Life Festival Oświęcim

Von Qohelet17

Living Library

Als ich aus Minsk zurückgekommen bin war das Oświęcim Life Festival bereits teilweise angelaufen. Nichts allzu großes, aber doch einige sehr interessante Veranstaltungen wie beispielsweise die „Living Library“ in der man sich mit Angehörigen verschiedener Minderheiten in Polen unterhalten konnte.

Den Höhepunkt bildete dann aber ein Konzert, dessen Stars u.A. der amerikanische Reggae-Hip-Hop-Musiker Matisyahu und der britische Sänger James Blunt waren.

Der Konzerttermin war der 18. Juni 2011. Ein Samstag – Matisyahu ist gläubiger Jude und spielt daher nicht an Samstagen – jedoch ist auch anzufügen, dass der jüdische Samstag eine Stunde nach Sonnenuntergang endet. Das war in diesem Fall gegen 23:00.

Unsere Synagoge im Festgewande - sieht man auch nicht alle Tage...

Und dann im aktiven Betrieb...

Zuvor wollte der Schabbat allerdings auch gefeiert werden. Freitag Abend erschien dann der Oberrabbiner von Polen aus Warschau und hielt in unserer Chevra-Lomdej-Mischnajot-Synagoge einen Gottesdienst ab. Streng orthodox, wie es sich gehört verschwanden die weiblichen Teilnehmer hinter einer Vorhangwand. Leider waren zu wenig jüdische Frauen anwesend, sodass sich dort nicht wirklich eine eigene Art von „Gottesdienst“ entwickelt hatte – die meisten Nichtjüdinnen schwiegen sich eher aus Ehrfurcht an, während man bei den Herren Hora tanzte (das ist eine Art Kreistanz – in diesem Fall um die Bima – das Podium, von welchem die Torah gelesen wird).

Kiddush in der Chevra Lomdej Mishnajot Synagoge

Der Oberrabbiner von Weißrussland in "Ask the Rabbi"

Als Nächstes folgte das traditionelle gemeinsame Kiddusch-Essen – bei dem aufgrund des Schabbats fotografieren nicht erwünscht war – sonst hätte ich euch gerne einige Fotos zur Verfügung gestellt. Dies zog sich bis nach ein Uhr morgens – einige Gläubige haben danach in der Synagoge übernachtet – oder aus Respekt vor der Synagoge – vor ihr.

Immer koscher bleiben - mit koscheren Spezialitäten (auch für den Verzehr innerhalb von Synagogen geeignet)

Gegen 21:00 sollte dann der Brite mit dem sanften Lächeln auftachen… Aber Moment! Wenn er auf der Bühne ist – wird er mir kein Autogramm schreiben können. Danach hat er es sicherlich auch eilig… Wie bekomme ich es dann?

Hier beginnt das Problem. Beim Festivalpersonal finde ich heraus, dass sich die gesuchte Problemlösung in Form einer Pressekonferenz um 19:15 ergeben könnte, die in der Internationalen Jugendbegegungsstätte stattfindet. „Das ist es“ denke ich mir und stürme das Gebäude – „Jestem Fotograf“ – „ich bin Fotograf“ rufe ich, mit meiner VIP-Karte in der Hand. Ob „jestem Fotograf“ wirklich das Gehoffte heißt, weiß ich nicht, aber man ließ mich rein. Damit wäre Phase 1 erledigt. Doch wo ist nun dieser Schönling, dessen Lied „You‘re beautiful“ bei keiner schlechten Fernsehsendung ausgelassen wird? Jetzt soll sich zeigen, wie VIP mein Ausweis wirklich ist. Ich gehe in die Super-VIP-Abteilung – wieder die Karte in die Höhe haltend. Auch kein Problem. Im Dunkeln sitzen ein paar Leute um einen Tisch und unterhalten sich auf Polnisch.

Wie sieht James Blunt eigentlich aus? Vielleicht sitzt er gerade da…? Ernsthaft. Ich hatte keine Ahnung, wie er aussieht. Schauspielergrinsen, lockere Haare und Kleidungsstil wie die britische Mods-Bewegung. So stelle ich ihn mir vor. Etwas unsicher begrüße ich die Runde. James Blunt ist noch nicht da, aber Maciek unser Bildungsbeauftragter sitzt vor mir – hatte ihn gar nicht bemerkt. Der Star hat Verspätung. 15 Minuten. Seltsam. Stars haben immer 15 Minuten Verspätung. Auch wenn es meistens mehr sind und sie gar keinen Titel haben, sodass es eine akademische Viertelstunde wird.

Gegen 19:40 gab es plötzlich Aufregung. Ich kann nicht sagen, woher diese gekommen ist, sie war plötzlich da. Wie zu erwarten war würde er über den Hintereingang kommen – ich stürme heraus, mir fällt ein, dass ich gar nichts zum Unterschreiben dabei habe, aber die Kamera ist geschultert. Irgendwas fällt mir schon ein.

Ein Auto fährt an den Hintereingang und fünf Leute steigen aus.

Was zum…

Die sehen alle irgendwie gleich aus. Naja – nicht, dass sie gleich aussehen, aber keiner sticht irgendwie hervor. Egal. Ich mache Fotos. Plötzlich kommt eine der Veranstalterinnen wild mit den Armen fuchtelnd auf mich zu. Nicht hier die Fotos machen, sondern nur im Konferenzraum – wo sie mich auch hinzerrt. Der Mittlere der ausgestiegenen Gruppe findet die Wegzerrung des Mario anscheinend lustig. Sollte ich irgendwann Karriere (als Fotograf) machen, gibt es vielleicht einen Künstler, der diese Wegzerrung aufarbeitet.

