LA LA LAND - Der Zwang, aus Träumen Karriere zu machen

Erstellt am 29. Dezember 2016 von Die Drei Muscheln @DieDreiMuscheln

Fakten:La La LandUSA. 2016. Regie und Buch: Damien Chazzelle. Mit: Ryan Gosling, Emma Stone, Rosemarie DeWitt, J.K. Simmons, Callie Hernandez, Amiée Conn, Terry Walters, Thom Shelton, Cinda Adams, Jessica Rothe, Sonoya Mizuno, Claudine Claudio, Jason Fuchs, D.A. Wallach, Trevor Lissauer, Olivia Hamilton uvm. Länge: 126 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 12. Januar 2017 im Kino.
Story:Im Fokus der Handlung von La La Land stehen zwei hoffnungslose Träumer: Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling). Sie versucht sich als Schauspielerin in Los Angeles einen Namen zu machen, leidet aber stark unter ihrer großen Einsamkeit. Der charismatische Jazz-Pianist arbeitet ebenfalls an seiner Karriere. In dem jeweils anderen erkennen beide eine Person, die genau wie sie selbst den Wunsch hat, nur das zu praktizieren, wofür ihr Herz schlägt. So schnell wie die beiden sich auch in einander verlieben, ist die Beziehung in der harten, vom Konkurrenzkampf geprägten Atmosphäre der Stadt jedoch von Anfang an keine leichte. Immer mehr Probleme ergeben sich, als der Erfolg sowohl von Mia als auch von Sebastian ein Level erreicht, das ihre Liebesaffäre immer mehr in Mitleidenschaft zieht. Auf einmal droht das zunächst verbindende Element ihrer Träume, sie auseinander zu treiben.

Kritik:Nach nicht mal drei Spielfilmen bekräftigt Damien Chazelle vollends seinen Status als jenes neue Wunderkind unter den Filmemachern, das seine Kunst als Zwang versteht. Klar, bei „Whiplash“, dem Durchbruch seinerseits, waren Publikum wie Kritiker mehr oder weniger aus dem Häuschen, von der Energie und Leidenschaft des Jazz gefangen, der sich in dem Fall blutig schlug, um im eigenen Anspruch des Meister-Status ankommen zu können. Meiner einer war zu jener Zeit ebenso überzeugt - weit weg von einer potenziell regressiven Ideologie des Jung-Auteurs -, ein Gleichnis zur künstlerischen Ambition sowie dem beständigen Ehrgeiz derer erhalten zu haben. Mit „La La Land“ jedoch kristallisiert sich allmählich heraus, wie Chazelle jene Impulse vom Menschsein trennt, letzterem noch ein Stück weg ambivalent hinterher trauert, seine Charaktere schließlich aber in der Abkopplung sogar aufgehen lässt. Realität und Fantasie gehören in seiner Vision von Los Angeles ohnehin getrennt, unvermeidlich aufeinander aufgebaut und doch ein Kreislauf der Enttäuschungen, wenn beliebte Anlaufstellen des Showbiz hier erneut aufgewärmt werden, konstruiert platt auf die Vergänglichkeit der Ideale hinweisen, gerne auch mit diesen kokettieren, sich aber im Karriere-Kickstart genauso oberflächlich auf den real struggle der Traumerfüllung berufen - „Swingers“ lässt grüßen. Dabei fängt sich das Prozedere anfangs noch eine Huldigung zum Eskapismus ein, die einen dramaturgisch sinnvollen Weg der Hürdenläufe Richtung Erfolg mit Versüßungen abschließen sollte, echte Katharsis aus der Wunscherfüllung schöpfen könnte, ebenso Liebe, Einigkeit, Bekenntnis zum Gefühl, Herzschmerz und Spaß fürs gerne mehr als traumhafte Vermengen aus Mensch und Umwelt – halt wie in einem echten Musical. Stattdessen durchzieht den Film eine Bitterkeit, die sich vor allem am (wohlgemerkt an erster Stelle eingeführten) Protagonisten Sebastian (Ryan Gosling) abzeichnet, der nach einem Intro ausgelassener Tanz-, Gesangs- und Steadicam-One-Shot-Freuden auf dem Freeway die Hupe durchdrückt, um auf der Straße wie im Leben endlich voranzukommen.
