Kinder mit alten Augen

Kinder mit alten Augen Das Vernichtungslager Auschwitz. Hartmut Seefeld

Es war ein Zufall. Bereits in der vergangenen Woche, als wir eine Schülergruppe aus Stefans Wahlkreis zu Gast hatten, konnte ich erste Exponate der Ausstellungen „Der Tod hat nicht das letzte Wort - Niemand zeugt für den Zeugen“ und „Zeichen gegen das Vergessen“ im Bundestag sehen. Gestern, am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee, wurden sie in der Halle des Paul-Löbe-Hauses durch Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und Bundestagsvizepräsident Peter Hintze eröffnet.

Kinder mit alten Augen Gabi Kuttner

Mit ihren Präsentationen möchten die Künstler Manfred Bockelmann und Jehuda Bacon „zumindest einigen wenigen Namen Gesichter geben, sie so aus der Anonymität der Statistik herausziehen“. Die großformatigen Porträts, meist Kohlezeichnungen auf Jute, zeigen Kinder und Jugendliche zwischen zwei und achtzehn Jahren, die in Vernichtungslagern wie Auschwitz als „Volksschädlinge“ ermordet wurden. Als Vorlagen der Porträts dienten erkennungsdienstliche Fotografien der damaligen Behörden. Auf einigen trugen die Fotografierten ihre besten Kleider. Sie wollten offenbar einen guten Eindruck machen, wussten noch nicht, was ihnen bevorstand.

Kinder mit alten Augen Gabi Kuttner

Die Augen der Kinder ziehen den Betrachter förmlich in die Bilder hinein. Ich sah Nichtverstehen, Vorsicht, Skepsis und Ernst. In jedem Fall sah ich in alte Augen. Da wird das eigene Innere ganz still. Der österreichische Künstler André Heller bekannte, dass ihm diese Werke „ohne Vorwarnung die Tränen in die Augen trieben“, und ihn in ihren Bann schlugen, so, als wäre er hypnotisiert. Manfred Bockelmann freut das, denn damals habe „niemand um diese Kinder geweint, weil alle, die hätten weinen können, selbst schon tot waren“.

Kinder mit alten Augen Alex Jahns

Mit der „Pankower Lichterkette“ neigte sich dieser Tag des Gedenkens am Abend seinem Ende entgegen. Seit 17 Jahren erinnern Pankowerinnen und Pankower auf diese berührende Art vor dem ehemaligen Jüdischen Waisenhaus in der Berliner Straße den Opfern des Holocausts. In diesem Jahr waren besonders viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei und wir alle hatten erstmals die Möglichkeit, uns auf der großen Kreuzung Breite Straße/Berliner Straße zu versammeln. In ihren Ansprachen nahmen der stellvertretende Bezirksbürgermeister und der Vorsitzende der VN-BdN Pankow Bezug auf den wachsenden und zugleich fatalen Wunsch vieler jüdischer Menschen in Europa, erneut dem Kontinent den Rücken zu kehren. Ein Dank an Pfarrerin Ruth Misselwitz für das Läuten der Kirchenglocken als Rahmen für ein kurzes, schweigendes Gedenken.


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