Laufen mit zu hohem Puls

Von Walter Kraus
Es hat sich in letzter Zeit doch ein Thema des Öfteren gehäuft: „Ich laufe mit einem (zu) hohem Puls“ oder „So ein hoher Puls kann nicht gesund sein“! Bevor sie nun etwas Ungesundes machen und das Herz unnötig belasten, laufen sie lieber in einem sicheren Pulsbereich oder beginnen gar nicht einmal damit. Eine schöne Ausrede. Was du alles bei deiner Pulsmessung beachten sollst und vor allem was nicht!
In der Trainingslehre gibt es zwei Meinungen zum Thema Pulsmessung, die nicht unterschiedlicher sein könnten: die einen schwören auf die Pulsmessung und jeder Herzschlag wird genauestens interpretiert und das andere Lager verpönt sogar jegliche Herzfrequenzaufzeichnung.

Vorteile/Nachteile Pulsmessung 


Vorteile Nachteile

  • einfache Trainingsvorgabe (Trainingsbereiche)
  • leichtes Einhalten
  • einfache Analyse
  • „Tourenzähler“ des Herzens
  • „technische Bremse“ für Schnellstarter
  • gibt Sicherheit, das „Richtige“ zu tun
  • anfällig auf Störgrößen
  • „träge“ im Anstieg
  • Einfluss der Laufökonomie bei längeren Läufen
  • „Sklave der Uhr“
  • Überbewertung einzelner Einheiten
  • Verlust des Körper- und Tempogefühls


Ich persönlich finde, dass beide Varianten gezielt ins Training mit einbezogen gehören. Die Pulsmessung einerseits zur einfachen Überprüfung von Trainingsbereichen und der Verzicht der Pulsuhr zur Schulung des Tempogefühls. Die Aufzeichnungen dürfen dabei nicht überbewertet werden und schon gar nicht dürfen daraus voreilige Schlüsse gezogen werden! Denn der Puls ist nun mal (teilweise sogar sehr) variabel, wie es die Natur eingerichtet hat.

Was ist ein (zu) hoher Puls? 

Ich behaupte, dass ein Puls von 188 Schlägen hoch ist! Für mich! Fürs Laufen! Für eine maximale Belastung! Wenn ich mich auspowern möchte! Wenn’s der Tag zulässt! Wenn ich ausreichend gegessen habe! Wenn’s Spaß macht! Möchte ich hingegen einen lockeren Lauf machen, um meinen Fettstoffwechsel zu trainieren, dann wäre für mich! ein Puls von 150 Schlägen bereits (zu) hoch.
Eine andere Person würde mich vielleicht verwundert ansehen, weil sie nicht einmal auf 150 Schlägen maximal kommt! So individuell ist der Herzschlag – es gibt keinen absoluten Wert für einen hohen Puls, sondern immer nur einen persönlichen! Deshalb ist ein Pulsvergleich zwischen zwei Personen nicht unbedingt sinnvoll.
Wenn sich jedoch zwei Läufer maximal anstrengen, dann wird ihr Herz gleichermaßen maximal schlagen müssen. Fact ist nämlich, dass bei einer bestimmten Belastung das Herz so schnell schlagen muss, damit ausreichend Sauerstoff in die Zellen transportiert werden kann. Für den einen Läufer kann die maximale Herzfrequenz bei 160 Schlägen sein, für einen anderen bei 220 Schlägen. Beide Herzen werden sehr stark belastet und müssen natürlich dementsprechend hart arbeiten.

Ist dieser hohe Puls nun schlecht? 

Die Natur hat uns so gebaut bzw. der Mensch hat sich der Natur so angepasst, dass wir überleben können. Dazu gehört auch die maximale Belastung, der maximale Herzschlag. Jeder hat seine persönliche Obergrenze, die natürlich limitiert ist. Dadurch waren und sind wir in der Lage, von Säbelzahntigern und Löwen davonzulaufen oder anderen Tieren hinterher zu laufen, um sie zu erlegen. Natürlich können wir diese Belastung nicht auf Dauer aufrechterhalten. Wenn wir zu langsam sind, werden wir gefressen oder unser Fressen ist weg! ;-)
Solange das Herz gut funktioniert, der Herzmuskel ausreichend und schnell genug kontrahiert, die Herzklappen dicht und die Gefäße einigermaßen dehnbar sind, dann ist eine derartige Belastung keineswegs gefährlich. Im Gegenteil, es fördert sogar die Gesundheit, sofern man das Herz nicht ständig maximal belastet.
Vergleiche deinen Körper mit einem Auto, das genauso eine Herzfrequenz hat, nämlich die Tourenzahl. Es gibt eine „Ruheherzfrequenz“, bei der das Auto im Stand läuft = geringste nötige Belastung. Wenn du aufs Gas trittst, wird beschleunigt. Jede Geschwindigkeit (und je nach eingelegten Gang), wird eine höhere Umdrehungszahl benötigt, bis schlussendlich die „maximale Herzfrequenz“ erreicht wird, dessen Höhe vom Hersteller begrenzt wurde. Ein ständiges Fahren auf maximaler Drehzahl bedeutet natürlich auch eine höhere Belastung für den Motor. Wenn der Motor bereits einen kleinen Defekt hat oder der Motor insgesamt schon eine Menge Kilometer gelaufen ist, steigt das Risiko, dass er versagt.
Und genau deshalb lässt man das Auto in regelmäßigen Abständen überprüfen, um sicherzugehen, dass der Motor hält. Und genau das solltest du mit deinem Motor auch tun! Mach ein regelmäßiges Service beim Internisten, denn dein Herz hat bereits viele Kilometer am Tacho! Wenn es gut funktioniert, dann steht einem intensiven Training nichts mehr im Wege. Das zu hoch oder gerade richtig findest du dann in deinem persönlichen Trainingsplan.

Meine Tipps:

  • ein (zu) hoher Puls ist relativ und ist nur in Bezug auf das Individuum und dem jeweiligen Trainingsziel zu sehen
  • der Puls selbst ist nicht ausschlaggebend für gesund oder ungesund, sondern der gesundheitliche Zustand des Herzens
  • lass dein Herz regelmäßig auf einen „ordentlichen Herzschlag“ untersuchen (Belastung-EKG)
  • wenn du dich beim Laufen wohl fühlen möchtest, dann lauf einfach - und ohne Pulsuhr! 
  • wenn du deine Leistung steigern willst, dann lauf nach System! Und da gibt es keinen einen Trainingspuls, sondern mehrere Trainingsbereiche! 

Die Aussage „ich bin das Rennen mit einem zu hohen Puls gelaufen“ kann nicht stimmen und müsste heißen: „Ich kann ein Rennen mit einem so hohen Puls laufen“.Und zum Schluss zählt dennoch das Ergebnis und nicht der Puls.