Lima

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Lima ist groß. Die Altstadt schön. Der Rest scheiße, aber nützlich.

Genug fundierte Archtitekturkrtitik.

Ach, wie soll ich anfangen? Das berühmte Sitzen vor dem weißen Blatt Papier, besser formuliert vor 1024 x 600 Pixeln. Ich bin inzwischen woanders: In den Bergen, in Cuzco, es läuft diese Musik von diesem Surfer mit dieser Gitarre, den ich zum Schnarchen finde. Mein dampfender Koka-Tee, das Wetter (Regen), meine Stimmung (verregnet) machen es nicht gerade leicht, über etwas zu schreiben, was vergangen ist und wenig Spuren hinterlassen hat.

Menschen sind ja bekanntlich der Schlüssel zur Stadt. Da waren doch einige …

Mein Spaziergang führte mich durch eine Demonstration von Leninisten hindurch, als mir plötzlich von der Seite ein junger Mann seine Visitenkarte zusteckte. Nein, kein homoerotisches Abenteuer. Der Mann war von Kopf bis Fuß tätowiert – Mutter würde direkt ins Grab fallen. Konturen, Farben waren aber längst verlaufen, verblichen, vernarbt. Er fragte mich nach meinen Tattoos und ob ich Lust hätte. Der Neugier halber folgte ich ihm. Wir bogen in den Eingang eines prunkvollen Hauses. Die Treppe war breit, marmoriert, die Wände dunkel, beklebt, besprüht. Vor der Tür eines Arztes warteten Leute. Der Tätowierer trug einen Pferdeschwanz. Sein Hals war mit der berühmten Schwarz-Weiß-Flagge verziert. Ich nahm Platz. Er zeigte mir seine Arbeiten, die alle eher von minderer Qualität waren. Dennoch schien er populär zu sein, der Menge nach zu urteilen. Im Nachbarraum wurde diskutiert. Rauschschwaden drangen zu uns. Ein fast noch Jugendlicher ließ sich auf die braunen Leder-Couch neben uns fallen. Auf seiner rasierten Brust prangte ein geschwollener, noch blutender, atmender Papagei.

An einem Straßenstand stärkte ich mich. Simples und gutes Essen: Choclos (Maiskolben) mit Käse, gefüllte Empanadas, heiße Kartoffeln dazu gekochte Eier mit raffinierte Saucen aus Avocados, Chilis, Lemonen, Orangen … dann schlenderte ich weiter. An Palästen, Denkmälern, Kirchen und Plazas vorbei. Nirgendwo ist der Gegensatz zwischen arm und reich augenfälliger als in einer Stadt. Stillende Mütter saßen auf dem Gehsteig und versuchten nur irgendetwas zu verkaufen. Manche von ihnen bettelten gleich. Auf der anderen Seite ließ ein Mann in feinem Anzug sich seine Schuhe putzen. Krüppel schwenkten ihre verstümmelten Glieder, und einen Block weiter schwenkten gut betuchte Damen ihre Boutique-Taschen umher. Und überall das, was man in Deutschland als Kinderarbeit bezeichnen würde: Die Einen putzen Schuhe, andere verkauften gekochte Wachteleier, gesalzene Popcorn oder Chifles (frittierte Bananenscheiben).

›Ej! Sprichst du deutsch?‹ Ich drehte mich um. Ein untersetzter Mann, das blond gelockte Haar bedeckte den Nacken, kam auf mich zu. Schweiß dunkelte sein Shirt. Er roch. Sven aus Hamburg, so stellte er sich mit entschlossenem Händedruck vor, erzählte mir was ihm passiert war – schon die ersten Worte ließen mich ahnen worum es ging: Er wäre heute Nacht in Lima angekommen, am Busterminal. Er wollte unbedingt ins Zentrum und suchte nach einem Taxi, als drei Männer mit Messer auf ihn zukamen und ihn ausraubten. Man hat ihm das Messer an die Kehle gehalten. All sein Geld, alle seine Dokumente seien nun weg, und die Kontaktaufnahme mit der deutschen Botschaft ungenügend. Aber er hätte Bekannte in Peru, eine Nachtfahrt östlich von Lima entfernt, nur fehle im das Geld dazu. Ich gab ihm schließlich etwas, nicht genug für die Fahrkarte, aber genug für ein Mittagessen. Sein Augen waren wirr.

Im Hostel erzählte ich die Geschichte einer Clique Männer aus Berlin: ›Ach! Den ham’wa auch getroffen!‹ Zunächst gaben sie ihm 60 Soles für das Ticket. Ein Einheimischer allerdings, der sie zufällig sah, rief ihnen noch bei der Geldübergabe zu, dass dieser ›Sven‹ seit zwei Jahren mit dieser Geschichte durch Lima läuft. Sie stellten ihn zur Rede. Sven war perplex, er konnte sich nicht verteidigen. Von den 60 Soles nahmen sie ihm 50 wieder ab, der Rest wäre fürs Essen. Vielleicht wurde Sven wirklich ausgeraubt. Vielleicht auch nicht. Er wird seine Gründe gehabt haben, sich durch die Straßen Limas zu schnorren. Lima mochte er nicht: ›Das einzige was hier grün ist, sind die Laternenpfähle‹.

Und diese Gruppe Männer, alle Anfang, Mitte 30, sie machen das, was ich mit meinen Freunden auch einst machte. Reisen, an den Balaton, nach Skandinavien, Bulgarien. Aber irgendwann hat sich das Leben zwischen uns geschlichen. Kaum spürbar, und ich verstand Mutter nicht, wenn sie immer sagte, dass auch meine Freundschaften vorbei gehen. Später wusste man nicht mehr, was der eine macht und wo der andere wohnt. Einige haben einen anderen Namen angenommen. Schön war es, diesen Männern zuzuhören. Wir haben uns nicht solche Fragen gestellt, aber wir waren viel jünger.

Und einer von ihnen, äußerte Bewunderung mir gegenüber. Ich war unangenehm berührt. Bewunderung wofür? Dafür, bereit etwas zu riskieren? Zu wagen? Neugierig zu sein? Zu leben?

Ich versuche lediglich noch etwas Kind zu bleiben.


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