Kein Wort zum Hochwasser

Aber bis September bin ich sicherlich in der richtigen Stimmung für Katastrophenzustände.
Komm, es muss doch was gehen, irgendein Text zum Hochwasser werde ich mir doch aus dem Hirn leiern können. Aber was? Es wird so viel darüber berichtet, gesprochen, geschrieben und gezeigt, dass nichts Neues mehr denkbar ist. Aber ich muss doch das Agenda Setting bedienen. Alle schreiben sie was. Nur ich nicht.
Ich wollte ja eigentlich fragen, ob der Adelsschlag Jahrhunderthochwasser für 2002 überhaupt so ohne weiteres aberkennbar und übertragbar ist. Ist das rechtens? Und was wird aus einem Jahrhunderthochwasser von einst, wenn es durch ein anderes Hochwasser nicht mehr das Hochwasser des Jahrhunderts schlechthin ist? Heftet es sich ein a.D. hintendran? Bekommt es Ehrensold?

Oder ich hätte schreiben können, dass ich mir statt der aktuellen Berichterstattung ein Video von 2002 eingelegt, die Berichte von damals angeschaut habe - und trotzdem umfassend informiert war, weil schon damals dasselbe berichtet, gesprochen, geschrieben und gezeigt wurde. Schon damals wateten Reporter durch die Flut und fragten mit fast seelsorgerischer Betroffenheit nach, wie es nun weitergehe; schon damals fragten sie das nicht abstrakt, sondern ganz konkret, hielten Leuten, die eben die Wohnzimmereinrichtung oder gleich das ganze Haus verloren hatten, ein Mikrofon ins Gesicht und fragten diese idiotische Frage.
Ich hätte mich sodann gefragt, ob sich die Bilder - ja alle Bilder überhaupt - nicht zwangsläufig für Menschen gleichen, die ein gewisses Alter erreicht haben und demgemäß schon einige Ereignisse an sich vorübergehen sahen. Und ich hätte festgestellt, dass man früher vielleicht Sechzig werden musste, um das gesehen zu haben, was heute jemand durch freundliche Mithilfe von NTV und N24 schon mit Fünfunddreißig zu "erleben" vermag.
Ich hätte beim Betrachten der Archivbänder von 2002 vielleicht nicht mal bemerkt, dass die Kanzlerin im dunkelolivgrünen Parka eigentlich ein Kanzler ist. Schröder, Merkel - Merkel, Schröder - Möder, Schreckel - da gibt es ohnehin keine Kluft. Widerlich, wie sich dieses Kanzlerpack da anbiedert. Dort, wo ich unbedingt für einen Ortstermin war, hat Merkel ihn aber sausen lassen. Na ja, so ein Flug nach Fukushima wäre eventuell auch zu zeitaufwändig gewesen.
Während ich so sinnierte, was ich vom Hochwasser schreiben könnte, was nicht schon irgendwo seinen Niederschlag fand, betrachtete ich so einen Wichtel von einem Wirtschaftsverband vor der Kamera, wie er sich wegen der Strafzölle gegenüber China aufführte. Er sprach von Handelskrieg und von Vergeltungsschlägen der Chinesen, die noch nicht absehbar seien. Hm, die sind schon im Krieg, dachte ich mir. Da quatschen alle vom Wasser - und die deutsche Wirtschaft macht derweil schon mal sprachlich mobil. Hätte ein besseres Thema abgeworfen als dieses Wasser. Na ja, habe keine Lust dazu gehabt.
Für diese Bande, die uns da so infotainmentet ist ja eigentlich immer Hochwasser. Ständig steht uns die Brühe mindestens bis zum Hals. Wegen zu hoher Steuern, die man Leistungsträgern auferlegt oder weil die Arbeitslosen uns die letzten Haare von der Glatze puhlen. Der Unterschied zum aktuellen Hochwasser ist nur, dass es sich jetzt um ein wirklich wässriges Hochwasser handelt, nicht um eine metaphorische Flut.
Ich könnte mich ja auch mal textlich fragen, was man für ein Mensch sein muss, um Menschen, die eben Wohnraum, Möbel und letztlich Erinnerungen verloren haben, so dreist zu befragen. Wie kann man sich nur so, wie sich normalerweise nur ein geiler Dackel an die Wade seines Herrchens klemmt, an Menschen in Not heften? Braucht es besondere Perversion dazu? Oder reicht die übliche bürgerliche Boshaftigkeit aus, die sich am Leid anderer ergötzt, weil dies ja auch eine besondere Form des evolutionären Kampfes ums Dasein ist? Denn immer wenn da so ein Reporter fragt, was man jetzt mache nach dem Verlust, höre ich ihn nur für mich vernehmbar flüstern: Also, wenn ich daheim bin, im Trockenen, lege ich erst die Füße hoch und dann schiebe ich 'ne Nummer. Und ihr?
Natürlich lebt dieses Disastertainment immer auch davon, dass der Zuschauer sagen kann: Scheiße hey, wie gut, dass uns das nicht passiert ist! Die Frage ist nur, wie man mit diesem egoistischen Impuls umgeht, ob man ihn journalistisch kultiviert und voyeuristisch ködert - oder ob man verantwortungsvoll damit umgeht, was so viel heißt wie: Jeder weiß doch selbst, was man tut, wenn man sein Dach über dem Kopf verliert, oder nicht? Das muss man doch nicht extra erfragen. Schon gar nicht so lasziv und sensationsgierig. Und wenn man es nicht weiß und man es sich nicht mal vorstellen kann, dann geht es einem vielleicht doch ein wenig zu gut, dann ist das Hochwasser nicht hoch genug angestiegen, um diese Insel der Ignoranz zu überspülen.
Über das Hohelied der Hilfsbereitschaft schreibe ich an dieser Stelle aber sicher ebenfalls nichts. Mir kommt gleich das Kotzen, wenn ich weiterhin hören muss, wie nett die Menschen zueinander seien, wie sie sich gegenseitig stützen und helfen. Deutschland rückt zusammen, schwadronierte RTL in einer Sondersendung. Da wird mir gleich nur schlecht, wenn ich das auch nur wiederhole. Klar, die Aussicht, gleich im eigenen Wohnzimmer angeln zu können, macht potenzielle Helfer erst flott. Morgen ist jedoch alles vergessen und dem alten Sack, der seit DDR-Zeiten in einem heruntergekommenen Häuschen an der Elbe wohnt, aber keine Arbeitsstelle mehr findet und schon seit Jahren arbeitslos ist, hilft keiner mehr. Den macht man dann mit dafür verantwortlich, dass uns als Gesellschaft das Wasser bis zum Hals steht. Heute schleppen sie ihm die Säcke, morgen kriegt er eine auf den Sack.
Und gelehrte Sprüche über die Ursachen des Hochwassers? Das wäre doch ein Thema, oder nicht? Dazu ist doch auch alles gesagt. Man muss mit ihm leben, alles andere ist menschliche Herrschaft-über-die-Natur-Ideologie. Ein Kommentator der taz schreibt gar, dass die "Tücken der Natur [...] irgendwie auch tröstlich" seien. So weit will ich nicht gehen. Ich sage einfach: So zwischen Flussläufen zu leben ist wie einen Beutel voller Scheiße über den Kopf schweben zu haben, der zu platzen droht. Irgendwann platzt das Ding. Das ist zwangsläufig. Man kann nur den Platz darunter verlassen. Tröstlich ist das sicher nicht - tröstlich wäre es, wenn solche ökologisch-menschenverachtende Gelehrsamkeit im Hochwasser verschwände.
Als ich zuletzt vom Hochwasser schrieb, hat mich ein Mann angeschrieben. Meine despektierliche Art gefiel ihm nicht. Ich hätte kein Recht so über die Opfer des Wassers zu schreiben, wie ich es damals tat. Wasser bis zum Hals zu haben, sei eine Katastrophe, Arbeitslosigkeit hingegen relativ erträglich. Ich gab ihm keine Antwort. Die gebe ich ihm heute: Du kannst mich mal, Kumpel. Ich schreibe worüber ich will und ich schreibe wie ich will. Nur heute fällt mir dazu wenig ein.
Es ist alles gesagt, ich muss nichts an Senf draufklatschen, kein Wort zum Hochwasser von meiner Seite. Weniger ist oft mehr. Ich schreibe dann was vom Hochwasser der nächsten Woche - irgendwas wird sich da schon finden. Ich habe mir vorgenommen: Die nächste Katastrophe, von der ich schreiben werde, wird die Katastrophe vom 22. September diesen Jahres sein. Bis dahin bin ich vielleicht in der richtigen Katastrophenstimmung.