Kennen Sie Paul?

„Auch wenn ich selbst mir nichts zu Leide tue, bin ich doch mein eigner Henker.“
John Donne

Kennst du eigentlich Paul?

Paul ist der nette Typ von nebenan. Er trägt der alten Dame im dritten Stock die Einkäufe rauf und übernimmt im Winter für sie das Schneeschippen.

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Foto: © by Schemmi / pixelio.de

Er fährt immer fünfzehn Minuten eher los als nötig, um auch ganz bestimmt pünktlich am Arbeitsplatz zu sein. Jeden Freitag erledigt er zusammen mit seiner Frau den Einkauf, weil es sich schließlich nicht gehört, dass sie den Bierkasten reinschleppt. Mit seinem Sohn geht er zum Fußballspielen, und der Freund seiner Tochter hat einen Heidenrespekt vor ihm, sodass er selbige immer pünktlich um zweiundzwanzig Uhr zu Hause abliefert. Paul ist ein netter Nachbar, guter Ehemann und Vater. Er interessiert sich für die Probleme anderer, engagiert sich in der Gemeinde und weiß, was in der Welt passiert, denn immerhin liest er die Tageszeitung und schaut jeden Tag um zwanzig Uhr die Tagesschau.

Manchmal geht Paul wählen, manchmal hat er keine Zeit oder keine Lust. Aber das ist nicht schlimm, denn erstens gehen mehr als die Hälfte der Bundesbürger nicht ins Wahllokal, und zweitens werden „Die da oben“ das Kind schon ohne ihn schaukeln. Immerhin ist er ja nur einer von achtzig Millionen.

Natürlich hatte auch Paul schon Pech im Leben. Vor ein paar Jahren war er arbeitslos, musste sogar zum Amt und Hartz 4 beantragen. Dann hat er eine Weile als Niedriglohnempfänger gejobbt und musste trotz 40-Stunden-Woche aufstocken. Inzwischen hat er wieder eine etwas besser bezahlte Arbeit, sein Lohn und das Gehalt seiner Frau reichen zusammen mit dem Kindergeld zum Leben, für einen Urlaub mit der Familie und sogar für die eine oder andere Anschaffung. Und das trotz des Kredits für das Auto und der Raten für den neuen supergroßen Flachbildfernseher. Pauls Kinder haben Smartphones, genau wie er und seine Frau, und auch die Modepolizei wird sie auf dem Schulhof nicht verhaften, da ihre Kleidungsstücke die richtigen, die „angesagten“ Etiketten haben. Eine Zeitlang war das anders, aber daran denkt Paul nicht gern zurück. Ein ordentliches Schnitzel auf dem Teller ist ihm eindeutig lieber als Toastbrot mit Rührei, und in anständigen Lederschuhen läuft es sich besser, als in Stofftretern für zehn Euro.

Auch wenn Paul nicht immer von seinem Wahlrecht Gebrauch macht, betrachtet er sich doch als politisch engagiert. Als vor ein paar Jahren in Fukushima das Kraftwerk hochging, war er mit auf der Straße und demonstrierte für den Ausstieg aus der Kernenergie. Immerhin hat er zwei Kinder, die unverstrahlt aufwachsen sollen. Dass Ökostrom teurer ist, findet er zwar nicht so toll, aber für das große Ganze muss man manchmal eben Abstriche machen.

Ja, Paul ist ein guter Kerl. Er geht seiner Arbeit nach, und er zahlt seine Steuern. Und das nicht zu knapp, denn immerhin kassiert Vater Staat nicht nur die Lohnsteuer von ihm und seiner Frau. Dazu kommt auf jeden Einkauf noch die Mehrwertsteuer, beim Tanken die Mineralölsteuer und was den findigen Politikern nicht noch alles eingefallen ist, um den Bürger zur Kasse zu bitten. In einem Vier-Personen-Haushalt mit zwei modebewussten Teenagern läppert sich da monatlich so einiges zusammen. Aber das ist okay, denn immerhin darf das Straßennetz ja nicht völlig verwahrlosen, müssen unter anderem Schulen und Kindergärten, medizinische Einrichtungen und das soziale Netz finanziert werden. Und außerdem – grrr! – kosten ja auch Milliardengräber wie die Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder ein gewisser Berliner Flughafen eine Menge Geld. Und dann sind da natürlich auch noch die Griechen, die Ukrainer und all die anderen nichtdeutschen Empfänger deutscher Steuergelder, von denen immer wieder lang und breit in der Tagesschau berichtet wird … Da kann auch einem Paul am Stammtisch schon mal der Hut hochgehen. Immerhin sind das alles Kosten, die er mit seiner Hände Arbeit mitbezahlt.

