Kapitel 8 – „Sandkastentod“

Von Melanie Döring @tigger0705



VIII.

Kurz nachdem Marie das Apartment verlassen hatte, schnappte Johannes den Laptop und warf Mozart einen auffordernden Blick zu. Der Conti sprang sofort von seinem Platz auf und trippelte zur Wohnungstür. »Zeit für ein kleines Experiment. Bist du dabei?« Johannes musste lachen, denn Mozarts Ausdruck verriet, dass der wohl überall dabei wäre, allein, um der Tristesse des Apartments zu entkommen.
Als Johannes am Affentorplatz stand und auf Mozart warten musste, der an jedem Hauseingang stehen blieb und intensiv mit Zeitunglesen beschäftigt war, pfiff das Smartphone in der Brusttasche seines Jacketts Twisted Nerve aus Tarantinos Kill Bill. »Gerd … du bist in Frankfurt? … Nein, ich bin nicht zu Hause. Lust auf Frühstück? … das kleine Café am Affentorplatz … ja, das mit der Terrasse … bis gleich.«
Eine viertel Stunde später saßen beide an einem kleinen Bistrotisch, unter dem es sich Mozart bequem gemacht hatte. »Was macht deine Behandlung? Gibt es neue Erkenntnisse?«
Gerd nickte und lächelte gequält. »Fühle mich wie eine Laborratte. Allerdings habe ich nicht das Gefühl, am Schluss laut quiekend unter dem Triumphgeschrei der Weißkittel in die Höhe gehalten zu werden.«
»Der Weg dorthin ist auf jeden Fall schwierig. Wie ist der Stand?«
»Wir werden abwarten müssen, ob sich eine Reduktion einstellt. Das braucht Zeit.«
»Die du nicht hast.«
»Bei einem Stillstand des Befalls schon. Aber ich habe jetzt keinen Bock auf Krankheitsgewäsch. Warum hast du den Laptop mit?«
Johannes klappte das Gerät auf und drückte die Standby-Taste. Dann wartete, bis der Startbildschirm von Google erschien und drehte den Laptop Gerd zu. »Es gibt eine Software, die nennt sich Paly Root
»Und?«
»Suche sie.«
Gerd beugte sich vor und tippte den Namen ein, den ihm Johannes buchstabiert hatte. Nach einer Weile, während der er gebannt auf den Schirm geschaut hatte, schüttelte Gerd den Kopf. »Das gibt es nicht. Es sei denn du suchst ein Klo für …«
»Ja, ja, den Witz hatte ich schon öfters über mich ergehen lassen müssen. Jetzt rufe Friend Care auf.«
»Du meinst diese Seite, auf der sich alle nur zurufen, wie fett sie geworden sind?«
»Genau.«
Gerd tippte auf der Tastatur herum und nickte Johannes kurz zu. »Und jetzt?«
»Gib Anneliese Wonn ein.«
Gerd blickte mit zusammengekniffenen Augen über den Laptop. »Du bist doch nicht schon wieder den Geistern der Vergangenheit auf der Spur?«
»Nicht schon wieder, sondern immer noch. Suche jetzt Anni, los!«
Auch jetzt machte Gerd eine hilflose Geste. »Die gibt’s hier nicht. Was soll das Theater?«
»Hm, was ist hier anders als zu Hause?«
»Wieso? Was ist denn in deinem Apartment anders?«
»Paly Root und Anni.«
»Willst du mir erzählen, bei dir bekommst du andere Ergebnisse?«
»Langsam begreifst du.«
Gerd dachte kurz nach. »Bist du über WLAN im Internet?«
»Nein, LTE.«
»Also hast du hier den gleichen Provider.«
Johannes nickte.
»Aber nicht die gleiche IP Adresse.«
Johannes stöhnte laut auf. »Das ist es. Die IP Adresse ist überall verschieden zu meinem eigenen WLAN.« Er klemmte einen Zwanziger unter die Kaffeetasse, klappte den Laptop zusammen und schnappte Mozart am Halsband. »Komm mit, Gerd, wir machen eine Gegenprobe.«

