Konkurrent Japan kaputt

“Junge Welt”, 25.06.2011

Zerstörte Fabriken, gerissene Lieferketten, Strommangel: Nach der Katastrophe ist die drittstärkste globale Wirtschaftsmacht faktisch k. o. Vor allem BRD-Wirtschaft profitiert Auch mehr als drei Monate nach der japanischen Doppelkatastrophe aus Erdbeben und atomarem Super-Gau kann von einer Entspannung rund um die verstrahlte Nuklearruine von Fukushima keine Rede sein. Im Gegenteil: Mitte Juni wurde bekannt, daß es innerhalb der Regierung in Tokio Überlegungen gibt, die Evakuierungszone von 20 Kilometern im Umkreis des Atomkraftwerks wegen der langfristigen Strahlenbelastung noch auszuweiten: »Wir werden in naher Zukunft zu einer Entscheidung kommen«, erklärte ein Regierungssprecher am 15. Juni. Zuvor sollen bereits die Einwohner einiger dicht an der Sperrzone gelegener Ortschaften zur freiwilligen Umsiedlung aufgefordert werden. Seit März wird die Region von zahlreichen Nachbeben erschüttert. Am Donnerstag registrierten Seismologen erneut Erdstöße der Stärke sechs der Richter-Skala.
Die in Fukushima freigesetzte Radioaktivität scheint auch die japanische Landwirtschaft immer stärker in Mitleidenschaft zu ziehen. In der Präfektur Shizuoka mußten erste Plantagen den Verkauf ihres bekannten grünen Tees aufgrund erhöhter Strahlenbelastung einstellen. Bereits ausgelieferte Ware wurde zurückgerufen. In einem rund 350 Kilometer südwestlich vom AKW gelegenen Gebiet wurde nach Strahlenmessungen radioaktives Cäsium in getrockneten Teeblättern festgestellt. Etwa 45 Prozent der japanischen Produktion des weltweit beliebten Aufgußgetränkes entfallen auf Shizuoka. In dieser an den Pazifik und den Fudschijama grenzenden gebirgigen Region wurden bis zur Atomkatastrophe der beste grüne Tees Japans, der weltweit für seine gesundheitsfördernden Effekte geschätzt wurde, kultiviert.
Kein »Just-in-Time«
Auch die dominierende Exportindustrie des Landes ist von einer Normalisierung weit entfernt. So sanken nach Angaben des japanischen Finanzministeriums die Ausfuhren im vergangenen Mai um 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im April betrug dieser Exporteinbruch im Jahresvergleich sogar 12,5 Prozent. Seit Beben und GAU vom März 2011 konnte Japan – das ähnlich wie Deutschland eine stark exportfixierte Wirtschaftsstruktur aufweist – keine Außenhandelsüberschüsse mehr erzielen. Das Handelsdefizit stieg sogar von 464,8 Milliarden Yen im April auf 853,7 Milliarden Yen (etwa 7,4 Milliarden Euro) im Mai 2011. Wie der Wirtschaftsblog querschuesse.de bemerkte, markiert der vergangene Monat das zweithöchste Defizit in der japanischen Handelsbilanz seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1979.
Bei dem extrem starken Erdbeben und der anschließenden Flutwelle am 11. März wurden nicht nur Menschen getötet, verletzt oder obdachlos und beträchtliche Produktionskapazitäten verwüstet. Auch Japans Infrastruktur wurde in Mitleidenschaft gezogen und vor allem die Lieferketten in vielen Industriesektoren massiv gestört. Dieser Riß im Gewebe ist hauptsächlich für die andauernde Schwächephase der weltweit drittstärksten Wirtschaftsmacht verantwortlich. Dabei hat sich die »Just-in-time-Produktion« als äußerst krisenanfällig erwiesen. Bei diesem logistischen Organisationsprinzip werden die Vorräte in den einzelnen Standorten einer Produktionskette aufgelöst und de facto auf die Verkehrswege verlagert. Die Lieferung von Rohstoffen oder Vorfabrikaten erfolgt sehr zeitnah (just in time/zum richtigen Zeitpunkt) zu deren Verwendung im Produktionsprozeß. Wegen der aus Kostengründen wegrationalisierten Lagerkapazitäten mußten nach dem Erdbeben auch weitgehend intakt gebliebene Fertigungseinrichtungen schnell ihre Produktion wegen fehlender Vorfabrikate einstellen – und dies auf globaler Ebene. So meldete Anfang Juni der Branchenverband der deutschen IT-Industrie BITKOM, daß deswegen inzwischen »42 Prozent der Händler und Hersteller von Elektronikgeräten in Deutschland Lieferengpässe verzeichnen«.
Strom wird knapp
Japan steht auch vor einer handfesten Energiekrise, die den kapitalistischen Wachstumszwang brachial Grenzen setzt. Im Land befinden sich 54 Atommeiler, die vor der Katastrophe rund ein Drittel des Strombedarfs deckten. 35 von ihnen sind derzeit aufgrund von Wartungsarbeiten, Reparaturen oder Inspektionen nicht am Netz – im Hochsommer wird die erzeugte Elektro­energie nicht ausreichen, das 130-Millionen-Einwohner-Land ausreichend zu versorgen. Das Industriewachstum könnte um 2,2 Prozent sinken, falls alle Nuklearkraftwerke vom Netz genommen würden, warnte das nationale Zentrum für Wirtschaftsforschung. »Japan braucht die Kernenergie«, beschwor unlängst Industrieminister Banri Kaieda die japanische Öffentlichkeit, in der die Skepsis gegenüber der Branche wächst.
Dabei deuten wichtige Wirtschaftsindikatoren auf eine längere Schwächephase auf der Insel hin. Im April konnte Nippon noch einen Anstieg der Industrieproduktion von einem Prozent gegenüber dem Katastrophenmonat März verzeichnen. Der wirtschaftliche Einbruch wird erst im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sichtbar. In dieser Relation sank der Output der Industrie im April um 13,8 Prozent. Kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise lag die japanische Industrieproduktion im März 2008 sogar 28,3 Prozent über den Werten vom April 2011. Derzeit bewegt sich der Warenausstoß gerade einmal auf dem Niveau von 1987. Besonders schwer ist dabei der Fahrzeugbau betroffen, der im April 2011 im Jahresvergleich 51 Prozent weniger erzeugte. Im Mai konnte dieser Produktionseinbruch zwar auf 37 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat verringert werden, doch mit nur 142 154 verkaufen Fahrzeugen erreichte die japanische Spitzenbranche das niedrigste Ergebnis seit dem Mai 1968.
Diese Folgen erdbebenbedingter Verwüstungen kommen insbesondere der deutschen Wirtschaft zugute, für die Japans Exportindustrie bis Fukushima einer der wichtigsten Konkurrenten war. Abseits des in der BRD nicht sonderlich entwickelten IT-Sektors sind deutsche Betriebe kaum von Lieferengpässen betroffen, stellte das Münchner ifo-Institut Anfang Juni nach Auswertung einer Umfrage bei über 1600 Unternehmen fest. »Viele Konzerne profitieren vom Tief der asiatischen Konkurrenz«, meldete Spiegel online bereits Mitte Mai. Der gegenwärtige BRD-Exportboom resultiert also zum Teil aus der Schwäche Japans, eine Art katastrophenbedingte Sonderkonjunktur. Deutschland könnte »bei allem Schrecken ökonomisch von diesem Ereignis profitieren«, hatte das Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, im Deutschlandradio lakonisch kommentiert.


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