Leben ohne Existenzangst, Arbeit ohne Zwang

Von Nicsbloghaus @_nbh

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde den Wert von bis­her unbe­zahl­ter Arbeit hono­rie­ren und unge­ahnte Kreativität frei set­zen. Die bis­her prak­ti­zierte «Antrags- und Schnüffelbürokratie» hätte ein Ende.

Von: Roland Rottenfusser

„Artikel 1: Die Würde des Menschen kann von den staat­li­chen Organen je nach Kassenlage gewährt wer­den.

Artikel 2: Jeder, der sich im Behördendschungel durch­zu­schla­gen weiß und selbst demü­ti­gende Auflagen der staat­lich Stellen erfüllt, hat das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unversehrtheit.“

Kommt Ihnen an die­sen Verfassungsartikeln etwas merk­wür­dig vor? Richtig, sie ste­hen so nicht im deut­schen Grundgesetz. Tatsächlich heißt es schlicht: „Die Würde des Menschen ist unan­tast­bar. (…) Jeder hat das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unversehrtheit.“ Was hel­fen aber Verfassungsnormen, wenn die Behörden in der Praxis eher so ent­schei­den, als wären meine (sati­ri­schen) Paragrafen gül­tig? Wer heute Hartz IV bzw. Arbeitslosenunterstützung bean­tragt, steht unter Generalverdacht, ein Sozialschmarotzer zu sein. Er muss sich vor den Sachbearbeitern bis aufs Hemd aus­zie­hen, auf Befehl miese Jobs anneh­men oder sinn­lose Umschulungsmaßnahmen absol­vie­ren.

„Erlösung vom Arbeitszwang“

Die Behörden ver­hal­ten sich bei der Vergabe von Unterstützungsleistungen immer eng­her­zi­ger, dabei würde uns der immense Produktionsfortschritt end­lich mehr Großzügigkeit ermög­li­chen. Die Wirtschaft stellt immer mehr Waren mit der Arbeitskraft von immer weni­ger Menschen her. Folgt man der Logik der Arbeitsgesellschaft, ist dies eine Tragödie, für den gesun­den Menschenverstand wäre es eigent­lich ein Grund zur Freude. Die fran­zö­si­sche Schriftstellerin Viviane Forrester „Der Terror der Ökono­mie“ schrieb: „Sollte die Erlösung vom Arbeitszwang, vom bib­li­schen Fluch, nicht logi­scher­weise dazu füh­ren, die eige­nen Lebenszeit freier ein­tei­len, freier durch­at­men zu kön­nen, sich leben­dig zu füh­len, ohne her­um­kom­man­diert, aus­ge­beu­tet und in Abhängigkeit gehal­ten zu wer­den?“

Statt mehr Freiheit hat die indus­tri­elle Massenproduktion aber nur zwei­er­lei bewirkt: mehr Unfreiheit für die vom Arbeitsprozess Ausgeschlossenen und mehr Leistungsdruck auf jene, die man gnä­di­ger­weise noch an ihm teil­ha­ben lässt. Wer hätte gedacht, schreibt Forrester, „dass eine Welt, die auch ohne den Schweiß auf der Stirn so vie­ler Menschen aus­zu­kom­men ver­mag, sogleich zur Beute eini­ger weni­ger würde und dass man nichts Dringlicheres zu tun haben würde, als die über­flüs­sig gewor­de­nen Arbeiter gna­den­los in die Enge zu trei­ben.“ Ihr Resümee: „Warum soll­ten wir nicht zunächst nach einem Modus der Umverteilung und des Über­le­bens suchen?“

Die Freiheit, „nein“ zu sagen

Den Begriff „Grundeinkommen“ ver­wen­det Viviane Forrester nicht. Dafür tut dies Götz Werner umso inten­si­ver. Seit Jahren tin­gelt der Chef der Drogeriekette dm uner­müd­lich durch Vortragssäle und Talkshows, um für seine Idee zu wer­ben. Mit sei­nem Standardwerk „Einkommen für alle“, legte er eine zusam­men­hän­gende Theorie des Grundeinkommens vor. Sie basiert in ihrer ethi­schen Begründung letzt­lich auf dem Recht auf Leben und auf Freiheit. „Denn das Recht auf Freiheit beinhal­tet sehr wesent­lich das Recht, nein sagen zu kön­nen. Es beinhal­tet zum Beispiel das Recht, eine bestimmte Arbeit abzu­leh­nen. (…) Die Freiheit, nein zu sagen, hat aber nur der, des­sen Existenzminimum gesi­chert ist.“

Wirklich neu ist der Gedanke nicht: Bereits im 19. Jahrhundert plä­dierte Paul Lafargue für ein „Recht auf Faulheit“ als Bedingung für die volle Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit. Er meinte damit aller­dings nicht völ­lige Tatenlosigkeit. Zur Finanzierung von mehr Freizeit für alle schlug er vor, unpro­duk­tive Mitglieder der Gesellschaft wie­der der Arbeit zuzu­füh­ren. Bertrand Russel plä­dierte in „Lob des Müßiggangs“ (1957) expli­zit für ein Grundeinkommen. Der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm schrieb vor 40 Jahren: „Das garan­tierte Einkommen würde nicht nur aus dem Schlagwort ‚Freiheit’ eine Realität machen, es würde auch ein tief in der reli­giö­sen und huma­nis­ti­schen Tradition des Westens ver­wur­zel­tes Prinzip bestä­ti­gen, dass der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben.“

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