Das hier ist das offizielle erste Foto, das von James Blunt in Oświecim aufgenommen wurde: Urherber: Mario Schwaiger

Im für Lichtbildaufnahmen geeigneten Raum sitze ich und warte darauf, die eben vorhin begrüßten Gesellen wieder anzutreffen. Und ich staune. Der Kleine mit den durchtrainierten Armen ist also der Mann, den die Frauen lieben. Ich hatte ihn mir immer größer vorgestellt, aber höher als 1,70 ist der nie… Egal – er macht einen sehr sympathischen Eindruck und beantwortete auch brav alle Fragen – auch die obligatorische, warum ihn alle Frauen lieben. Lang hatte ich darüber nachgedacht, ob ich sie stellen sollte – dann wurde mir irgendwann klar, dass diese „total unerwartete, extremst kreative“ Frage wahrscheinlich in jeder Pressekonferenz gestellt wird. James lacht nett und sagt, dass ihn wahrscheinlich nicht alle Frauen lieben und auch hofft, dass die Freundin des Journalisten nicht mit ihm fremdgehen will. Scheint ganz nett zu sein – auch wenn ich irgendwie das Gefühl habe, dass er sich vor meiner großen Kamera fürchtet.

James Blunt bei der Pressekonverenz

Vorbei ist alles schneller als erwartet. Es gab nicht viele Fragen und nachdem alles vorbei ist, stürmt der halbe Raum auf den muskulösen Frauenherzendieb. Ich… habe immer noch nichts zum Bekommen einer Unterschrift. CD besitze ich keine von ihm und… Hat so ein Reporter neben mir doch glatt einen Block dabei… Ob ich mir den kurz ausleihen kann? Danke! Dränge mich vor und ja, hier bitte – eines für Dasha!

Er schaut mich etwas verwirrt an. Für wen? Dasha – ein Fan aus Weißrussland. Di, Aj, Es Eitsch. Dasha! Danke!

Ziel erreicht. Damit haben sich also meine Befürchtungen zerstreut.  Ich bin meiner Pflicht nachgekommen.

Sein Konzert war übrigens auch ausgezeichnet. Viele bekannte Lieder und einmal hat er sich sogar von der Masse herumtragen lassen – das Sicherheitspersonal war etwas nervös, als man ihn nicht wieder zurückbringen wollte – es dann aber doch tat.

Nach dem Konzert fiel mir plötzlich ein, dass ich noch ein zweites Autogramm von ihm ergattern sollte – versprochen hatte ich zwar nichts, aber nett wäre es trotzdem. Leider ist er relativ lange nicht beim Ausgang erschienen und hatte es danach so eilig wieder wegzukommen, dass ich leer ausging. Egal – ich hatte, was ich erreichen wollte.

Inzwischen wurde die Stimmung angeheizt für den Abschluss des Abends: Matisyahu.

Während er in Europa fast weitgehend unbekannt ist, hat er sich in den Vereinigten Staaten einen recht stattlichen Ruf verdient. Hin und wieder höre ich recht gerne jüdische Musik, wie sie im Gebet verwendet wird, aber mit Matisyahu konnte ich nie allzu viel anfangen. Es ist kein „jüdischer Hip-Hop“, wie es möglicherweise verächtlich genannt wird – religiös angehaucht ja, aber nicht per Definition.

Also stand ich mit meiner Kamera vor der Bühne und habe Fotos geschossen wie ein Irrer. Zwei Lieder hatte ich – Blitz war nicht erlaubt und danach musste ich wieder weg. Als das Dritte angebrochen war, hielt ich kurz inne und bemerkte, dass mich das Sicherheitspersonal nicht entfernen wollte. Erst jetzt hörte ich seine Musik. Erstaunlich, dass mir das nie so direkt aufgefallen ist – ich weiß nicht, welches Lied es war, aber irgendwie wurde mir mit jeder vergehenden Sekunde mehr und mehr bewusst, dass das nicht einfach nur ein Lied war, sondern ein Gebet. Es klang nicht so, hatte nicht dessen Text, war aber trotzdem eines… Der Rest erinnerte sehr stark an ein psychedelisches Reggae-Konzert. Mein erstes übrigens. Der immer wieder einsetzende Regen gab allem zudem eine sehr spezielle Atmosphäre.

Aufgrund des Schabbats folgte die Pressekonferenz im Anschluss ans Konzert.

Matisyahu nach dem Konzert

Dazu gibt es auch noch eine Geschichte zu erzählen:

Es war 20 Minuten vor Schabbat. Plötzlich fiel einer der Organisatorinnen des Kiddusch ein, dass Matisyahu, der mit uns den Vorabend und auch den Schabbat verbringen sollte noch, kein koscheres Frühstück hatte. Im Hotel Galicja hat man zwar sehr gutes Essen – welches noch lange nicht koscher ist. Das Hotel ist im Fußmarsch etwa 20 Minuten entfernt (ein Weg) – Auto stand keines zur Verfügung. Was sollten wir tun?

Plötzlich schießt es mir, dass ich ein Fahrrad habe, lasse mir das Frühstück geben und reite meinen Drahtesel. Auf halbem Wege laufen mir plötzlich zwei seltsame Gestalten über den Weg. Die Bremsen voll gezogen überfahre ich sie fast und man schaut mich verwundert an.

„Are you Matisyahu?“ grinse ich ihn an.
„Ehh… Yes?“ erwidert er verwirrt.
„Shalom, I bring your breakfast. Its not Shabbat yet… May I have an autograph?“

„Well… Of course?“

Autogramme ergattern kreativ

Autogramm holen für Profis: Hier mit: Matisyahu


Einsortiert unter:AJCF (Auschwitz Jewish Center), Mario Schwaiger, Oświęcim, Polska, Religion