Als linke Variante eines Abgehängten erreicht er den grünen Zweig aber auch insofern schon nicht, da er sich als angehender Top-Pianist bei der Berufsakquise ausschließlich mit „purem Jazz“ brüsten will, während die Welt hier schon längst in einer vagen Mash-Up-Phase hängt, vom Fortschritt her ausgerechnet gründlichst kacke klingt und so auch von Sebastian hämisch begutachtet wird, wenn er auch schon post-ironisch in eigener Soße schmollt. An einem kulturellen Schmelztiegel wie L.A. scheint der Film doch ein Stück weit zu verzweifeln, aiaiai. Mia (Emma Stone) geht es da nicht anders mit dem Blick hoch zur Schauspielkunst, die dafür in mickrigen Castings unterkommt und binnen des Café-Latte-Nebenjobs unzufriedene Kunden bedienen muss. Allerdings liegt letztere Tätigkeit mitten im Warner-Bros.-Backlot, eben umringt von beschaulichen Kulissen binnen der Fassade vergangener Tage, weshalb der Film auch nicht umhin kommt, dem Retro-Charme aufzulauern, sprich den enthusiastischen Ausdruck via Technicolor, Cinemascope, 35mm sowie fulminanter Orchestration des Justin-Hurwitz-Scores zu emulieren, als wären Jacques Demy und Fred Astaire wieder in the house. Nostalgie, ach ja – inzwischen vielleicht ein inflationäres Marketing-Tool, für Chazelle trotz allem Pessimismus noch die profunde Schönheit schlechthin, die einen Blick zurück motiviert, in der Kombi mit der Gegenwart so recht natürlich im Herzen ankommen kann und zuckersüß für ein transzendentales Verständnis der Belange eben dessen einstehen will. Folglich lässt es dann auch noch der klassischen Romanze wegen Sebastian und Mia aufeinander treffen, obwohl beiden der existenzielle Schmerz von der Decke hängt. Weil Chazelle seine Figuren dabei aber eher als Funktionsträger versteht und eine Unvereinbarkeit voraussieht, was Erfolg und Glückseligkeit angehen, schleichen sich dort schon frühe Anzeichen hinein, wo sich jeder Zauber nur kurzzeitig ins Larger-than-Life-Format hineinsteigern kann, ehe der Pathos zum Reality Check (siehe allein Sebastians Thema „City of Stars“) das Miteinander erheblich verkompliziert.
Beim ersten gemeinsamen Stepptanz z.B. fällt schon auf, wie sehr sich der Regisseur und seine Darsteller regelrecht abmühen, dem Old Hollywood zu entsprechen; keine Leichtigkeit evozieren, weil sie den Charakteren schon nicht vergönnt ist, die den magischen Realismus eben auch nur als Vorwand ihrer verzweifelten Hoffnung wegen einsetzen. Natürlich sieht das trotzdem ansprechend kadriert und farbenfroh aus, wie die von Haus aus charmante Paarung von Gosling und Stone ohnehin schon schwärmerische Erwartungen ins Narrativ implantiert sowie teilweise erfüllt: Händchenhalten im Kinosaal, ein herrlicher Tanz über den Wolken, Wertschätzung des Jazz als universelle Sprache, gegenseitiges Unterstützen im pursuit of happiness (für sie: ein eigenes Theaterstück; für ihn: eine eigene Bar). Je näher man aber an die jeweiligen Ziele herankommt, desto unausweichlicher findet die Distanz vom spielerischen Liebäugeln à la Demy statt, das im Grunde nun eher der Prämisse sowie den Konflikten von Billy Crystals semi-spießigen „Forget Paris“ folge leistet. Dort hieß es dann auch: Zusammen glücklich in unterschiedlichen Karrierezweigen, mit dem Mann auf Tour und der Frau auf dem Weg in die Midlife Crisis – kann das funktionieren oder ist es zum Scheitern verurteilt? Für eine Weile glaubt man, dass Chazelle jenem Versagen Paroli bieten will und das Unbehagen im Weiterkommen Sebastians stilisiert, welcher für die Band „The Messengers“ via John Legend die gefühlt übelste Neuerfindung des Jazz anspielen muss. Das untermauert wiederum aufs Äußerste seine wie Chazelles Hinwendung zur puren Kunst, dass selbst Mia entsetzt die Lauscher aufstellt. Selbst sobald sich die Wege unseres Paares im Streit trennen, hilft er ihr trotzdem noch aus, mit ihrem Talent in der A-Liga der Schauspielerei anzukommen, wofür auch eines der schönsten Stücke im Sturm und Drang für die Künstler, Revoluzzer und Träumer dieser Welt von Frau Stone vorgetragen wird. Genauso selbstverständlich und abgeklärt, beinahe entmenschlicht und eigentlich auch ohne stimmige Motivation, einigt man sich sodann aber darauf, dass jeder fortan für sich selbst ohne den Anderen sorgen wird.
