Lernkartei III – Vom Stapel lernen

Die Lernkartei “zuckt schon”, wie der vorherige Artikel beschrieben hat. Als Anwender kann ich im Lernmodus Karteikarten “durchblättern”, also schon beurteilen, ob mir Darstellung und Interaktionen gefallen. Lernen, im Sinne einer Wiedervorlage von nicht gewussten Antworten, kann ich mit dem Programm allerdings noch nicht. Das soll in der zweiten Iteration hier nun nachgerüstet werden.

Arbeiten mit der Lernkartei

Bevor ich mich aber in die Modellierung stürze, muss ich die Anforderungen verstehen. Was bedeutet denn das Lernen mit Karteikarten konkret, wie gehe ich dabei vor? Wie soll sich das Programm verhalten?

Struktur der Lernkartei

Ich stelle mir das so vor:

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Die Karten, die ich lerne, nehme ich von einem Stapel (Batch). Der enthält für einen Stapeldurchlauf (Batch Run) nicht zuviele Karten.

Gefüllt wird der Stapel aus Fächern (Compartment). Es gibt n+1 Fächer, von denen das 0-te eine besondere Bedeutung hat. Das 0-te Fach ist die Halde (Heap). Zu Beginn des Lernens mit einer Lernkartei liegen alle Karteikarten in der Halde.

Wenn ich frische Karteikarten für den Stapel brauche (weil in den anderen Fächern gerade keine zum Lernen anstehen), nehme ich sie von der Halde. Und vom Stapel wandern sie in die Fächer 1..n. Dazu später mehr.

Eine Karteikarte, deren Antwort ich weiß, die aus dem Fach n kommt, geht schließlich ins Archiv (Archive). Sie verlässt damit die Fächer und wird nicht wieder vorgelegt.

Lernen ist mithin der Prozess, der die Halde ins Archiv transferiert.

Lernalgorithmus

Die Karten, die ich lernen will, liegen auf dem Stapel. Der sollte nicht zu hoch sein, damit nicht gewusste Karten immer wieder mal angeboten werden. Ich sag mal, mehr als 20-25 Karten liegen nicht auf dem Stapel.

Vom Stapel lerne ich solange, bis nur 3 Karten darauf sind. Denn ab 3 Karten ist die Wiedervorlage nicht gewusster Karten so zügig, dass sie mir beim Lernen nicht mehr wirklich hilft.

Lernen vom Stapel bedeutet:

  1. Ich nehme die oberste Karteikarte und schaue mir die Frage an.
  2. Dann schaue ich mir die Antwort an und beurteile, ob ich sie gewusst habe.
    • Wenn ich die Antwort gewusst habe, stecke ich die Karte ein Fach weiter. Jede Karte kommt aus einem Fach auf den Stapel; ich weiß also, welches Fach für sie dann das nächste Fach ist. Gewusste Karten wandern so von Fach zu Fach bis ins Archiv.
      Karte aus Fach f kommt auf den Stapel und wenn ich ihre Antwort weiß, vom Stapel in f+1 (bzw. ins Archiv).
    • Wenn ich die Antwort nicht gewusst habe, stecke ich die Karte ans Ende des Stapels. Sie “blubbert” dann langsam wieder an seine Oberfläche, so dass ich mich mit ihr früher oder später wieder beschäftige.
      Karten aus Fach f, deren Antwort ich nicht weiß, verlieren ihre Herkunft und werden zurückgestuft auf Fach 1.
  3. Wenn ich mit dem Lernen aufhöre und noch Karten auf dem Stapel sind, kommen die zurück in Fach 1.

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Wenn der Stapel am Anfang des Lernens leer ist oder immer wenn er während des Lernens die minimale Anzahl an Karten erreicht, fülle ich ihn aus den Fächern wie folgt:

