Literaturfest Niedersachsen 2015: Abschlussabend in Bad Nenndorf

Literaturfest Niedersachsen 2015 - "Abenteuer" lautete diesmal das Motto - nun ist es schon wieder zu Ende. Unter der Überschrift "Mein Leben ist ein Abenteuer" fand das Finale am Sonntag, 27. September, in Bad Nenndorf im KurTheater statt, denn - das Besondere - dieses Mal waren Gäste geladen, die selber Abenteuer erlebt (und es literarisch verarbeitet) haben. Sie waren nicht nur VorleserInnen, sie sind selber AbenteurerInnen.
So spannte sich der Bogen von den "Wilden Dichtern", den klassischen Autoren einer vergangenen Zeit (Hemingway, London, Melville), zu Schriftstellern der Gegenwart, die über aktuelle Erfahrungen mehr oder weniger wahrheitsgetreu berichteten. Zugleich wurde deutlich, welch Fülle an Möglichkeiten der Begriff "Abenteuer" umfasst! Welch Unterschied zwischen dem Abenteuer eines Goldsuchers oder Walfängers oder Hochseefischers und den Abenteuern im Kleinen bei einer Wanderung im Mittelgebirge oder bei Begegnungen mit Menschen im niedersächsischen Buschland! Die eingeladenen Autoren waren: Tina Uebel, Jan Böttcher, Thorsten Heuer und Helge Timmerberg - moderiert hat Manuel Andrack, selber ein Verfasser von beliebten Wanderbüchern, unterstützt von dem Schauspieler Dietmar Wunder (Synchronstimme Daniel Craigs als James Bond). 

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Aufbau und Ablauf waren eher ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Lesungen. Es wurde ein lockerer Gesprächsabend mit kurzen Lesungen - nicht so ein steifer, intellektueller Stil; das fand ich positiv - allerdings: manchmal ging es zu sehr in Richtung Talkshow, manchmal kamen die Antworten und Bemerkungen zu flapsig, sie ließen dann Respekt vor dem Andersartigen vermissen. Den Lesungen der vier AutorInnen wurden Zitate aus älteren Texten anderer SchriftstellerInnen gegenübergestellt - großartig gelesen von Dietmar Wunder -, ausgewählt von den AutorInnen unter dem Gesichtspunkt: Welche Lieblingslektüre hat mich geprägt?

Tina Uebel las einen älteren Text über die Papua. Worin der veröffentlicht ist, konnte ich nicht herausfinden - auf ihrer eigenen Netzseite ist unter "Reisen" für 2004 eine vierwöchige Reise in Westpapua angegeben. Das Gespräch machte deutlich, dass Tina Uebel unglaubliche Extremreisen macht (als einzige Frau unter Männern) - Beispiele, über die sie auch veröffentlicht hat: Nordwestpassage 2011, Antarktis-Segeltörn 2009, Mongolei 2003. Ausgewählt für die Lesung durch Dietmar Wunder hatte sie einen Abschnitt aus "Tom Sawyer".

Jan Böttcher trug dann Abschnitte aus dem Werk mit dem barocken Titel "Des Sascha Weidners und des Jan Böttchers einzig wahre Erlebnisse ..." usw. vor, das er zusammen mit dem leider verstorbenen Fotografen Sascha Weidner zusammen im Auftrag der Niedersächsichen Sparkassenstiftung und der VGH-Stiftung aus Anlass ihrer Jubiläen verfasst hat (darüber habe ich an dieser Stelle berichtet): Abschnitte wie "Buschland" (doppeldeutig außer dem Land mit Büschen auch auf Wilhelm Busch bezogen), "Kuhfladenbingo", "Zapfenschnipsen" ... Für Jan Böttcher beginnen die Abenteuer vor der Haustür, im Gespräch spricht er vom Abenteuer des Schreibens. Für die Lesung durch Dietmar Wunder hatte er Teile aus "Auszug der Musikanten" von dem Schweden Per Olof Enquist vorgeschlagen - ein Roman, der vom Umgang mit dem Neuen und Andersartigen handelt und von dem Abenteuer, sich als Außenseiter mutig in eine Gemeinschaft hineinzubegeben. (Enquist gibt hier auf erzählerische Weise ein lebendiges Bild von seiner Heimat Västerbotten um 1900. In die entlegenen Gegenden geht ein sozialistischer Agitator und versucht, die Botschaft des Sozialismus zu verbreiten, für die die Menschen zunächst überhaupt kein Interesse haben. "Doch all dies wird in keinster Weise trocken vermittelt", heißt es in einer Besprechung, die ich hier gefunden habe, "ganz im Gegenteil: Enquist beweist oftmals Humor, wenn er die Menschen schildert, die Charaktere wirken oft sympathisch schrullig und machen es durch all ihre kleinen Macken und Fehlerchen dem Leser leicht, sich mit ihnen zu identifizieren." Welch schöne Parallele zu Böttchers Schilderung niedersächsischer Menschen!)

