Kranke Menschen oder kranke Gesellschaft?


„… Herr Mattner*, immer mehr Kindern wird ein so genanntes ADHS, ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, diagnostiziert. Werden unsere Kinder immer kränker?

Tatsächlich steigt die Anzahl der ADHS-Diagnosen von Jahr zu Jahr kontinuierlich an. Auffällig dabei ist jedoch, dass, wie empirische Untersuchungen belegen, diese Diagnose in Verbindung mit der Behandlung des hochproblematischen Medikamentes Ritalin vermehrt bei Schuleintritt gestellt wird. Die Diagnose selbst geht dabei hypothetisch von einer hirnorganischen Wahrnehmungsverarbeitungsinsuffizienz betroffener Kinder aus, die sich bisher mit harten Fakten jedoch nicht hat belegen lassen. Das heißt, die Diagnose gründet im Sinne einer Summationsdiagnose, als so genanntes Syndrom also, primär auf Verhaltensbeobachtungen und Fragebögen, die aufgrund subjektiver Wertmaßstäbe der dazu legitimierten Personen wohl kaum objektiven Gütekriterien genügen. Insofern scheiden sich hier die Geister in der Einschätzung dieser anscheinend epidemisch um sich greifende „Krankheit“ ADHS, was seitens der jeweiligen Positionen inzwischen auch mit zunehmender Schärfe diskutiert wird.

Die „Kontroverse ADHS“ vollzieht sich zudem in einer Zeit, in der recht allgemein immer mehr Kinder eine „Störung“ oder „Krankheit“ testiert wird, exemplarisch seien hier nur Legasthenie und Dyskalkulie genannt. In einem Appell wurde daher unlängst sogar im Ärzteblatt selbst vor einer “zunehmenden Pathologisierung und Psychiatrisierung der Kinder” gewarnt. Hierbei wird dann auch der Kern des Problems sofort deutlich. Er betrifft die Frage: Sind es wirklich unsere Kinder, die hier krank, in organischem Sinne also beeinträchtigt sind, oder sind es nicht vielmehr gesellschaftliche Norm- und Leistungsansprüche, denen Kinder immer weniger gewachsen sind?

Womit wir sehr unmittelbar bei Ihrer persönlichen Einschätzung angelangt sind. Die Frage lautet also: „Kranke Kinder oder kranke Gesellschaft?“, verstehe ich recht?

Nun, nach meiner Einschätzung müssen hier grundlegend verschiedene Aspekte berücksichtigt werden. So scheint in Zeiten um sich greifender medizisch-psychiatrischer Krankheitskonstruktionen ein bisher selbstverständlich gelebtes Normalitätsempfinden schlicht mehr und mehr verloren zu gehen, wie auch der ehemalige Mitautor des amerikanisches Handbuchs zur Klassifizierung psychischer Störungen (DSM), Allen Frances, in seinem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ konstatiert.

Gemäß dieser Tendenz sind Kinder heute eben nicht mehr einfach schlecht in Mathematik oder in Deutsch, sondern sie leiden tendenziell an der bereits erwähnten „Dyskalkulie“ oder eben einer „Legasthenie“ mit der Vermutung einer wie auch immer gearteten zugrundeliegenden cerebralen Fehlfunktion. Nach diesem neuropathologischen Erklärungsmuster wird kindlicher Ungehorsam dann zum „oppositionellen Trotzverhalten“ und wird Schuleschwänzen zum „Eskapismus“ umetikettiert. Das Entscheidende dabei ist, dass das „erkrankte“ Kind und sein soziales Umfeld, Eltern, Schule und andere also, der Verantwortung für das auftretende Problem damit ganz grundsätzlich enthoben sind…

Wäre das Kind einfach nur „schlecht“, stünde beispielsweise die Frage nach den Bedingungen, die hierzu führen, jene etwa nach gutem oder schlechtem Unterricht, sofort im Raum. Anders verhält es sich jedoch, wenn das Kind unter einem testierten organisch-neuronalen Defekt leidet. Die Frage danach, was die individuelle Ursache dieses gegen die institutionellen Normalitätserwartungen verstoßenden kindlichen „Eigen-Sinns“ sein könnte, stellt sich nicht mehr. So wurde sukzessive aus einem ehemaligen pädagogisch-sozialen Problem ein medizinisch-psychiatrischer Sachverhalt, der pharmazeutischer Intervention bedarf.

