Konsens - 4.0

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4.0

Es wurde schon dunkel, als Helmut im Bezirk der NKs ankam. In allen anderen Teil der Stadt hätten bioluminiszente halborganische Lichter die Nacht zum Tag gemacht, aber nicht hier. Der Stadtteil war offiziell der Industriepark der Stadt, aber nachdem Industrie im klassischen Sinne mehr oder weniger der Vergangenheit angehörte und die Überreste der Schwerindustrie nur noch auf den Kolonien des Mondes und des Mars betrieben wurde, starb dieser Teil der Stadt aus und wurde zum Revier der geduldeten NKs. Verfallene Gebäude säumten leere Straßen, einige von Ihnen sogar noch von Asphalt bedeckt und samt und sonders voller Löcher. Helmut hatte sich einen Dienstwagen besorgt, denn öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht in diesen Teil der Stadt. Und selbst den Wagen hatte er vor einigen hundert Metern abstellen müssen, da das kabellose Stromnetz zu schwach wurde.

Seine Schuhe verursachten knirschende Geräusche auf dem rissigen Asphalt, als er langsam durch den Bezirk lief. Er hatte keine Ahnung, wie er mit den NKs Kontakt aufnehmen sollte, war jedoch zuversichtlich, dass sie es schon von selbst tun würden, wenn er lange genug durch ihr Gebiet lief. Er dauerte auch nicht und er fühlte sich von mehr als einem Augenpaar beobachtet. Manchmal glaubte er die Quelle der Blicke ausgemacht zu haben und fixierte eines der vielen Fenster, doch obwohl er manchmal eine Bewegung wahrnahm, war er sich nie sicher, sich diese nicht vielleicht nur eingebildet zu haben.

Als er in eine Seitenstraße einbog, stand plötzlich jemand vor ihm. Es war offensichtlich ein Nonkonsensueller. Statt eines auf den Körper individuell abgestimmten Anzugs aus Nanoplastikfasern wie Helmut trug er ein notdürftig geflicktes Sammelsurium verschiedenster Kleidungsstücke in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls. Die langen, fettigen Haare des Mannes umgaben ein mit Falten zerfurchtes, dreckiges Gesicht voller Bartstoppeln. Trotzdem war es der verwahrloste Mann, der Helmut mit einem Ausdruck von Abscheu, ja Ekel ansah.

„Was willst du, Polizist?“ Das letzte Wort spuckte er aus, als wäre es eine wüste Beleidigung.

„Ich ermittle in einem Mordfall. Euer Anführer hat schon einmal vor ein paar Jahren mit mir geredet. Ähm, ein Typ mit Bart, ungefähr so groß?“

„Wir sind keine Bande von Wilden und wir haben keinen „Anführer“. Und du meinst Frank, er hat immer den Kontakt zu… solchen wie dir geregelt. Er ist tot. Natürliche Todesursache übrigens.“

„Ja, Frank war’s. Mein ähm Beileid.“ „Danke.“ Helmut war sich nicht sicher, ob die Antwort ironisch gemeint war. Er räusperte sich.

„Wie auch immer ich bin hier wegen dem Tod von Belian More. Er war ein…“

„More ist tot? Verdammt!“ Helmut trat überrascht einen Schritt zurück.

„Du kennst ihn?“ „Ja, er hat mich und ein paar andere interviewt, wollte einen Beitrag über uns machen. Wir haben ihm die Wahrheit… die Wahrheit über unser Leben hier erzählt. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“

„Ich möchte alle N… Leute, die er interviewt hat, sprechen.“

„Natürlich, folgen Sie mir.“

Nach einigen hundert Metern erreichten sie ein Haus, so zerfallen und kaputt wie alle anderen. Durch ein Loch in der Wand betraten sie eine Halle, von etwas, das einmal ein Einkaufszentrum gewesen sein mochte. Mehrere NKs waren im Raum verteilt. Ein Frau nähte an einem Kleid aus Flicken, ein Mann briet ein Tier an einem Stock über einem offenen Feuer. Ein Junge las in einem zerfleddertem Buch, während ein kleines Mädchen, vielleicht seine Schwester um ihn herum sprang. Noch mehr Menschen waren in dem Raum aber die meisten drückten sich in irgendwelche dunklen Ecken, als haben sie Angst vor dem Neuankömmling.

Helmut sprach mit jedem einzelnen von ihnen und alle bestätigten die Aussage des ersten NKs, der sich als Nomian vorstellte. More hatte mit den NKs über ihr Leben ohne HYPER und die Gaben der modernen Zivilisation gesprochen, vor allem über den Grund für ihren Verzicht darauf. Alle hatten ihm daraufhin über ihr Leben berichtet. Helmut bemerkte, dass sie die Frage des Journalisten nicht beantwortet zu haben schienen. Andererseits hatte er auch das Gefühl, dass sie ihm gegenüber etwas zurückhalten würden. Doch die Aussagen deckten sich allesamt und er hatte außer diesem nagenden Gefühl keinen Anhaltspunkt für ein weiteres Verhör.

Zumindest konnte er sich so diskret wie möglich davon überzeugen, dass keiner der von ihm Interviewten die technischen Möglichkeiten für einen HYPER-Hack hatten. Denn bei allen NKs, die er sah, war der Eingang für die Verbindung zur Intelligenz verödet worden. Helmut schauderte bei dem Anblick und er fragte sich, wie man die moderne Technik nur so hassen konnte. Für die Hacks der Nahrungsreplikatoren reichte ein entsprechendes Terminal, aber für einen Hack von HYPER musste man sich schon direkt mit ihm verbinden. Damit waren die NKs eine Sackgasse.

Als Helmut ging, traf er erneut Nomian, der still eine Weile neben ihm lief. Schließlich, als der Polizist schon fast wieder an seinem Auto und damit innerhalb des Stromnetzes war, fasste ihm der Mann an den Arm und schaute ihm intensiv ins Gesicht.

„Vertraue nicht der Maschine.“ sagte er eindringlich. Dann drehte er sich ohne Verabschiedung um und lief zurück zu den zerfallenen Gebäuden.

Helmut stand ein paar Sekunden ratlos da und versuchte sich ein Reim auf den kryptischen Rat zu machen. Ihm wurde einmal mehr klar, warum er den Kontakt mit den NKs lieber einem seiner Kollegen überließ. Diese Menschen, die in einem lange überholten Zustand der Zivilisation dahin vegetierten, waren ihm einfach unheimlich.

Wird fortgesetzt...