Kunstmuseum Wolfsburg: Now is the Time, März bis September 2019

Von Helge

Ich wurde gefragt, was mich am meisten beeindruckt hat in dieser neuen Wolfsburger Ausstellung. Ein starker Eindruck kam am Schluss: mitten in einem Raum mit acht Filmbildern rundum und belebender Musik, gespielt von einem Orchester ohne Instrumente. Gewiss, ein Widerspruch in sich, für die Tonaufnahme waren natürlich Instrumente nötig - aber in den Filmbildern sind keine zu sehen, die Gesten und Bewegungen der Musikerzeugung werden imitiert. Ich fühle mich wie mitten in einem Orchester und kann umhergehen und mich auf die verschiedenen Musikerinnen und Musiker oder den Dirigenten konzentrieren, die Musik genießen und in meiner Fantasie die Instrumente ergänzen. Ein Querflötenspieler ist genau dabei zu beobachten, wie er seinen Einsatz erwartet, die Lippen formt, den Atem vorbereitet und schließlich in die Flöte bläst.


Die achtteilige audiovisuelle Installation "Sigh" (2008) stammt von der britischen Fotografin, Regisseurin, Musikerin und Videokünstlerin Sam Taylor-Johnson (geb. 1967) und kam 2017 als Schenkung des Freundeskreises des Kunstmuseums Wolfsburg in das Museum. Die Musik wurde von Anne Dudley extra für diese Installation komponiert, inspiriert von den Landschaften der Brontë-Schwestern.

Ebenso beeindruckt hat mich ein Kunstwerk ganz anderer Art: Fotos der indischen Fotografin Gauri Gill (geb. 1970), hinter denen eine Geschichte steht. Die Adivasi in der Küstenregion Konkan im indischen Bundesstaat Maharashtra feiern jährlich das Bahoda-Fest und tragen dabei sakrale Masken aus bunt bemaltem Pappmaché. Die Fotografin schlug den Dorfbewohner*innen vor, profane Masken herzustellen und mit deren Hilfe ihr Alltagsleben darzustellen. Bevor sie ein Foto machte, inszenierte sie mit dem jeweiligen maskierten Menschen zusammen eine banale Alltagssituation und verwandelte sie dadurch in eine theatralische Handlung. "Acts of Appearance" (2015 fortlaufend) nennt sie die dabei entstandene Fotoserie. Das Abbild eines Maskenherstellers, der sich mit lachender Maske auf eine Fahrradfelge gesetzt hat, wurde als Plakatmotiv für die Wolfsburger Ausstellung gewählt. "Act of Appearance, Das inszenierte Erscheinungsbild" oder "Zwischen Schein und Sein" kann auch als Leitmotiv für die ganze Ausstellung genommen werden (mein persönlicher Tipp). 

Seit 25 Jahren existiert das Kunstmuseum Wolfsburg, das 1994 ohne eigene Sammlung begründet wurde (und bis heute keine Dauerausstellung zeigt), aber von Anfang an auch selber gesammelt hat. Jetzt ist es an der Zeit, einmal die inzwischen auf die eine oder andere Art erworbenen Schätze zu präsentieren: "Now is the Time" (es muss wohl auf Englisch sein?), der Ausstellungstitel knüpft an ein Wandschrift-Werk von Michel Majerus an mit der Aussage "What looks good today may not look good tomorrow" (1999), Was heute gut aussieht (für gut befunden wird), muss morgen nicht auch noch gut aussehen (kann morgen ganz anders bewertet werden). Rund 600 Installationen, Werkgruppen und Einzelarbeiten von 100 Künstler*innen umfasst die Sammlung inzwischen und begründet damit den internationalen Ruf des Museums; Werke von 77 internationalen Künstler*innen werden auf allen frisch sanierten Ausstellungsebenen in dieser Jubiläums-Ausstellung in dialogischen und thematischen Zusammenhängen gezeigt.
Zur Zeit des Beginns der Sammlung hat sich die Globalisierung der Kunst überhaupt erst entwickelt, der Aufbau der Sammlung vollzog sich also "vor dem Hintergrund einer rasanten Visualisierung und Medialisierung, dem Anwachsen der viel zitierten 'Bilderflut', die durch die neue Kunst gespiegelt wurde". Die gesammelten Werke sind alle nach 1968 entstanden, der gesellschaftliche Umbruch bedeutete auch für die Kunst einen markanten Einschnitt. Außer diesem zeitlichen Zusammenhang gibt es naturgemäß keinen roten Faden, sodass es in der Präsentation sehr auf eine geschickte Anordnung ankommt - die scheint mir hier gelungen; teils werden Verwandtschaften sichtbar gemacht, teils werden Kontraste herausgearbeitet. Gleich zu Beginn der Ausstellung beispielsweise werden ein Werk von 1990 und eines von 2018 gegenübergestellt: Jörg Immendorfs auf großer Leinwand gemalter Kommentar zur Einheit "Kleine Reise (Hasensülze)" auf der einen Seite, Firelei Báyez' auf 58 Buchseiten verteilter Kommentar zum Erbe der Kolonialzeit auf der anderen Seite (die Künstlerin stammt aus der Dominikanischen Republik). "Mit der Gegenüberstellung von frühen und jüngeren Erwerbungen werden Brüche und Entwicklungen in der Kunstgeschichte der letzten vierzig Jahre aufgezeigt, aber auch Vielfalt und Gleichzeitigkeit der künstlerischen Produktionen" (Pressetext).


Die Wandinstallation von Firelei Báez mit einem langen Titel (s. unten bei den Quellenangaben) ist zugleich ein Beispiel dafür, wie jenseits aller Programmatik unversehens ein hoher ästhetischer Reiz entstehen kann; ich empfehle, die Zeichnungen in Tinte, Acryl und Chincollé auf den 58 herausgetrennten Buchseiten in Ruhe zu betrachten.

Da hier der Platz für eine vollständige Beschreibung der ausgestellten Werke nicht reicht, greife ich einige Beispiele heraus. Burhan Doğançay aus Istanbul (1929-2013) hat über viele Jahrzehnte "Mauern gesammelt", die er mit Mitteln der Fotografie, Malerei und Collage verarbeitete, vor allem städtische Mauern mit ihren Spuren von Graffiti, abgerissenen Plakaten und gesprühten Hinweisen. Es ging ihm dabei auch um die "Schönheit des Flüchtigen, des Ephemeren und des Zufälligen". Die großformatige Collage "The Attired Wall" (bekleidete Wand) (1995) aus der Serie "Urban Walls" sieht aus wie die schäbige Rückwand einer Autowerkstatt mit Kaffeeflecken, Plakatresten und gemalten Zeichen - und mit aufgesetzten realen Reifen und Felgen. Die "Big Berlin Wall" (2010) zeigt u.a. im Graffiti-Stil Halbmond, Judenstern, Christuskreuz und Buddhafigur als Symbole der Weltreligionen; diese sind keine Fundstücke, sondern als Sehnsuchtszeichen für Religionsfreiheit vom Künstler hinzugefügt.

Erstmals ausgestellt war das "Museum im Museum" - "Museum of Unbelongings (2018)" - von Mithu Sen (geb. 1971 in Indien) in der Ausstellung "Facing India" (s. Bericht in diesem Blog). Durch eine Schenkung gehört es jetzt dem Museum. Seit ihrer Kindheit sammelt die Künstlerin kleine alltägliche Dinge und "Kunstwerke", die für sie nur emotionalen Wert haben und hier hierarchiefrei ausgestellt werden. Mit der Installation will sie auch in Frage stellen, was in Museen gesammelt - und was unterdrückt wird.


Von der norwegischen Fotokünstlerin Mette Tronnvoll (geb. 1965) wird unter der Überschrift "Age. Women 25-90" (1993-94) eine Serie von Porträts gezeigt: Jüngere Frauen aus ihrem New Yorker Bekanntenkreis werden älteren aus der ländlichen Gegend um Trondheim, ihrer Heimat, gegenübergestellt. Wie unterschiedlich sie sich vor der Kamera präsentieren! In einer weiteren Serie hat die Fotografin auf Grönland Inuit beim Baden in heißen Quellen fotografiert ("Isortoq Unartoq", 1999), eine intime Situation aus der Lebenswelt der Menschen. "Mit dem Stativ im Wasser hat Tronvoll eine abgeschlossene und vertrauensvolle Situation geschaffen; sie hat ihre Arbeit mehrfach als Selbstporträt bezeichnet, als Austausch zwischen Anschauen und Angeschautwerden ..."

Einer der frühesten Ankäufe des Museums ist der "Spiraltisch ..." von Mario Merz (1925-2003) aus dem Jahre 1976. Die Installation besteht aus einem spiralförmigen Glastisch mit stilllebenartig ausgebreiteten Früchten und Gemüse zusammen mit Reisigbündeln. Das Werk zählt zur Arte Povera, der "armen Kunst" im Kontrast zur Pop Art und zur Minimal Art. Im Rahmen der Rudolf-Steiner-Doppelausstellung 2010, über die ich hier berichtet habe, war der Spiraltisch bereits ausgestellt.


Ein abschließender Teil auf der Empore ist Skulpturen gewidmet. Nicht zu übersehen ist die Plastik "Bear and Policeman" (1988) von Jeff Koons (geb. 1955), ein ironischer Kommentar zur Ordnungsmacht. Es gibt davon nur drei Exemplare - die anderen beiden in New York und Berlin -, die von dem Oberammergauer Herrgottsschnitzer Roman Stuffer geschnitzt und signiert worden sind.


Ich hoffe, ich konnte einen anregenden Einblick in die Ausstellung geben. Gehen Sie auf Entdeckungsreise! "Now is the Time" wird noch bis zum 29. 9. 2019 gezeigt. Im Mai erscheint zum 25-jährigen Jubiläum des Kunstmuseums Wolfsburg ein umfangreicher Katalog, der zugleich als Sammlungskatalog dient, in einer deutschen und einer englischen Ausgabe mit Texten zu jedem Werk von 97 internationalen Autor*innen (496 Seiten, 360 Abbildungen, Verlag Hatje Cantz, 48,- € im Museumsshop).

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover, unter Verwendung des Pressematerials (Zitate wie gekennzeichnet); Bilder, von oben nach unten: Sam Taylor-Johnson: SIGH, 2008, Still, Video/Sound-Installation mit 8 Projektionen auf abgehängten Leinwänden, HD, 16:9, Dauer: 8:37 min, Raummaße ca. 450 x 1110 x 1910 cm, Schenkung Freundeskreis des Kunstmuseums Wolfsburg e.V. 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019;
Gauri Gill: UNTITLED AUS DER SERIE „ACTS OF APPEARANCE“ 2015 - fortlaufend/ongoing, Digitaler Pigmentdruck, 71 x 107 cm, © Gauri Gill;
Firelei Báez: THOSE WHO WOULD DOUSE IT (IT DOES NOT DISTURB ME TO ACCEPT THAT THERE ARE PLACES WHERE MY IDENTITY IS OBSCURE TO ME, AND THE FACT THAT IT AMAZES YOU DOES NOT MEAN I RELINQUISH IT), DETAILANSICHT, 2018, Wandinstallation, Acryl, Tinte und Chincollé auf herausgetrennten Buchseiten, 244 x 569 cm, Im Auftrag und produziert von Berlin Biennale for Contemporary Art, 2018. Mit Unterstützung von Kavi Gupta Gallery, Chicago. © Firelei Báez;
Burhan Doğançay: THE ATTIRED WALL, 1995, Acryl, Reifen, Schläuche, Sand, Krylon-Spray und Kaffeeflecken auf Leinwand, 205 × 393 × 64 cm, Schenkung Angela Doğançay, 2016, © Burhan Doğançay;
Mithu Sen: MOU (MUSEUM OF UNBELONGINGS), 2018, Detailaufnahme, Installation: veränderte und gefundene Objekte, Erinnerungen und Geschichten, beleuchtete Vitrine aus Acrylglas, Höhe 167 cm, Ø 365 cm, © Courtesy of the artist, Foto: Marek Kruszewski;
INSTALLATIONVIEW, Collection Kunstmuseum Wolfsburg 2012, © Kunstmuseum Wolfsburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019,
Photo: Marek Kruszewski;
BLICK IN DIE AUSSTELLUNG, NOW IS THE TIME. 25 Jahre Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg
© Kunstmuseum Wolfsburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Foto: Marek Kruszewski.