Kein Tag hat genug Zeit, aber jeden Tag sollten wir uns genug Zeit nehmen


Kein Tag hat genug Zeit, aber jeden Tag sollten wir uns genug Zeit nehmen

Das Foto wurde von Karin Heringshausen zur Verfügung gestellt


„Kein Tag hat genug Zeit, aber jeden Tag sollten wir uns genug Zeit nehmen.“

John Donne

Ihr Lieben,

heute möchte ich Euch die Geschichte eines unbekannten Autors erzählen:
„Das Wertvollste...“

Es war schon eine Weile her, seit René den alten Mann zuletzt getroffen hatte. Das Studium, Frauen, die Karriere - René war aus seinem Heimatort weggezogen und lebte heute am anderen Ende der Republik. René hatte wenig Zeit, um über Vergangenes nachzusinnen, manchmal fehlte ihm sogar die Zeit für seine Frau und seinen eigenen Sohn. Er arbeitete an seiner Zukunft und nichts konnte ihn davon abbringen.

Eines Tages erhielt er einen Anruf seiner Mutter. Sie erzählte ihm, dass Herr Belser am Abend zuvor gestorben war, und dass die Beisetzung am darauffolgenden Mittwoch stattfinden sollte.

Erinnerungen tauchten auf und René saß still da, und erinnerte sich an seine Kindheit.

"Hast Du gehört, was ich Dir gesagt habe?" fragte seine Mutter.

"Aber ja, sicher", antwortete René, "ich habe lange nicht mehr an ihn gedacht - um ehrlich zu sein: ich dachte, er sei schon seit einigen Jahren tot."

"Nun, aber er hat Dich nicht vergessen. Immer, wenn ich ihn sah, fragte er nach Dir. Er schwärmte von den vielen Stunden, die Du damals bei ihm drüben verbracht hast, 'auf seiner Seite des Zauns', wie er es nannte", fuhr seine Mutter fort.

"Das alte Haus, in dem er lebte, war einfach genial", sagte René.

"Weißt Du, als Dein Vater starb, kam Herr Belser vorbei und meinte, es sei sehr wichtig, dass es auch einen männlichen Einfluss in Deinem Leben geben sollte," sagte Renés Mutter.

"Ja, er hat mir viel beigebracht. Ohne ihn hätte ich meinen heutigen Beruf nie erlernt. Er hat sehr viel Zeit damit zugebracht, mir alles zu vermitteln, was er für wichtig hielt. Ich werde zur Beerdigung kommen."

Obwohl er sehr unter Termindruck stand, hielt René sein Versprechen. Er nahm den nächsten Flug in seine Heimatstadt. Die Beisetzung des Herrn Belser war sehr schlicht. Er hatte keine eigenen Kinder und die meisten seiner Verwandten waren längst verstorben.

Am Abend vor seinem Rückflug besuchte René mit seiner Mutter noch einmal das alte Haus, in dem Herr Belser all die Jahre gelebt hatte. Er blieb auf der Türschwelle stehen. Es war wie eine Zeitreise, als öffnete sich eine andere Dimension. Das Haus war genau so, wie René es in Erinnerung hatte. Jeder Schritt, den er darin machte, weckte längst vergessene Erinnerungen. Jedes Bild, jedes Möbelstück erzählte Geschichten. René hielt abrupt inne.

"Was ist los?" fragte seine Mutter.

"Die kleine Schatulle ist weg!" antwortete René.

"Welche Schatulle?"

"Es gab eine kleine goldene Schatulle, die er immer verschlossen hielt - sie stand immer hier auf dem Schreibtisch. Ich habe ihn bestimmt tausend Mal gefragt, was drin ist. Aber er sagte nur immer: Das, was mir am wertvollsten ist."

Die Schatulle war fort. Alles andere im Haus war genauso, wie René es in Erinnerung hatte. Alles bis auf die Schatulle. René vermutete, dass ein Familienangehöriger diese Schatulle mitgenommen haben musste. Traurig sagte er: "Nun werde ich niemals erfahren, was für ihn am wertvollsten war."

René war müde, also kehrte er mit seiner Mutter zurück nach Hause und flog am nächsten Tag zurück in seine Wahlheimat.

Etwa zwei Wochen nach Herrn Belsers Tod fand René einen Benachrichtigungsschein in seinem Briefkasten. Der Postbote hatte ihn nicht angetroffen und das Päckchen wieder mitgenommen.

Als René ganz früh am nächsten Morgen zum Postamt fuhr, überreichte ihm der Schalterbeamte ein Päckchen, das so aussah, als sei es hundert Jahre unterwegs gewesen. Die Handschrift des Absenders war kaum zu entziffern, doch schließlich erkannte René die Absenderanschrift: Harald Belser.

René setzte sich ins Auto und atmete tief durch, bevor er das Päckchen öffnete. Zum Vorschein kamen die goldene Schatulle und ein Briefkuvert. Renés Hände zitterten, als er die Notiz las:

"Bitte übergeben Sie nach meinem Tod diese Schatulle mit Inhalt an René Benoit. Sie enthält das, was mir in meinem Leben am wichtigsten war."

Ein kleiner goldener Schlüssel klebte auf dem Brief. René standen die Tränen in den Augen und sein Herz raste, als er den Schlüssel nahm, und die Schatulle öffnete. Sie enthielt eine wunderschöne goldene Taschenuhr. Renés Finger glitten über das wunderbar gearbeitete Gehäuse. Der Uhrdeckel sprang auf.
Darin standen die eingravierten Worte:
"René, vielen Dank für Deine Zeit! - Harald Belser"

"Meine Zeit war es, die ihm am wertvollsten war!"
René hielt die Uhr eine ganze Weile in der Hand, bevor er zum Handy griff und im Büro anrief. Er sagte alle Termine für die kommenden beiden Tage ab.

"Aber warum denn das?" fragte seine Sekretärin irritiert.

"Ich möchte ein wenig Zeit mit meinem Sohn verbringen", antwortete René. "Ach, und übrigens: vielen Dank für Ihre Zeit."

Ihr Lieben,

das Wertvollste, was wir neben der Liebe unseren Kindern und Enkelkindern schenken können, ist Zeit.
Zeit zum Lachen, Zeit zum Fröhlichsein, Zeit zum Spazierengehen, Zeit für den Spielplatz, Zeit zum Vorlesen, Zeit zum Zuhören, Zeit zum In-den Arm-Nehmen…
Wer glaubt, dass Kindern wertvolle Geschenke das Wichtigste sind, der irrt gewaltig.

Die Zeit ist das, was sie am liebsten von uns haben möchten!

Ihr Lieben,

ich wünsche euch an diesem Wochenende Zeit für Eure Kinder und Enkelkinder und ich grüße Euch herzlich aus Bremen

Euer heiterer Werner

Kein Tag hat genug Zeit, aber jeden Tag sollten wir uns genug Zeit nehmen

Das Foto wurde von Karin Heringshausen zur Verfügung gestellt



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