Leserrezension zu "Die Königin der Orchard Street" von Susan Jane Gilman

Von Carol

SUHRKAMP Verlag

Dieser Roman ist ein berührendes Zeitzeugnis aus dem jungen New York Anfang des 20.Jahrhunderts. Einer Zeit, in der das Schicksal und die Charaktere der Menschen von den Straßen und Vierteln geprägt wurden, in denen sie lebten. So ergeht es auch der kleinen, jüdischen Exilrussin Malka, die nach einem Unfall selbst von ihrer Mutter verlassen wird. 

Doch die Kleine ist pfiffig und clever und gibt den Traum von einer besseren Zukunft nie auf. Zum Glück wird sie von einer italienischen Einwandererfamilie adoptiert, erhält den neuen Namen Lillian, eine neue Konfession und vor allem die Aussicht auf ein unabhängiges Leben. Denn sie wird in das Geheimnis der Fertigung von Eiscreme eingeweiht. Dies ist der Grundstock für ihre spätere Karriere als „Eiskönigin von Amerika“, später von den meisten geachtet, geliebt und von manchen gehasst. Aber bis ins hohe Alter bleibt sie sich selber treu und macht selten Kompromisse. Ihr Mut, ihre Cleverness und Kampfeswille lassen sie selbst ab und zu „eiskalt“ erscheinen.  

Perspektivisch erlebt der Leser die Geschichte aus den Erinnerungen einer alten Dame, mit zeitlichen Wechseln in das Hier und Jetzt. Trotzdem wird der Lesefluss nicht beeinträchtigt. Die bildhafte Sprache und eindringlichen Beschreibungen lassen das Kopfkino direkt anspringen. Das Covermotiv ist dazu perfekt gewählt. Und nicht zu vergessen die „New Yorker Schnauze“, die ab und zu bei der Erzählung durchkommt und zum Schmunzeln verleitet. Ein Schicksalsroman über die Höhen und Tiefen eines langen Lebens, der an einigen Stellen allerdings etwas langatmig wirkt. Vier von fünf Punkten.
Danke an den Suhrkamp Verlag für das schöne Belegexemplar. Hier das Autorenvideo zum Buch: