Katastrophenfall Lebensmittelherstellung

Katastrophenalarm in Norddeutschland – aber es geht nicht um Gorleben oder die Asse, sondern um ein Werk des Lebenmittelherstellers (!!!) Kraft. Was man zwar ahnen konnte, aber nicht wissen wollte, bricht nun mit aller Gewalt ins öffentliche Bewusstsein: Die moderne Lebensmittelherstellung an sich reicht schon für größere Katastrophen aus, da braucht man gar keine verseuchten Tiefkühlerdbeeren aus China. Kraft Foods ist der drittgrößte Nahrungsmittelkonzern der Welt – nach Nestlé und Pepsico. Aus dem Hause Kraft kommen unter anderem Jacobs Kaffee und Kakau-Pulver wie Kaba oder Suchard Express, Milka-Schokolade und Toblerone, der Philadelphia-Frischkäse, Ketchup und Mirakel Chip.

Ein bisschen Respekt für Chemie wäre angebracht

Nach langem Suchen habe ich doch ein Kraft-Produkt in meinem Haushalt entdeckt. Weil ich kein schönes Bild von einem Chemie-Unfall hatte, gibt es das Motto des Protagonisten einer meiner Lieblingsserien, an das ich bei der Katastrophen-Meldung prompt denken musste.

Wie so ziemlich allen Weltkonzerne wird auch Kraft Foods vorgeworfen, über elende Zustände, Ausbeutung und Kinderarbeit bei den Zulieferbetrieben für Kakao und Kaffee in Afrika großzügig hinweg zu sehen. Aber findig, wie Konzerne nun ein mal sein müssen, um in der weltweiten Konkurrenz aller gegen alle zu bestehen, hat der Konzern sich auch andere Sachen einfallen lassen, um den Profit zu optimieren – so kritisierte die Verbraucherzentrale im Jahr 2010, dass Kraft seinen Kaffee Onko mit billigen Zutaten wie Matodextrin und Karamell strecken würde, so dass in einer 500-Gramm-Packung tatsächlich nur noch 440 Gramm Kaffee enthalten wären. Nach der Einführung des Verbraucherportals lebensmittelklarheit.de durch die Verbraucherzentralen im vergangenen Jahr wurde der Druck so groß, dass Kraft wieder 100 Prozent Kaffee in seine Onko-Packungen füllte. Wobei es natürlich erbärmlich genug ist, dass man in unserem System überhaupt Verbraucherzentralen braucht, um den Betrug am Konsumenten in Grenzen zu halten – denn stattfinden tut er so oder so. Aber immerhin wird der Konsument, der es denn wissen will, von der Verbraucherzentralen aufgeklärt, auf welche Weise er über den Tisch gezogen wird. Und wenn ein Konzern es übertreibt, gibt es auch mal eine Strafe, die in der Regel aus der Portokasse bezahlt werden kann – denn das Geschäft soll ja weiter gehen. Und viele Leute wollen gar nicht so genau wissen, dass ihr Früchtejoghurt eigentlich nur mit Gelatine angedickte Magermilch ist, angereichert mit gentechnisch aromatisierten Sägespänen.

Zurück zum aktuellen Chemie-Unfall: Im Werk in Fallingsbostel wurden offenbar versehentlich große Mengen von Natronlauge und Salpetersäure zusammen gekippt. Natronlauge wird klassischerweise zur Reinigung von Anlagen verwendet, etwa in der Land- und Milchwirtschaft, weil sich sonst überall unfreundliche Bazillen verbreiten wurden, die sich in Milch und Milchprodukten und auch in Menschen wohlfühlen. Salpetersäure ist ein wichtiger Grundstoff in der chemischen Industrie, damit kann man unter anderem Sprengstoffe aller Art herstellen, aber auch Desinfektionsmittel. Beide Stoffe sind für Menschen nicht sehr bekömmlich, für Menschenschädlinge allerdings auch nicht, weshalb auch Lebensmittelkonzerne offensichtlich große Mengen von dem Zeug vorrätig haben. Wenn man beides zuammenkippt, bekommt man nicht nur ein explosives Gemisch, sondern auch eine schöne Giftgaswolke. Weil die schon beim Hautkontakt schädlich ist (beim Einatmen sowieso), wurden das Werk und die umliegenden Wohngebiete evakuiert. Auch die A7 wurde gesperrt, so hatten auch noch viele Autofahrer etwas davon. Über 1000 Rettungskräfte waren im Einsatz, um den Tank zu kühlen und das explosive Gemisch abzupumpen – ein Problem war, dass die Spezialisten und ihre Schutzanzüge ständig ausgetauscht werden mussten.

So ist das mit der modernen Lebensmittelindustrie – auch hier kann ein Fehler zu einer größeren Chemiekatatrophe führen – wobei Unfälle bei der Düngemittelherstellung, die ja auf den gleichen Grundstoffen wie die Sprengstoffindustrie beruht, nicht so ungewöhnlich sind. Aber weil im Kapitalismus ja alles so trefflich eingerichtet ist, dass von jedem Schaden auch immer irgendwer wieder einen Profit hat, werden sich nun die Hersteller von Gasmasken und Schutzanzügen über neue Aufträge freuen.



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