Keine Tabus: Charismat redet Klartext

Der große alte Mann der Online-Botschaft brachte es auf sagenhafte 141 Einsätze im elektrischen Revier. Kaum jemals enttäuschte Wolfgang Böhmer die von regelmäßig ein- bis zweihundert Zuschauern in ihn gesetzten Erwartungen. Immer wurde er seinem Ruf als Strickjacke unter den Ministerpräsidenten gerecht, ein Hausklatsch auf Auslauf in der wilden Datenwelt von Youtube und dem feudalen Regierungsportal sachsen-anhalt.de, dessen Blick die wahre Botschaft war: Ich weiß nicht, sagte der Ministerpräsident wortlos, warum ich das hier tue. Aber ich muss, also mache ichs.
Reiner Haseloff nun, noch ein Wittenberger im Gewand des Regierungschefs, hat nicht nur Böhmers Sessel am Kabinettstisch geerbt, sondern auch dessen fatalen Hang zu Auftritten vor der Webcam des Regierungsfernsehsenders im Internet. Einige Zeit hat er zwar gezögert, ob er die großen Fußstapfen des Klassikers unter den Online-Botschaftern werde ausfüllen können. So langweilig, so nichtssagend, so pünktlich einmal die Woche, das wird schwer, wusste der Energiker Haseloff.
Doch dann endlich entschloss er sich doch, die Fans und Menschen draußen im Lande nicht zu enttäuschen. Und vieles ward gleich neugemacht bei der in Farbe abgefilmten Videobotschaft des Ministerpräsidenten. Ein neuer Vorspann lockt mit luftigem Design. Wo Böhmer einst versuchte, irgendwie energisch durch irgendwelche Landschaften zu stapfen, steht der Minimalist Haseloff einfach nur rum. Aktionfernsehen, dass im Kopf spielt: Rechts des ersten Mannes im Lande prangt eine bunte Kinderzeichnung, Werk eines der letzten Minderjährigen in Sachsen-Anahlt. Links von ihm sehen die Zuschauer ein fahl und unbunt wirkendes Landeswappen.
Ja, wir bleichen früher aus und unser erster Mann ist schon farblos! Das ganze Geld hier ist für Inhalte ausgegeben worden, und an denen spart der neue Star mit der violetten Krawatte denn auch keine Sekunde. Im Internet heißt es schnell zur Sache kommen, das neue Medium nutzen, auch ungemütliche Botschaften direkt an den Bürger zu bringen. Reiner Haseloff hat seine Lektion gelernt: Seit er damals auszog, keine Gnade mit dem Rechtsschornsteinfeger Lutz Battke an den Tag zu legen, spricht er Klartext, umgeht er kein Tabu.
Harte Zeiten. Europa in der Krise, Deutschland zerstritten, Sachsen-Anhalt verschuldet, dass es kracht. Da braucht es Männer mit Charisma, die auf den Punkt kommen und die Dinge ansprechen, die allen auf der Seele brennen. Haseloff kommt also schon in seiner Premierensendung sofort zum Kern der Dinge: Gardelegen! Das Landesfest. Die Landeskinder! Das Engagement! Tolle Wurst!
Die Hände kneten, der Oberkörper wackelt im Sound eines Stück klingender Heimatkultur, das auf Anraten von PPQ in die für Jugendklubs und Kegelbrüdertreffs optimierten Version des Clips eingefügt wurde. DJ Hasi geht dorthijn, wo es wehtut, er spricht, wie es seiner Werbeagentur in den Sinn kam. Haseloss, angekündigt von einem jauchzenden Mitbürger, der "jetzt geht die Party richtig los" argwöhnt, ist der Gegenböhmer, ein Eintänzer und Graswurzelcharismat, beweglich wie ein Schrank, telegen wie ein eingewachsener Zehennagel. Der passende Mann also für diese Aufgabe - das ZDF sollte ihm "Wetten, dass..." überreichen, in aller Form und besenrein. Die 300 Zuschauer, die Haseloffs beklemmender Internet-Selbstversuch auf YouTube hatte, können nicht das letzte Wort sein.


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