Küssen heißt spucken!

„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft!”, empfahl Tucholsky einstens. Das fiele heute schwer, denn so richtige, so richtig richtige Faschisten gibt es nur mehr wenige. Nur einige Sektierer, die fast als solche durchgingen, die mit glänzendem Glatzkopf aufwarten — doch wer will schon schweißbenetzte Kopfhaut herzen! Aber es gibt durchaus Quasi- oder Semifaschisten, Herrschaften ohne Uniformfetisch, ohne Brüllerei, ohne Heilgeplärre; Herrschaften aus der gesellschaftliche Mitte, manchmal sogar aus der Sozialdemokratie. Ja, solche gibt es — faschistoide Gestalten, noch nicht ganz im Faschismus angekommen, indes mittels Stechschritt auf gutem, das heißt treffender: auf schlechtem Wege dorthin. Schon alleine deshalb ist es unmöglich, Faschisten zu küssen. Daher: Man küsse die Faschistoiden! Aber ergibt das Sinn?

In einer Zeit, in der es um schnelle Lacher und eilfertige Zoten geht, in der die Welt im Scherz zuallererst das Lachpotenzial wahrnimmt, in der Kabarettisten Comedians geheißen werden, da ist der perfide, feinsinnige Humor auf verlorenem Posten. Der moderne Humor will lachen machen, er will nicht die Wahrheit im Narrenkostüm kundzutun. Im Humor wird heute kaum mehr die Fähigkeit der Bloßstellung erahnt – es muss gelacht werden, laut und herzhaft. Die Ernsthaftigkeit im Humor oder das Humoristische im Ernst: dergleichen hat momentan wenig Konjunktur. Versteht man da die Blamage noch, die man einem Kontrahenten zufügt, wenn man ihn mürbe küsst? Begriffe man noch, dass man in einen liebevollen Kuss auch Verachtung, Lieblosigkeit, ja Hass packen kann? Ob unsere Zeit heute noch nachvollziehen kann, welches geistreiche Ende Dostojewski für seinen Großinquisitor auserkoren hat, als dieser nämlich nach seiner Philippika, die er an den zurückgekehrten Jesus richtete, von ebenjenem auf seine welken Lippen geküsst wurde? Durchschaut man diese Form des paradoxen, arglistigen Humors überhaupt noch, bei dem es darum geht, spielend, lächelnd, spöttelnd auf einen ernsten Umstand, Missstand zu verweisen?

Wahrscheinlich nicht! Es ist bestenfalls der Humor einer randständigen Gruppe – heute will man lachen, nicht über den humoristischen Akt selbst nachdenken, keinen Ernst dahinter erahnen müssen. Ach, schnöde Gedankenschwangerschaft! Gedankenlos prusten und quietschen: das ist zeitgemäßer Humor. Man stelle sich nur mal vor, man küsste heute einen Mann, der öffentlich über Sozialeugenik fabulierte – so einen Mann soll es tatsächlich geben. Sicher erntete der Küsser Lacherfolge. Das wäre eine ganz große Show – aber dann würde man auf ihn deuten, ihn einen Schwulen heißen, ihm den Scheibenwischer zeigen, ihn verspotten, ihn für etwas verrückt, vielleicht sogar für etwas sehr verrückt erklären. Der entstellende Kuss auf die Lippenwülste des Faschisten, zeitgemäß gesagt: des Faschistoiden gepresst, wäre nicht mal verpufft, weil er sich gar nicht erst entfaltet hätte – er wäre die Aktion eines Idioten geblieben, eine Aktion ohne Sinn, ohne Hintergedanken, ohne Absicht, ohne Ernst. Lustig – mehr nicht! Für den Tiefsinn des dekuvrierenden Humors gibt es in diesen Tagen keinen Markt. Der Küsser würde verspottet, der Geküsste bedauert. Mitleid erntete er, so eine sabbernde Schnute im Gesicht gehabt haben zu müssen.

Faschisten… Faschistoide küsst man heute nicht mehr. Man brüskiert sie nicht auf subtile Weise – dafür ist die sich kugelnde Öffentlichkeit nicht sensibilisiert. Humor ist heute keine Waffe mehr – wer heute in Fragen der Politik oder der Wirtschaft den aufweckenden Humor, den humoristischen Ernst bemüht, gilt ohnehin als unseriös. Daher küsst nicht! Tut das, was der Kuss eigentlich ausdrücken will: spuckt! Ersetzt den Kuss zum Verständnis aller! Ersetzt den Kuss aber nicht durch ein Pendant, durch eine Ohrfeige beispielsweise – diese Zeilen sollen ja kein Gewaltaufruf sein! Wir sind doch anständige Leute! Neinnein, tretet vor den Herrn eurer Wahl, reicht ihm die Hand nicht, begrüßt ihn nicht, und lasst euch nicht auf die demokratische Masche ein, mit jeden, gleich was für ein Lump er ist, zu diskutieren, zu argumentieren, Zahlenstatistik auszutauschen. Toleranz ist gut – aber nicht gegenüber Intoleranten. Auf Satzfetzen wie „…soundsoviel Prozent aller Türken wollen nicht arbeiten!“ oder „…werweißwieviele von hundert Arabern wollen des Deutschen nie mächtig werden!“ — auf solche Satzfetzen bloß nicht eingehen! Denn dann haben sie einen, dann ist der kleinste gemeinsame Nenner gefunden – und wenn es erst mal so weit ist, dann sind deren kleinkarierte Ausdünstungen legitimiert.

Verweigert den Handschlag, verweigert die Gegenargumentation, verweigert euch, ihn als eine leicht fehlgeleitete demokratische Erscheinung zu betrachten! Und dann zieht euch, rümpft euch nasalen Schleim in die Mundhöhle herab, setzt an und tut es: spuckt! Zielt und spuckt. Traut euch! Spuckt… spuckt vor ihm aus. Vor ihm! Oder neben ihn zu Boden. Oder über ihn drüber, wenn ihr das könnt! Nicht jedoch ins Gesicht! Ein bisschen Anstand muss schon noch sein. Wo kämen wir sonst hin?

Man küsst nicht mehr, man spuckt – das ist die moderne, zugegeben etwas öde, etwas unoriginelle Form, jemanden seine Verachtung mitzuteilen. Was soll man aber tun in einer derart humorlosen Zeit? In einer humorlosen Zeit, in der zwar viel gelacht wird, der kommerzialisierte Humor als Selbstzweck floriert, der alberne Humor Fußballstadien füllt, Rekorde bricht, in der allerdings so gut wie nie über das Dahinter der humoristischen Aktion, über den Ernst des Witzes gegrübelt wird? Schön wäre es ja küssen zu dürfen, auch seine Feinde küssen zu dürfen, wenn sie denn glatt rasiert sind – aber am Ende begriffen die Zuseher das als Zusage, als spontane Zustimmung, als Liebesbeweis. Dann schon lieber ausspucken: vielleicht lacht sogar jemand darüber, bevor der Denkvorgang eintritt…

Dieser Text erschien erstmals am 13. September 2010 im Blättchen


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