Jahre später steckt der Wehmut zwar noch in den Knochen und verliert sich zum Abschied nochmals vollends in die grandiosen Fantasien, die uns Kino bietet und erfüllen kann - allerdings endet Chazelle dann doch auf einer Note, die unbefriedigend in die Realität entlassen will, um die Grenzen zwischen Illusion und Desillusionierung klar zu stellen. Hauptsache, die Karriere stimmt, ganz gleich, wie erbarmungslos der Verzicht aufs Glück eben jenes schon im Kopfkino zerreißt. Insgesamt verhält es sich mit diesem Film, wie es einem schon (um entsprechend bei klassischen Beispielen des frühen Hollywood zu bleiben) mit der Ayn-Rand-Verfilmung „Ein Mann wie Sprengstoff“ ging: Die Inszenierung unternimmt durchweg großartige Gefühlsveräußerungen in Optik, Spiel, Musik und schierer Dynamik, die innewohnende Ideologie - mit ihrem unbedingten Ehrgeiz von der Bindung wahrer Liebe weg - bleibt jedoch so unnahbar wie sie schon durch kalkulierte Charakterfolien befremdlich wirkt. Bei Rand war immerhin von Fortschritt und neuen Kunstformen die Rede, hier wird’s hingegen so hardcore ewiggestrig, dass Sebastians Urteil über Mia, sie sei ein Baby, genauso gut auf ihn zurückfällt; überhaupt auf eine Generation an Millennials, die teils überheblich hip auf Retro schwört und sich dennoch über den regressiven Trump aufregt. Gehören wir nicht alle irgendwie dazu? Chazelle lässt seinen (ganz gleich, ob so gewollten) Film als Repräsentation des Zeitgeists ganz interessant aufschlagen, wie widersprüchlich sich der Bezug zu seinen Idealen und dem Verständnis über die heiß geliebte Leinwand hinaus ergibt. Das Paradoxe und Irrationale im alltäglichen Umgang werden schließlich ohnehin mehr und mehr zum Mainstream, positiv bis negativ das Phänomen einer Ära an Ungewissheiten oder gefühlten Wahrheiten links wie rechts, die sich selbst in der Traumfabrik Hollywood nicht mehr einzuleben verstehen scheint, so sehnlichst der Wunsch danach auch nach draußen dringt.
Problematisch ist bei Chazelle dann allerdings das ultimative Einverständnis zur Entsagung, das sich mit den Verhältnissen zufriedengibt, obwohl das Herz blutet, als lebe man noch in Melodramen der vierziger Jahre. Nostalgie ist je nach Kontext eben auch nicht einwandfrei, erst recht bittersüß, wenn sich ein Chazelle am Zwang dazu verausgabt. Ironischerweise bleibt es allerdings spannend, was danach, jenseits wie mitten im „La La Land“, noch als Filmemacher aus ihm wird.
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vom Witte