Klebstoff unter Tränen

Herrschaftzeiten, jetzt weint er, der Claus Kleber. Und weit und breit keine Kanzlerin, die streichelt und sagt, er habe es ganz toll gemacht. Dabei hat er es ganz toll gemacht. Alleweil schon. Besonders als die Frau im Osten zündelte. Damals weinte er noch nicht.
Klebstoff unter TränenSo Flüchlingsrealitäten sind ja tatsächlich mehr als traurig. Ich bin da ganz bei ihm. Wenn man nachfühlt, wie es bei diesen Temperaturen ist, in einer Zeltstadt zu hausen, dann begreift man, was Flucht bedeutet. Man kommt an und leidet weiter. Von den Fluchtmotiven will ich gar nicht erst sprechen. Und wenn dann jemand etwas Symbolisches tut, damit diese Tristesse ein wenig Licht erhält, wie eben jener Busfahrer, der einige Flüchtlinge per Lautsprecherdurchsage auf seiner Linie begrüßte, dann ist das wirklich ein Moment, in dem man Tränen in die Augen bekommen könnte. Das kann jedem passieren. Auch harten Typen. Warum es dem Kleber ausgerechnet jetzt widerfährt, weiß man allerdings nicht ganz so genau. Andere Flüchtlingswellen beeindruckten ihn ja auch nicht.

Für jenes Drama war er nicht direkt verantwortlich. Aber er und sein »heute journal« hatten kein Problem damit, Öl ins ukrainische Feuer zu gießen, gegen Putin zu Felde zu ziehen und damit Europa an den Rande eines militärischen Konfliktes zu führen. Er gab den Journalismus auf und rechtfertigte das gewissermaßen später in der Tübinger Uni. Dass die Verschärfung der Situation Menschen aus ihren Städten und Dörfern vertrieb, Flüchtlingswellen vergrößerte und all das für diese Menschen brachte, was so ein Umstand eben mit sich bringt, kümmerte ihn und seine Leute herzlich wenig. Sie waren ganz auf Kanzlerinnen-NATO-EU-Kurs, geiferten nach starker Generalität, wollten sich nach Osten hin erweitern und zum russischen Osten abgrenzen und alle anderen als gefährliche Putinversteher abwatschen. Flüchtlinge? Ach was! Kollateralschäden im Propagandafeldzug. Teilweise verleugnete man sie als Propaganda Russlands. Aber selbst wenn, so einige Menschen mit verlorener Heimat muss man doch aushalten können.

Aber ich behaupte nicht, dass dieser Mann, der der Kitt zwischen Eisernkanzlerschaft und Meinungsmache ist, dass also Klebstoff-Clausi, ein kaltes Herz habe. Auch er kann mal weinen. So angedeutet jedenfalls. Die Frage ist halt nur, warum es manchmal ans Herz geht und wieso in anderen Fällen nicht. Ist das Zeitgeschmack oder Mode? Oder liegt es an der privaten Konstitution? Geht es ihm nicht so gut, weswegen er so nah am Wasser gebaut hat? Objektiv ist das jedenfalls nicht. Und wem bringt dieses Geheule was, wenn man auf der anderen Seite indirekt an ähnlichen Vorgängen mitgestrickt hat?
Tränen lügen nicht, heißt es. Achja? Vielleicht tun sie es tatsächlich nicht. Aber sie können rinnen, ohne das zu meinen, was man annimmt meinen zu müssen. Sich trennende Lebenspartner weinen ja auch viel. Aber nicht unbedingt, weil der Verlust so wehtut, sondern hin und wieder auch, weil man sich selbst schrecklich leidtut, weil man enttäuscht ist vom eigenen Lebensweg und sich fragt, wie man sich hat dermaßen täuschen können. Die Tränen lügen deswegen ja nicht, sie sind ja echt und aufrichtig. Sie werden aber falsch interpretiert. Vielleicht hat der Mann ja vorher »Love Story« geguckt, sich mit seiner Liebsten oder seiner Frau gestritten oder einfach nur Zwiebeln geschnitten und sich die Hände nicht gewaschen. Es wären auch dann aufrichtige Tränen gewesen. So aufrichtig, wie er aufrichtig den Konfrontationskurs mit Russland stützte.
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