  1. Alle Karten, die in Fach 1 sind, kommen auf den Stapel.
  2. Wenn noch Platz auf dem Stapel ist, dann fülle ich ihn mit Karten aus dem letzten Fach, das voll ist. Die Fächer haben eine steigende Kapazität, damit Karten immer seltener zum Lernen vorgelegt werden. Das ist ja der Trick am Lernen mit der Lernkartei. Fach 1 hat eine Kapazität wie der Stapel k1=ks. Die weiteren Fächergrößen verdoppeln die Kapazität, k2=40, k3=80, k4=160, k5=320.
    Ich schaue also zuerst, ob Fach n voll ist, wenn nicht, dann ob Fach n-1 voll ist usw. Fach 1 ist zu diesem Zeitpunkt immer leer (s. Schritt 1). Aber Fach 0, die Halde, ist immer voll, egal wieviele Kartei noch auf Halde liegen.
    Dieses Vorgehen sichert zu, dass volle Fächer langsam abgearbeitet werden und dass immer wieder neue Karten von der Halde “ins Spiel kommen”. Schonmal gewusste Karten (in vollen Fächern) haben also Vorrang vor Karten von der Halde.
  3. Falls der Stapel immer noch nicht gefüllt ist (weil die Halde leer ist und kein anderes Fach voll), wird er aus den Fächern in der Reihenfolge 2..n bestückt.

Ich finde den Umgang mit der Lernkartei (Flash Card Box) in dieser Weise geradlinig. Gelernt werden die Karten, die ich sozusagen in der Hand halte (Stapel) und gespeist wird der Lernstoff aus dem Karteikasten, d.h. den Karten, die ich schonmal in der Hand hatte, oder der Halde. Wenn ich neuen Lernstoff brauche, greife ich einfach in die Fächer.

Flow modellieren

Bisher sieht der Flow für das Lernen so aus:

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Die Karten, die am Ende herauskommen, sind “Zufallsprodukte” von Get next card.

Ab jetzt sollen die Karten jedoch vom Stapel kommen. Advance card muss die aktuelle Karte entweder unter den Stapel schieben (wenn Antwort nicht gewusst) oder vom Stapel nehmen und ein Fach weiter stecken. Und Get next card muss die nächste Karte vom Stapel holen bzw. ggf. den Stapel neu füllen.

Beide Funktionseinheiten müssen deshalb den Stapel kennen:

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Die kleine Tonne an den Funktionseinheiten ist die Kurzschreibweise für eine Abhängigkeit.  Advance card und Get next card sind also abhängig vom Stapel, sie haben damit gemeinsamen Zustand.

Fragt sich jetzt nur, wie der Stapel initial gefüllt wird und wie die erste Karte bei Start der Anwendung in den View bzw. das ViewModel kommt. Dafür ist ein “Nebenfluss” nötig:

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Open box öffnet die Lernkartei (Flash Card Box) und sorgt dafür, dass Get next card die erste Karte vom Stapel ans ViewModel schickt.

Achten Sie auf das (C) bei Open box, es zeigt an, dass die Funktionseinheit in der Config-Phase des Programmstarts ausgeführt wird. Zu dem Zeitpunkt sind alle Funktionseinheiten erzeugt, gebunden und mit ihren Abhängigkeiten versorgt (Phasen Build, Bind, Inject).

Auf die Config-Phase folgt dann die Run-Phase, die eine ausgezeichnete Funktionseinheit startet, so dass es auch für den Anwender losgeht.

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Der View selbst ist diese ausgezeichnete Funktionseinheit, der EntryPoint für die Flows.

Feature Slicing

Da ich noch keine echten Karteikarten habe, füllt Open box die Lernkartei mit Dummy-Karten. Im Fokus dieser Iteration ist das Vorgehen beim Lernen; dafür brauche ich als Anwender noch keine echten Karten, sondern muss nur beurteilen können, ob das Programm gem. Algorithmus mit der Lernkartei umgeht.

Für diese Iteration specke ich sogar noch weiter ab. Das Programm soll noch nicht einmal den ganzen Lernalgorithmus implementieren, sondern nur das Lernen vom Stapel. Die Karten werden also noch nicht aus Fächern geholt und auch nicht weitergesteckt.

Aus dem ganzen Feature “Lernen nach Lernalgorithmus” schneide ich mir nur eine dünne Scheibe (Feature Slice), um schneller etwas auf die Straße zu bekommen. Das Modell erfährt dadurch schon eine wichtige Erweiterung (es kommt Zustand hinzu, der Zustand wird initialisiert, der ganze Programmstart bekommt mehr Systematik) und als Anwender habe ich einen überschaubaren sowie schnell überprüfbaren Nutzenzuwachs.