»Deine IP-Adresse. Das ist die plausibelste Erklärung.« Gerd starrte auf den Bildschirm. »Aber auch die sicherste Möglichkeit, nur dir diese Daten zukommen zu lassen. Es sei denn, du trommelst Gott und die Welt in deinem Apartment zusammen, um ihnen das hier vorzuführen. Das ist die Pirkner, stimmt’s?«
»Richtig. Du hast sie gleich erkannt.«
»Wer hat das noch alles gesehen?«
»Nur Marie.«
»Hm, was ist mit Anni?«
»Rutsch‘ rüber.« Johannes stellte sich einen weiteren Stuhl vor den Laptop und klickte im Browser auf das Symbol von Friend Care. Auf Annis Profilseite prangte immer noch das Foto mit der Gestalt, die ein Mädchen langgestreckt auf den Händen trug.
»Das soll Anni sein?«
Johannes öffnete einen Ordner und zeigte Gerd das Ergebnis, nachdem er das Bild mit Gimp bearbeitet hatte.
»Heilige Maria, das hätte ich nicht gedacht.« Gerd schüttelte ungläubig den Kopf.
»Was hättest du nicht gedacht?«
Gerds Miene blieb reglos, als wäre sie eingefroren. Sein Blick starr auf das Foto gerichtet.

Johannes begann zu zählen, bis die Absence seines Freundes vergangen war. Als dieser wieder Regung zeigte, wiederholte Johannes seine Frage. »Was hättest du nicht gedacht?«
Gerd schaute verstört zu ihm hinüber und zuckte anschließend mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Keine Ahnung, was ich sagen wollte.« Wie in Trance klickte er auf die Schließ-Symbole der Fenster, bis nur noch Paly Root geöffnet war. Dann wackelte er mit dem Mauszeiger auf der Zeitskala herum und ließ Frau Pirkner so lange vor und zurück tanzen, bis beide in schallendes Gelächter ausbrachen. Schließlich zog er die Markierung unvermittelt in die Mitte des Jahres 1966. Umgehend erschien das Bild vom Spielplatz, was Johannes für sich als Testbild bezeichnet hatte.
»Was tust du da?«
»Mir ist aufgefallen, dass du nur mit dem Programm herumspielst, aber dich nicht traust, zum Punkt zu kommen. Anscheinend könntest du mit Hilfe des Programms herausfinden, was mit Anni passierte, schaust dir aber lieber die alte Pirkner im Schnee an.«
»Ich war noch nicht so weit, wollte erst mal herausfinden, wie das Teil funktioniert und was es zu leisten im Stande ist.«
»Das kannst du auch zur Sommerzeit.«
»Da schau genau hin. Siehst du jemanden? Sieht das vielleicht aus wie Sommer?«
»Keine Ahnung, sieht eigentlich nur nach dem leeren Spielplatz aus.«
»Genau, die Details brauchen eine gewisse Zeit. Als ob das Programm sie erst errechnen oder suchen müsste.«
Gerd stellte die Uhrzeit auf zwölf Uhr mittags.
»Siehst du, die Sonne müsste über den Häusern der Metzgerstraße stehen und Schatten Richtung Johanniskirche werfen. Tut sie aber nicht. Warte jetzt einen Moment.«
Gerd saß bewegungslos da und starrte auf den Bildschirm, dass Johannes unmöglich sagen konnte, ob er eine Absence hatte oder einfach nur konzentriert war. Noch endlosen Minuten schoss plötzlich das Gras in die Höhe und die Rutsche warf ihren Schatten darauf.
»Es geht los«, bemerkte Johannes und rutschte näher an den Tisch heran. Welches Datum hast du eingestellt?«
Aber Gerd saß weiter wie versteinert, seinen Blick in den Monitor versunken, da.
»Gerd!«
Als Johannes bereits mit einer weiteren Absence rechnete, drehte Gerd langsam den Kopf in seine Richtung und sagte mit heiserer Stimme: »Das dauert zu lange.« Dann drückte er einen Knopf an seiner Armbanduhr und schaute auf das Zifferblatt. »Ich muss gehen. Meine Termine lassen sich nicht schieben.«
»Aber …«
»Kein Aber. Finde Anni. Die Zeit drängt.«
Johannes blickte seinen Freund verwundert an. »Was meinst du damit?«
Geschickt zog Gerd mit nikotingegilbten Fingern sein Zigarettenetui aus der Brusttasche des Jacketts und öffnete es. »Wahrscheinlich habe ich nicht mehr viel Zeit, und ich will, genau so, wie du, das Geheimnis gelüftet wissen.« Daraufhin zog er eine Zigarette aus der Tabatiere, nahm sie in den Mund und verließ ohne eine weitere Bemerkung das Apartment.
Johannes ließ sich mit einem Seufzer in die Lehne des Stuhls zurückfallen und stellte fest, dass Fritzel und der verschlagene Helmut mittlerweile auf dem Spielplatz materialisiert worden waren. Sie saßen in hockender Stellung unter der Rutsche und starrten zu den auf dem Boden liegenden Murmeln hinunter. Als das Bild sich stabilisiert hatte und er mit dem Mausrad Bewegung in die Szene brachte, musste er schmunzeln, weil er Helmut dabei ertappte, wie der, als Fritzel kurz wegschaute, zwei Murmeln stibitzte. »Du warst schon immer eine linke Bazille«, murmelte Johannes und ihm wurde bewusst, dass kaum jemand gegen Helmuts Schummeleien je eine Chance gehabt hatte, und schon gar nicht die Einfältigkeit in Person. In diesem Moment tat Fritzel ihm leid.

