und Grillengezirpe aus dem Schwarzwald wahrnehmbar, das Grollen des Donners, der von weither schlechtes Wetter verkündete – sodass man gerne mit Winderens Klanggebraus wieder abhob, um sich wenig später neuen Klangeindrücken hinzugeben. Es folgten Tropfgeräusche und kleine, gurgelnde Strömungen aber auch tiefes Unterwasserpulsieren und man hatte den Eindruck, als ob die fliegende Untertasse als Amphibienfahrzeug ausgerüstet war. Tief im Fluss wähnte man sich ob der Geräusche dem starken Wasserdruck ausgesetzt und das abermalige Wiederauftauchen gestaltete sich mit der bedrohlichen akustischen Begleitung eines immer stärker werdenden Dröhnens, das man dem Antrieb der Kapsel zuordnete. Nach mehreren fiktiven Landungen und ebensolchen Starts wurde das Dröhnen des Antriebs zu etwas Vertrautem, ja erzeugte sogar eine Art Schutzhülle, einen Raum, der einem erlaubte, sich in Minutenschnelle über tausende von Kilometern zu bewegen. Hundegebell, das Gekreisch von Krähen und eine nicht näher definierbare Klangkulisse, die jedoch weit von natürlichen Waldgeräuschen entfernt war machte alsbald deutlich, dass Winderen uns in stärker besiedeltem Gebiet umhören ließ. Am Schluss der Komposition war es starkes Brandungsrauschen anhand dessen klar war, dass wir uns nun am Ende unserer Reise befanden. Es vermischte sich, wie schon die Klänge zuvor, streckenweise mit den dröhnenden Klängen unseres fiktiven kleinen Raumschiffes, das uns so mühelos auf diese weite Reise mitgenommen hatte. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“ hieß es in einer Textzeile einmal bei André Heller. „Und in den Ohren“ möchte man in diesem Zusammenhang hinzufügen. Eine bezaubernde Arbeit, die man sich auch sehr gut als Begleitung zu einer Videoinstallation vorstellen kann.

Mit Hildur Guðnadóttir, einer jungen Isländerin, ging es bei den Klangspiegeln I im Anschluss auf eine weitere Reise. Sie widmete sich in ihrer Komposition, die sie nicht nur mit Computerklängen erzeugte, sondern dazu auch live am Cello agierte und teilweise auch sang, den am Himmel ziehenden Wolken. Genauer gesagt, den Wolken, die am Himmel Islands wohl vorüberzogen, während sie die Idee zu diesem Stück hatte. Denn schon nach wenigen Momenten war klar, dass die ruhige Elegie, die sie zu Beginn an ihrem Cello anstimmte, an Volksweisen ihrer Heimat angelehnt war. Am Balkan oder in Großbritannien, um zwei gegensätzliche Pole zu verwenden, wäre diese Musik wohl kaum entstanden. So determinierte die junge Musikerin gleich zu Beginn den Ort ihrer musikalischen Reise, der sich schließlich nicht nur als Ort, sondern auch als Statement zur Geschichte der Musik entpuppte. Denn es war nicht allein der Cellovortrag und auch nicht die sukzessive Einbindung von Celloeinspielungen, die sie selbst auch mitbegleitete, die Bilder im Kopf hervorriefen. Vielmehr zeigte sich, dass Guðnadóttir das Werk mehrsätzig angelegt hatte, also bewusst eine musikhistorische Komponente wählte, die sie in ihrer eigenen Art neu aufbaute und deutete. Ihre Partner in den mehrstimmigen Passagen saßen nicht mit ihr vor dem Publikum, vielmehr waren es ihre eigenen, zuvor aufgenommenen Cellopartien an die sie sich heftete und mit denen sie in Interaktion trat. Der Blick auf den Monitor ersetzte jenen, schon historisch zu nennenden, zu den wahrhaftig zeitgleich Musizierenden neben ihr. Guðnadóttir spielte mit Guðnadóttir Bezog sich auf sich selbst, nahm Motive auf, wandelte sie um oder begleitete sich einfach selbst mit harmonischen oder disharmonischen Akkorden. Was so einfach begann, veränderte sich im Verlauf des Stückes radikal. Die Musikerin baute komplexere Rhythmusstrukturen auf um von der Elegie in eine pulsierende musikalische Sprache zu wechseln, die beinahe Lust auf Mittanzen machte und endete schließlich mit einem Satz, in welchem sie ihre Stimme vom Band begleitete, die nun, wie zu Beginn der Komposition, Islands Singtradition aufleben ließ. Bei Guðnadóttir ist es weniger die Naturbeschreibung, die so faszinierend wirkte, sondern vielmehr die durchdachte Komposition an sich, die so unprätentiös von ihr selbst interpretiert wurde als ob es nichts Einfacheres und Natürlicheres gäbe als zu Komponieren, die eigene Komposition zum Teil auf Band aufzunehmen und diese dann live zu begleiten. Doch kaum waren diese Gedanken gedacht, strafte sie die junge Komponistin Lügen, denn der kraftvoll pulsierende Schluss evozierte nun plötzlich vor dem inneren Auge doch Wolken – die, wie wir es aus Filmen, die im Zeitraffer wiedergegeben wurden, kennen – in Windeseile über unsere Köpfe zogen. Gerade die mehrfachen Ebenen, die diese Komposition beinhaltet, macht sie so besonders eindrucksvoll und Lust darauf, sie wieder zu hören um ihre Strukturen beim zweiten Mal noch besser zu erkennen.