Daten modellieren

Bisher waren die Daten, die da im Flow flossen, sehr einfach. Die Karte enthielt nur zwei Felder: Frage und Antwort. Dazu war nicht viel zu sagen. Doch jetzt kommt einiges hinzu: Stapel, Fächer, Archiv. Ein explizites Datenmodell lohnt sich daher:

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Die Flash Card Box ist die Spinne im Netz. Sie zieht Stapel, Fächer und Archiv zusammen. Und mehr nicht.

Alle Datenfunktionseinheiten haben möglichst simple, auf den hiesigen Zweck zugeschnittene Schnittstellen.

Für diese Iteration brauche ich allerdings nur die Flash Card Box, Batch und Batch Card. Card habe ich schon.

Als Notation für das Datenmodell habe ich bewusst die “Krähenfußnotation” gewählt (mit etwas API-Zucker oben drauf). Ich stimme nämlich Jim Stewart zu, dass die am leichtesten verständlich ist.

Ebenfalls bewusst habe ich im Diagramm auch Funktionseinheiten wiederholt (Card). Viele Linien, die alle auf den selben Kasten weisen, finde ich verwirrend. Sie machen das Verstehen von Diagrammteilen schwieriger und suggerieren Abhängigkeiten, wo keine sind.

Feature Slice implementieren

Plan a little, code a little. So geht die Implementierung für das Feature Slice leicht von der Hand. An den Kontrakten ist nur wenig zu machen:

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Und der Code für die Datentypen ist ganz einfach, weil er im Grunde nur eine Queue kapselt. Spannender ist da schon die Implementierung für die Aktionen Advance card usw. Die sind ja nun zustandsbehaftet:

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Da schien mir ausnahmsweise mal eine Ableitung angebracht. Alle Aktionen, die sich eine FlashCardBox als Instanz teilen, erben von FlashCardBoxEntity. Die Klasse implementiert IDependsOn<T> und enthält eine Variable für den Zustand:

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So werden die Ationen übersichtlicher, weil sie sich aufs Wesentliche konzentrieren:

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Die Initialisierung erfolgt in der Startup-Phase Inject:

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Wenn Sie genau hinschauen, sind die Aktionen jedoch nicht direkt von FlashCardBox abhängig, sondern von SharedState<FlashCardBox>. Warum das? Weil nur so es möglich ist, dass Open box für alle anderen den Zustand erzeugt und setzt.

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Natürlich hätte außerhalb eine Instanz von FlashCardBox erzeugt und in alle injiziert werden können, doch dann hätte die einen parameterlosen Ctor haben müssen. Das fand ich unschön. Mit dieser Lösung jedoch ist es erstens möglich, die Lernkartei-Instanz auszutauschen und zweitens die Initialisierung mit einem Ctor sehr schön in einer Aktion zu kapseln.

Zwischenstand

Der Code ist wie immer im Mercurial Repository zu finden: http://code.google.com/p/wpfflashcards/

Mir hat diese Iteration Spaß gemacht. Der entsprang besonders der Auflösung einer Spannung, in die ich mich hineinmanövriert hatte. Zu Anfang hatte ich nämlich geplant, das komplette Feature zu implementieren. Ich hatte es auch modelliert. Aber dann… war mir die Zeit zur Implementierung zu knapp. Ich fühlte mich unwohl. Sollte ich versuchen, alles huschhusch runterzucoden?

Doch dann habe ich mich zum Feature Slicing entschieden. Warum nicht aus dem Gesamtmodell für das Lernen nur den Stapel herauslösen und implementieren? Ja, warum eigentlich nicht? Wenn unter Druck, dann ist das ein probates Mittel, ihn zu reduzieren: einfach die Nutzenscheibe dünner schneiden. Das ist viel besser, als mit dem ganzen Feature anzufangen und nicht fertig zu werden.

Aus Anwendersicht ist nicht soviel auf die Straße gekommen, doch das, was da ist, ist solide gemacht. Das Modell ist sauber und zukunftstauglich. Und die Implementierung ist durch Tests gestützt.

Aus Entwicklersicht kann ich zufrieden sein, weil ich Nutzen geliefert habe. Und gleichzeitig habe ich das Modell insgesamt runder gemacht, weil nun ein vernünftiger Anfang (Open box) für die Daten da ist. Die muss ich nun nicht mehr wie in der ersten Iteration in den Flow “hineinmogeln”.

Mal schauen, was beim nächsten Mal dran ist. Wahrscheinlich werde ich das Lernen komplettieren mit Halde, Fächern und Archiv.


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