Wenn die Kinder aber nicht krank sein sollen – woran oder worunter „leiden“ sie denn dann? Warum sind sie sozusagen „so anders“ als die anderen?

Lassen Sie es mich ein wenig platt ausdrücken und Ihre Frage wie folgt beantworten: Wenn ich mich nicht konzentrieren kann, muss ich nicht krank, sondern kann ebenso auch müde oder gelangweilt sein. Wenn ich nervös bin, muss dies nicht für eine Krankheit, sondern kann dies beispielsweise ebenso gut als Ausdruck von Verunsicherung, von Bedürfnissen nach mehr Nähe und Geborgenheit und anderem interpretiert werden. Mit ziemlicher Sicherheit sind derlei Deutungen dabei näher an der Realität dran als der Krankheitsblick. Vor allem aber sind sie näher an den Kindern, um die es ja zu allererst einmal gehen sollte, und ihren Bedürfnissen dran.

Hinzu kommt, dass der Schule neben der Wissensvermittlung zunehmend ein Erziehungsauftrag zukommt, den diese aus den unterschiedlichen Gründen nicht umfassend zu leisten vermag. Für vermeintlich „normale“ Kinder, die allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch keine oder kaum Probleme entwickeln, hat man inzwischen übrigens den Begriff „Resilienz“ erfunden. Dieser beschreibt die vermutete genetische Fähigkeit, trotz belastender Faktoren in der Lebenswelt Betroffener, den Verhaltens- und Leistungserfordernissen der Umwelt dennoch gewachsen zu sein. Auch das aber lenkt den Fokus wieder auf die weniger interessante Spur: Statt genetische Gründe zu erforschen, warum eine Minderzahl von Kindern noch immer „problemarm“ aufwächst, sollte die Frage danach, was pädagogisch und sozial für all die anderen getan werden kann und muss, im Vordergrund stehen.

Um etwas ganz anderes handelt es sich hingegen bei der im ADHS-Konzept gemeinten normierten, gewissermaßen zivilisatorisch herzustellenden Aufmerksamkeitsleistung, deren zeitlich-räumliche Bereitstellung in bestimmten sozialen Arrangements, also etwa in Schule oder Beruf, zur Leistungsbeurteilung herangezogen wird. Diese institutionell gefordert Aufmerksamkeit hat insbesondere die Schule als sekundäre Sozialisationsinstanz seitens ihrer Klientel überhaupt erst herzustellen. Das ist eine ihrer wesentlichen Aufgaben. Dabei obliegt es dann der jeweiligen Lehrerpersönlichkeit, mittels entsprechender motivationaler und methodischer Kniffe die curricularen Inhalte den ihr anvertrauten Schülerinnen und Schülern möglichst kindgerecht näher zu bringen. Dies gelingt offenbar nicht immer, was absolut verständlich ist – um das Kind selbst und seine Interessen geht es hierbei ja auch allerhöchstens mittelbar.

Gibt es hier möglicherweise ein „biopolitisches Interesse“ im Zusammenhang einer systemisch organisierten Gesellschaftsstruktur, wie man mit Foucault und seinen Forschungen zu „Bio-Politik“ und „Bio-Macht“ durch den Staat fragen kann? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt dabei, wie so oft, ein Blick in die USA. Dort wurde Eltern nämlich bereits angedroht, ihnen das Sorgerecht zu entziehen, wenn sie sich weiterhin weigern sollten, ihren Kindern das verordnete Ritalin zu verabreichen. Vor dem Hintergrund eines nach wie vor vermuteten Zusammenhangs auch von ADHS und Jugendkriminalität scheint diese Maßnahme dabei nur konsequent und plausibel zu sein…“

Quelle und gesamter Text: http://www.nachdenkseiten.de/?p=19394

*Dieter Mattner, Professor für Heil- und Sonderpädagogik im Ruhestand

http://www.kohlhammer.de/wms/instances/KOB/appDE/Paedagogik/Heil-und-Sonderpaedagogik/Kinder-mit-gestoerter-Aufmerksamkeit/

hört, hört: „biopolitisches Interesse“!!!


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