»Das war bestimmt die Schattenmiliz«, flüsterte Fritzel Johannes ins Ohr.
»Was schwätzt du da?«
»Die von der Schattenmiliz haben Anni auf dem Gewissen.«
Johannes, der gerade mit dem Absatz seines Schuhs eine frische Kuhle für die Murmeln in die Erde drehte, hielt inne. »Was ist die Schattenmiliz?«
»Das weiß niemand. Die sind wie Geister. Die kommen meistens, wenn’s dunkel wird, und bewegen sich immer durch die Schatten.«
»Aber warum sollten die es auf Anni abgesehen haben?« Johannes wurde schwindelig bei dem Gedanken, er müsse sich auf seinem Rachefeldzug, den er sich heimlich geschworen hatte, mit dem Übernatürlichen auseinandersetzen.
»Vielleicht hat sie was entdeckt, was sie nicht sehen durfte. Das Geheimnis der Schattenmiliz.«
Gleich versuchte sich Johannes an ihr letztes Abenteuer zu erinnern. Sie waren am Philippsruher Schloss auf der Jagd nach dem Todesschwan, der nach Annis Aussagen einen Anschlag auf die Versammlung von Astrophysikern im Kassettensaal des Remisenbaus des Schlosses plante. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit konnten sie sein Versteck ausmachen und ihn erfolgreich vertreiben. Unter großem Geschrei floh das Tier, das sie vorher aus einem Gebüsch aufgescheucht hatten, wild mit den Flügeln um sich schlagend auf den Main hinaus.
Einen Moment lang überlegte Johannes, ob Fritzels Schattenmiliz etwas mit dem Todesschwan zu tun haben könnte, doch er verwarf den Gedanken gleich wieder. Aus dem Anzeiger und den Schilderungen seines Bruders Randy hatte er nach Annis Ermordung die Ermittlungen verfolgt, doch von einer Schattenmiliz war nie die Rede gewesen. Allerdings hatte Randy seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Berichterstattung nach wenigen Tagen eingestellt worden war.
»Bist du sicher wegen dieser Schattenmiliz?«
Fritzel hielt seinen mit Erde verschmierten Zeigefinger vor Mund und Nase, aus der wie üblich eine Rotztraube hing. Seine Stirn warf Falten, und sein Blick trug ein gefährliches Funkeln. »Sprech‘ doch leise, verdammt. Meinst du, ich will von denen gelyncht werden? Ich hab’s aus erster Quelle. Kannste mir glauben. Die Anni wurde von den Schatten erwischt.«

