Kommentar zu Aus der Zeit gefallen von Lesen... in vollen Zügen

Oliver Hilmes – Ludwig II. Der unzeitgemäße König

Ludwig II von Bayern (1845-1886) eilt dank seiner fantastischen Schlossbauten der Ruf eines Märchenkönigs voraus; seine Obsession mit Richard Wagner hat uns die Bayreuther Festspiele beschert und sein nebulöser Tod im Starnberger See inspiriert bis heute immer wieder neue Verschwörungstheorien. Im öffentlichen Bewusststein ist Ludwig II zur Kunstfigur geworden, die mit der historischen Persönlichkeit nicht viel gemein hat. Das wird dem Leser von Hilmes‘ Biographie schnell klar.

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Im Gegensatz zu Autoren früherer Biographien hat Hilmes nicht nur politische Depeschen in Berlin und Wien ausgewertet, sondern sich auch Zugang zum Privatarchiv der Wittelsbacher verschafft. So stützt er sich u.a. auf die Tagebuchaufzeichnungen des menschenscheuen Königs, der auf ärztlichen Rat hin schließlich von seinen Ministern abgesetzt wurde.

Auf Grundlage einer bemerkenswert fundierten Recherche zeichnet Hilmes so das komplette Leben des Wittelsbachers nach, beleuchtet die Kindheit und Jugend, das schwierige Verhältnis zur Mutter, den früh eintretenden Wahnsinn des Bruders und die Flucht des Königs in eine Scheinwelt, in der er sich vor der Realität zu verstecken versucht.

Die bayerische Monarchie ist einige Jahre vor Ludwigs Thronbesteigung in ihren Grundfesten erschüttert worden – die Affäre zwischen Ludwigs Großvater Ludwig I und der Tänzerin Lola Montez hat den König zur Abdankung gezwungen. Als Ludwig II nach dem überraschenden Tod des Vaters an die Macht kommt, ist er Monarch in einer konstiutionellen Monarchie mit einer sehr lebendigen Verfassung und einem willensstarken Parlament. Zugleich verändert sich das europäische Machtgefüge rasant – Bismarck treibt nördlich von Bayern die Gründung eines deutschen Kaiserreichs voran, während im Süden das Kaiserreich Österreich-Ungarn schwächelt.

Schnell entsteht bei der Lektüre von Hilmes‘ Buch das Bild eines Menschen, der völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Hilmes hat ihn daher den Titel eines „unzeitgemäßen“ Königs verliehen. So sehnt sich Ludwig nach einer absolutistischen Staatsform, zelebriert das Ancien Régime und eifert Ludwig XIV nach, dem Sonnenkönig, der zu Geburt Ludwigs bereits seit mehr als 100 Jahren tot ist. Da überrascht es umso mehr, dass dieser Mann dann völlig unerwartet modern daherkommt, wenn er den antisemitischen Richard Wagner deutlich zurechtweist, es seien keine Unterschiede zwischen Christen und Juden zu machen indem er schreibt: „nichts ist widerlicher, unerquicklicher, als solche Streitigkeiten; die Menschen sind ja im Grunde doch alle Brüder, trotz der confessionellen Unterschiede“.

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In lockerem Plauderton bringt Hilmes solche Episoden ebenso unter wie Hinweise auf des Königs beträchtlichen Drogenkonsum (u.a. Kokain und Morphium), mit dem der streng katholisch erzogene Monarch hoffte, den – in seinen Augen krankhaften – Hang zur Selbstbefriedigung unter Kontrolle zu bringen. So lernt der Leser einen Mann kennen, der von den Anforderungen an seine Stellung und den Idealen seiner Zeit zerrissen wird, der mit großer Wahrscheinlichkeit an Krankheiten leidet, die schlicht noch nicht als solche erkannt und behandelt werden können und der schlussendlich daran zugrunde geht.

Ludwig II. Der unzeitgemäße König ist leicht zugänglich und zeichnet ohne viel Pathos eine menschliche Tragödie nach. Zeitgleich bringt es einem nicht nur die Person Ludwigs näher, sondern beleuchtet auch eine spannende Epoche deutscher Geschichte.

Kurzfazit: In lockerem Plauderton gehaltene Biographie, die ein überraschend vielschichtiges Bild des Märchenkönigs zeichnet.

Ich danke dem Pantheon Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.


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Kategorien: Deutschland | Tags: Biographie, deutsche Geschichte | Permanentlink.


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