Was Paul in diesem Zusammenhang allerdings nicht bedenkt und ihm auch der Nachrichtensprecher der Tagesschau nicht klipp und klar erzählt, ist, dass ein großer Teil seiner Steuern – und der Steuern aller anderen – weder im innerdeutschen Umlageverfahren, noch in der EU oder als humanitäre Hilfe im Ausland landen. Nein, dieses Geld gibt zum Beispiel eine Frau von der Leyen für Drohnen aus, für Panzer, Schlachtschiffe, Kampfflugzeuge oder ganz allgemein für Auslandseinsätze der Deutschen Bundeswehr. Dieses Geld fließt in das Militärbündnis, dem die Bundesrepublik angehört und in Militärbasen anderer Nationen in unserem Land. Mit diesem Geld werden Waffen gekauft, entwickelt zur Massenvernichtung – und das ganz gewiss nicht, weil die so hübsch aussehen, wenn man sie auf dem Militärstützpunkt einlagert oder weil die Kisten sich so praktisch stapeln lassen.

Natürlich weiß Paul, dass im Grundgesetz steht, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen darf, aber deutsche Soldaten im Nato-Einsatz oder US-Drohnen, die von Ramstein aus gesteuert werden, das ist doch etwas ganz anderes, oder? Und außerdem werden „Die da Oben“ schon wissen, was sie tun. Dafür wurden sie ja gewählt … Naja, wenn auch nicht unbedingt von ihm.

Was Paul auch nicht bedenkt, ist, dass eben diese Waffen, diese Drohnen, dieses Bündnis in anderen Teilen der Welt Menschen töten und andere Menschen aus ihren Häusern, Dörfern, Ländern vertreiben. Was Paul von dem Nachrichtensprecher nicht zu hören bekommt, ist, dass es rein zufällig in beinahe jedem Krisenherd, in denen es zu Gewalttaten kam und in die dann notgedrungen Nato-Truppen entsendet werden müssen, kostbare Ressourcen in Form von Bodenschätzen oder seltenen Erden gibt. Oder dass sie strategisch günstig zur Errichtung von weiteren Militärbasen liegen.

Okay. Reiner Zufall. Allerdings hat Reiner dann eindeutig eine Großfamilie.

Aber bleiben wir lieber bei Paul. Was wäre, wenn er es bedenken würde? Würde er dann auch mit einem Transparent auf der Straße stehen, wie damals als es darum ging, dass seine Kinder in einem unverstrahlten Deutschland aufwachsen sollten? Selbst wenn das bedeuten würde, dass die Mineralölpreise ohne eine solche Militärintervention womöglich ansteigen würden? Würde er den Kindern der Menschen in den Krisengebieten die gleiche Relevanz einräumen und von „Denen da oben“ Rechenschaft fordern, auch wenn es für ihn persönlich möglicherweise mit finanziellen Einbußen verbunden wäre? Oder würde er weitermachen wie bisher, und die Militäreinsätze auch weiterhin durch seinen Konsum und die damit verbundenen Steuereinnahmen unterstützen, weil „Die da oben“ schon wissen, was sie tun und weil es ihn persönlich ja schließlich nicht betrifft und ihn darum nichts angeht?

Schauen wir mal: Eigentlich ist Paul ein Menschenfreund. Aber in den letzten Monaten hört und liest man immer mehr von einem Flüchtlingsproblem. Bis vor kurzem hat er darüber noch die Achseln gezuckt, denn die paar Muslime mit ihren Dönerständen und dem Gemüsegeschäft, die paar Asiaten aus dem Restaurant „Lotus“ und dem Kleidergeschäft an der Ecke und sogar die russische Familie im Nachbarhaus findet er eigentlich ganz nett. Aber jetzt wird ein paar Straßen weiter eine ehemalige Schule zum Asylbewerberheim umgebaut. Und das geht ihm dann doch ein wenig zu weit, zumal er seine Mitverantwortung für diesen Umstand nicht sieht und sie auch gar nicht sehen will. Schließlich treffen „Die da oben“ die Entscheidungen. Allerdings tun sie es in seinem Namen und autorisiert durch demokratische Wahlen – zu denen er geht, oder auch nicht.

Kennst du eigentlich Paul?

Paul ist der nette Nachbar, der gute Familienvater, der brave Steuerzahler. Paul ist der typische obrigkeitshörige Deutsche. Und genau das macht Paul zum Verbrecher.
Seine Motive sind Ignoranz und Eigennutz.
Seine Tatwaffe ist Konsum.

In mittelbarer Täterschaft ist Paul ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder.
Paul ist … DU.

von Heidi Langer

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Quellen – weiterführende Links

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