Johannes drehte das Mausrad mit seinem Zeigefinger vor und zurück. Dabei blickte er gedankenverloren auf den Bildschirm, wo Fritzel und Helmut emsig wie zwei Ameisen auf dem Boden unter der Schaukel umherkrochen. »Was, verdammt nochmal, meintest du mit den Schatten, Fritzel?« Der Junge in der verdreckten Lederhose krabbelte weiter unbeirrt unter der Schaukel herum, verzweifelt bemüht, seine Murmeln vor Helmut zu verteidigen. »Wer hat dir diesen Floh ins Ohr gesetzt?« Gegen was er sich die ganze Zeit gesträubt hatte, obwohl er im Besitz dieses fantastischen Werkzeugs war, musste er jetzt wohl in Angriff nehmen. Er war gezwungen den Tod von Anni in den Tiefen von Paly Root finden. Ihm gingen die Worte von Fritzel nicht mehr aus dem Kopf. Dieser einfältige Mensch, der wichtigtuerischen Blödsinn unter seiner mit Rotz verklebten Nase von sich gab. Und es war dieser Humbug, der Johannes aus irgend einem Grund wichtig erschien.
Er stöhnte im gleichen Atemzug auf, als er darüber nachdachte, welches Datum er einstellen sollte. Weder der Hanauer Anzeiger noch der nicht existierende Polizeibericht konnten ihm bei dem Datum helfen. Randy, sein Bruder, war bereits vor Jahren gestorben. Ruben leugnete sogar die Existenz Annis, und Uto wusste nicht einmal, was ein Montag war. Johannes wurde schmerzlich bewusst, dass die Vergangenheit desto mehr verbarg, je weiter die Gegenwart voranschritt. Leute starben oder vergaßen. Papier vergilbte und zerfaserte und Erinnerungen wurden erst einfarbig und unscharf, bevor sie verblassten.
Irgendwann musste Helmut Fritzel sämtliche Murmeln abgenommen haben. Jedenfalls konnte Johannes beobachten, wie er seine Sachen packte und durch die Teppichstange am Eingang des Spielplatzes verschwand. Fritzel hingegen blieb weiterhin unter der Schaukel in der Hocke, grabschte sich einen kleinen Stecken und begann, das Haus des Nikolaus‘ in die Erde zu ritzen.
»Gott, bin ich bescheuert!«, rief Johannes so laut aus, dass Mozart unwillkürlich den Kopf hob. »Da sitzt doch die Antwort. Ruben hatte ihn erwähnt. Wo hatte er ihn nochmal getroffen.«
Johannes versuchte sich zu erinnern, dann tippte er kurz auf sein Smartphone und hielt es anschließend an sein Ohr. »Paul?«
»Am Apparat.«
»Ich habe noch einen Auftrag für dich.«
»Ich höre.«
»Fritzel Ommer. Hängt immer am Hanauer Hafen herum. Ich brauche einen Kontakt zu ihm. Entweder die Adresse, die Arbeitsstätte oder die Kneipe.«
»Ist gebongt.«
Johannes wollte schon auflegen, da meldete sich Paul Bux‘ Stimme erneut.
»Übrigens, ich habe ihn gefunden.«
Johannes riss die Augen auf. »Du hast was?«
»Na, ich habe ihn gefunden, den Typ den du gesucht hast. Annis Vater.«


Dieses kurze Weihnachtskapitel ist schon zu Ende. Fortsetzung folgt.

Hier bekommt ihr einen Überblick:

Mel

Copyright liegt bei Melanie Döring. Zuwiderhandlung führt zu empfindlichen Strafen. Zur Nutzung einzelner Auszüge, fragen sie dies bitte an bei bookrecession@gmail.com an.

top