Thorsten Hoyer ist der Spezialist für Nonstopwanderungen, z. B. durch Island 215 km ohne Pause oder Überquerung der Alpen in 50 Stunden. Er hat zahlreiche Wanderbücher, vor allem für eine Outdoorserie geschrieben. Textauszüge von und zu Hoyer haben der Moderator Manuel Andrack gelesen - er hatte eine Nachtwanderung auf dem Westerwaldsteig mit seinem Freund Hoyer zusammen gemacht und darüber geschrieben - sowie Thorsten Hoyer selbst: aus seinem Buch über den Rennsteig.

Helge Timmerberg kam spontan auf die Idee, seinen Text von Dietmar Wunder lesen zu lassen - es war ein Auszug aus dem Buch "Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich", in dem u.a. das Schicksal der Elsa Sophia Kamphövener verarbeitet ist (Dietmar Wunder rezitierte auf beeindruckende Weise, obwohl er unvorbereitet war). Timmerbergs Wunschtext war ein Abschnitt aus Hermann Hesses "Siddharta" - diesen Text, den er als einen seiner Lieblingstexte bezeichnete, trug er noch eindrucksvoller vor, alle lauschten gebannt. Informationen über Helge Timmerbergs Bücher sind hier zu finden. 

Soweit mein Bericht über den Abschlussabend des Literaturfestes Niedersachsen. Es folgen einige Zitate aus der abschließenden Pressemitteilung: "Mit einem abenteuerlichen Festivalfinale endete das 10. Literaturfest Niedersachsen der VGH-Stiftung nach 19 Tagen und 24 Veranstaltungen am Sonntag im KurTheater Bad Nenndorf ...  'Schön, dass das Literaturfest Niedersachsen sich steter Beliebtheit erfreut – offensichtlich schätzen unsere Gäste die mit herausragenden Künstlern für besondere Orte maßgeschneiderten Programme, weil sie für einmalige Erlebnisse sorgen. So können wir auch im Jubiläumsjahr erneut eine Auslastung von 91 % vermelden – ein Ergebnis, das uns mit Freude erfüllt.', sagte Dr. Sabine Schormann, Geschäftsführerin der VGH-Stiftung,anlässlich des Festivalfinales. In den vergangenen Wochen lud die Intendantin des Festivals, Susanne Mamzed, die Literaturfest-Besucher an thematisch passenden Orten zu kühnen Entdeckungstouren ein: Auf dem Fahrgastschiff „Warsteiner Admiral“ stach Schauspieler Boris Aljinovic mit der „Schatzinsel“ in See, im Moorexpress Stade spürten Sophie Rois und Henning Nöhren dem Fernweh auf Schienen nach und auf Schloss Clemenswerth nahmen Kathrin Fröhlich, Sascha Rotermund und Gerrit Schmidt-Foß die Gäste mit auf eine literarische Nachtwanderung. Besucher zwischen Gartow und Göttingen konnten sich über Lesungen, Autorenbegegnungen und Veranstaltungen rund um das Abenteuer freuen."

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover (Zitate aus einer Pressemitteilung wie angegeben); Foto: (C) Helge Krückeberg. Von links nach rechts auf dem Foto: Dietmar Wunder, Manuel Andrack, Tina Uebel, Jan Böttcher, Thorsten Hoyer, Helge Timmerberg. Durch Anklicken mit dem Mauszeiger über dem Foto lässt sich das Bild vergrößert anzeigen.

Literaturfest Niedersachsen 2015: Abschlussabend Nenndorf

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