Katzen und Hunde und Resignation

Katzen und Hunde und ResignationAnni hat mir einen entsetzlichen Schreck verpasst. Anni ist eigentlich eine ziemlich ruhige Kollegin. Die gute Seele, die immer ein offenes Ohr hat. Zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Sie ist sanft. Hört zu. Ich habe nie erlebt, dass sie unter die Gürtellinie geht. Ich mag sie. Wenn alle so wie Anni wären, dachte ich mir, dann wäre die Welt einen Schritt weiter. Aber letzte Woche hat sie mir dann wirklich zugesetzt.

Wir waren mehrere Kollegen, standen im Pulk zusammen und quatschten. Ich hatte mir gerade eine Zigarette angezündet und irgendwie landeten sie thematisch bei den Rumänen, die in Deutschland angeblich nur Sozialhilfe abstauben möchten.
   »Die Richter haben da ganz richtig entschieden«, sagte Anni.
   Ich spitzte die Ohren, wollte es aber nicht vertiefen und inhalierte den Rauch.
   »Kommen alle zu uns, nur um Leistungen zu kassieren.«
   »Mensch, Anni, bist du etwa rassistisch«, fragte sie Joe augenzwinkernd. Joe zog immer alles ins Lächerliche.
   »Na hör mal, es herrscht immer noch Meinungsfreiheit«, rief ein anderer dazwischen.
   »Ich meine ja nur, dass eine Katze unter Katzen und Hunde unter Hunden bleiben sollten«, rechtfertigte sich Anni.
   »Mein Kampf«, sagte ich.
   »Bitte?«
   »Die Passage musst du aus ›Mein Kampf‹ haben. Man könnte fast meinen, dass dieser Satz genau so drin steht. Ich glaube allerdings mit Hasen und Füchsen.«
   Es waren Füchse, Gänse, Tiger, Katzen und Mäuse. Ich habe später nachgeschaut. Eine kommentierte Ausgabe habe ich mir mal auf dem Flohmarkt gekauft. In einer Passage zur Rassenreinheit gibt sich der Bestsellerautor tierlieb.
   »Achso?«
   Anni gab sich ratlos und lächelte und eilte wieder an die Arbeit.
   Alle anderen schauten mich bedröppelt an und wechselten dann das Thema. Ich drückte meine Kippe aus und ging weg und klemmte mich über die Schüssel.
Nein, ich unterstelle Anni nicht, dass sie solche Bücher liest, sich ihre Freizeit mit Biologie, der Evolutionstheorie oder Rassenkunde vertreibt. Was ich sagen will: Das Gift wirkt. Es fließt durch alle Adern, dachte ich mir, als ich später nochmal über sie nachdachte. Es zeigt sich täglich mehr. Anni war letzte Woche auch nur so ein Symptom des allgemeinen konservativen Rollbacks, des Abgleitens der Gesellschaft ins rechte Lager.
Unter meinen vorletzten Text für das »Neue Deutschland« notierten einige Leute bei Facebook ihre Kommentare. Leute, die ganz offenbar ein »linkes Feedback« haben und sich trotzdem beim Thema Integration in Vorurteile suhlen. Einer schrieb, dass Boko-Haram wörtlich »westliche Bildung ist Sünde« bedeute. »So denken die meisten von denen«, beschloss er. Ein anderer schimpfte auf das Bild, das den Text flankierte. Man sehe ja, wie integriert die beiden Frauen mit dem Kopftuch seien. »Gülcan Kamps und Nazan Eckes als Beispiel, daran sollten sich diese Frauen orientieren.« Der Mann ist Linker, in einem anderen Kommentar zu einem anderen Thema betrauert er, dass es im Bundestag zwar eine linke Mehrheit gäbe, die aber nicht genutzt würde, um soziale Gerechtigkeit durchzusetzen.
Das sind freilich nur Auszüge. Aber sie werfen ein Bild auf den Zustand in diesem Land. Auch Linke stecken sich an. Ja, die Linke gerät mehr und mehr ins Hintertreffen. Sie verliert im alltäglichen Kampf um die Deutungshoheit beständig an Boden. Ich mache mir da nichts mehr vor. Wir sind am Verlieren. Der Rechtsruck ist doch schon lange kein zögerlicher Ruck mehr. Er rückt uns aber förmlich auf den Pelz. Anni ist bestimmt keine Linke. Aber eine Frau, von der man denkt, dass sie eher linken Positionen zugeneigt ist. Selbst diese milden, diese eigentlich guten Menschen, die unpolitisch sind, verfallen diesem Wahnsinn.
Überall geht es rechts um. Rechte Straftaten mehren sich. Hakenkreuze sind wieder öfter zu sehen. Antisemitismus und Islamophobie sind die neue Eleganz. Neonazis mobilisieren Fußballfans und Wutbürger. Halten Mahnwachen ab und kriminalisieren Döner-Verkäufer und türkische Gemüsehändler. Die »Alternative für Deutschland« zeigt, dass Rassismus und Spießertum wohl die Alternativlosigkeit für Deutschland sind. Dieses Land kommt früher oder später immer wieder darauf zurück. Die europäische Freizügigkeit ist schon das Opfer dieser Haltung. Auf der Grundlage der Xenophobie werden die letzten Brocken von europäischer Völkerverständigung zertrümmert. Es ist einfach nur grauenhaft, was da passiert.
Und dann kam auch noch Anni, die milde Anni um die Ecke. Da möchte ich resignieren. Wenn schon Leute wie du ... ja, wenn schon die netten Leute Hass versprühen und nichts dabei finden, dann falle ich vom Glauben ab. Täuscht sich die Linke wirklich so sehr, wenn sie glaubt, dass Wissen und Aufklärung die Methoden sind, die die Welt etwas erträglicher machen? Oder haben wir Linken uns getäuscht und der Mensch bleibt denkfaul und dumm, selbstgerecht und schlecht? Ist alles umsonst? Emotional intelligent ist Anni ja durchaus. Aber auch diese Intelligenz stößt an ihre Grenzen und haut dann Sätze raus, die aus des Führers Repertoire zu kommen scheinen.
Der Rechtsruck ist keine steile These. Er ist da. Mitten unter uns. Fängt an unser Leben zu bestimmen. Da rauchste eine Zigarette und du hörst Passagen über die Rassenreinheit. Hörst sie und hörst nicht, wie jemand dagegen was sagt. Alles ganz normal mittlerweile. Wir haben gelernt, diesen Hass in unserer Mitte zu akzeptieren. Ich werde lernen müssen, dass auch die guten Seelen den Duktus der Bosheit annehmen. Der Rechtsruck integriert fast alle. Auch die netten Leute, die man so kennt. Wenigstens eine Integration, die in diesem Lande eine Erfolgsgeschichte ist.
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