London meets Vienna – Klangspiegel

one.night.band Photo: (c) Brunnenpassage

Am späteren Nachmittag folgte der 2. Teil der Klangspiegel London/Wien mit einem Auftritt der „one.night.band – einer Formation aus Musikerinnen und Musikern, die sich anlässlich des Festivals kurz davor zu einem Workshop zusammen gefunden hatten. Mike Harding und Mia Zabelka agierten dabei am Pult, Hildur Guðnadóttir am Violoncello sowie in der Live Elektronik, Jana Winderen am Laptop bzw. Synthesiser, Zahra Mani am Laptop/E-Bass und Kontrabass, Philip Jeck, der seit den 80er Jahren mit 2 alten Plattenspielern und Platten experimentelle Musik macht, Manon-Liu Winter am Klavier, das sie zum größten Teil als Perkussionsinstrument benutzte, Franz Hautzinger an der Trompete und Live-Elektronik, sowie Rie Nakajima an der Live-Elektronic – und – wie der Begleittext so schön erklärte – an den Toys; kleinen Objekten wie Tischtennisbällen, Kügelchen oder einem Kinderxylophon, deren Klänge elektronisch verstärkt ihren Beitrag zum Gesamteindruck der Kompositionen leisteten.

Den Auftakt gestaltete Philip Jeck, der wohl zu Recht als einer der Urväter oder Altmeister der elektronischen Musik genannt werden darf. Ganz unspektakulär agierte er sitzend hinter seinen beiden alten Kofferplattenspielern aus denen er erstaunliche wabernde Klangwolken entlockte. Immer wieder blitzten kurze melodiöse Geigenpassagen auf, um gleich darauf in einem Klangnebel des Vergessens wieder unterzugehen. Nahtlos an seine lyrische Performance schloss sich die Komposition „drone construction“ von Mike Harding an, in welcher sich nacheinander die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne einfanden und genauso nahtlos ihre Parts übernahmen, bis sich schließlich alle versammelt hatten um ein scheinbar einfaches, geschlossenes Grundgerüst Stück für Stück mit mehr Leben und Klangvolumen zu füllen. Harding selbst agierte dabei nur, wenn er die einzelnen Künstlerinnen und Künstler mit einer Geste zu den anderen bat, mehr an Einsatz war nicht notwendig. Die Klangwolke, die erzeugt wurde, war so klar gerastert, dass sie keine weiteren Dirigatanweisungen benötigte.

Ähnlich wie in den beiden vorangegangenen Stücken begann schließlich auch das Abschlusskonzert von Mia Zabelka. „Organische Trennung 3“, ein anfangs kontemplativer Klangteppich, entwickelte sich bei ihr aber rasch zu einem komplex aufgebauten Stück mit vielen einzelnen Passagen, in welchen die Musikerinnen und Musiker ihre Instrumente zu tragenden Stimmen erhoben. Nicht nur dichter wurde das klangliche Geschehen, sondern es nahm auch dramatisch an Lautstärke und Tempo zu und endete schließlich abrupt im Fortissimo, dem ein langer Nachhall folgte. Beeindruckend agierte die Dirigentin und Komponistin Zabelka, die mit ihren Händen eine wunderbare Choreografie zeigte, bei welcher jeder einzelne Einsatz für die Interpretinnen und Interpreten punktgenau kam. Ihr Stück ist eines der wenigen zeitgenössischen, welches man – auch ohne dass man live beim Konzert gewesen war -zuhause gut nachhören könnte ohne dabei den live-act zu vermissen. Oftmals ist das Erleben zeitgenössischer Musikaufführungen genauso wichtig wie die auditive Aufnahme durch unsere Ohren. Dieses feine und zugleich komplexe Stück jedoch bohrt sich tief in unsere Gehörgänge, ohne dass das Auge dabei unbedingt befriedigt werden will.

Ein erfolgreicher Nachmittag – nicht nur für alle Beteiligten und das Publikum, sondern auch für die Brunnenpassage selbst, die durch die Lebendigkeit ihres Programmes mitten in der Stadt zeigt, dass auch schwierigere künstlerische Ausdrucksformen besser in diesem pulsierenden Umfeld aufgehoben sind als in einem isolierten Elfenbeinturm.

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