Kanada, ein Land der Gegensaetze

Ein Jahr Kanada neigt sich dem Ende und ich moechte hier ein Fazit ziehen. Ich moechte ueber Dinge schreiben, die mir hier gefallen und anderes, was mich nur immer wieder mit dem Kopf schuetteln laesst. Aber wo anfangen?
Gleich zu Beginn meines Kanada Abenteuers merkte ich, dass die Uhren ganz anders ticken. Wie bei meinen anderen Abenteuern auch, machte ich mich daran, eine prepaid SIM Karte zu erwerben sowie ein Bankkonto zu eroeffnen; Essentials die man eben so braucht. Da gingen die Schwierigkeiten schon los. Einfach mal so eine prepaid Karte mit guenstigen Tarifen kaufen, die man bei Bedarf immer wieder mit beliebigen Betraegen aufladen kann, ja das klingt einfach, ist es aber nicht. In Kanada geht sowas immer nur mit Handyvertrag, weil da immer auch ein Telefonanbieter dahinter steht, der sein Telefon an den Mann oder die Frau bringen will. Das ist uebrigens meistens ein apple iphone oder ein Blackberry. Wer sowas hier nicht hat, ist schon furchtbar altmodisch. Weiter gehts mit dem Bankkonto. Vielleicht bin ich da in Neuseeland und Australien einfach verwoehnt worden, wo man auf Backpacker eingestellt und gebuehrenfreie Konten anbietet. In Kanada existiert das Wort gebuehrenfrei nicht. Aber vielleicht hat das auch mit meiner Gehaltsklasse zu tun.... Auch traute ich meinen Augen nicht, als man mir bei der Einrichtung meines Kontos Schecks in die Hand drueckte. Sowas hatte ich schon lange nicht mehr gesehen und noch viel seltener genutzt; hier sind die Dinger noch Gang und Gaebe. Zum Beispiel traut es einem ein neuer Arbeitgeber nicht zu, dass man es fertig bringt, seine Bankverbindung fehlerfrei in ein Formular einzutragen und laesst sich deshalb immer einen Scheck geben, wo ja die Bankverbindung drauf steht. Naja, finden die Dinger wenigstens Verwendung... Naechste merkwuerdige Situation ist das Onlinebanking. In ihrem Sicherheitswahn haben die Kanadier das Austauschen von Bankverbindungen unter Privatpersonen eingeschraenkt und bieten einen E-Mail-Service an, der folgendermassen funktioniert; Person A gibt die Emailadresse von Person B an, der sie Geld schuldet und diese Person B wird dann per Email dazu aufgefordert, sich bei ihrer Bank einzuloggen, eine Sicherheitsfrage zu beantworten (die Person A vorher festgelegt hat) und bekommt das Geld dann ueberwiesen. Klingt gut? Naja, Person A zahlt Gebuehren und ich verstehe immer noch nicht, warum ich nicht ganz einfach ne Ueberweisung machen darf!
Was mich an Kanada tierisch aufregt und mich regelmaessig auf die Palme bringt, ist das Image der Umweltschuetzer und sparsamen Verbraucher, das sich dieses Land immer gerne selbst aufstempeln moechte. Die sollten mal nach Europa kommen und sich ein paar Scheiben abschneiden!
- Muelltrennung ist ein Witz hier, zumindest in staedtischen Hochhaeusern wird kein Biomuell oder Glas getrennt; dafuer gibt es zwei Tonnen fuers Papier, deren Unterschied ich immer noch nicht verstanden habe
- Die Masse an Muell, die taeglich von all den Fastfood Ketten, Kaffeehaeusern und den kostenlosen Metro Zeitungen verursacht wird, schreit zum Himmel und die ach so 'gruenen' Kanadier haben es noch immer nicht verstanden, dass der Starbucks Becher zwar recyclebar ist (wie gut fuers Gewissen), aber trotzdem Muell verursacht und irgendwo gelagert werden muss
- Strom ist immernoch gnadenlos guenstig hier (habe ich mal in einem meiner ersten Beitraege aus Vancouver erwaehnt) und deswegen schert sich auch keiner um Stromkosten.
- Wer was darstellen will, muss das dementsprechende Auto fahren, egal wie hoch der Spritverbrauch ist. Wahnsinnig viele Vierradantriebe und riesige Familienkutschen sind hier Gang und Gaebe und schlucken was das Zeug haelt. Benzinpreise in Vancouver sind gepfeffert und jeder beschwert sich darueber, aber das geliebte Fahrzeug zu Hause stehen lassen geht auch nicht. Dann also Augen zu und durch.
- Bei uns auf Arbeit wird taeglich soviel Papier verschwendet, dass ich gar nicht mehr darueber nachdenken darf. Vorschlaege zur Reduzierung unseres Papierbedarfs werden nur abgewertet; das ginge halt einfach nicht anders. Inzwischen antworte ich immer nur ganz sarkastisch "ja, ja, das gruene Kanada!"
Aus irgendeinem Grund bekommt man in Kanada staendig gesagt, was man tun soll oder was man eben nicht machen darf. Beispiel Toiletten in Cafes oder Restaurants, wo erstens Poster haengen mit Anweisungen zum richtigen Haendewaschen (ja sie hatten grosse Angst vor der Schweinegrippe und haben sich alle wie die Bloeden impfen lassen!) und nochmals Anweisungen fuer die Angestellten, dass sich diese doch gefaelligst immer die Haende waschen muessen, bevor sie zur ihrer Arbeit zurueckkehren. Wenn man seine Angestellten richtig ausbildet und sie auf die Wichtigkeit von Hygiene aufmerksam macht, braucht man diese Hinweise nicht. Dafuer braucht man aber erstmal Angestellte, die auch alle Englisch sprechen und verstehen.... Und vielleicht sollte man auch einfach wieder zu den guten alten Handschuhen zurueckkehren, die frueher ueblich waren. Wenn man bei McDonalds die Angestellten ohne Handschuhe arbeiten sieht, fragt man sich gleich, ob derjenige das Schild auf dem Klo gelesen und befolgt hat. Irgendwie vergeht einem da das Essen!
In Bussen und Bahnen dann ueberall Hinweise, dass man doch bitte die vorderen Sitze fuer aeltere Menschen, Schwangere usw. freihalten soll. Ist nett gemeint, aber so weit ich mich erinnere, haben wir solche Hinweise in Deutschland nicht und wir stehen trotzdem auf, wenn eine aeltere Person im Bus erscheint.
In Sachen Mode fuehle ich mich hier wie ein Aussenseiter. Wenn ich so durch die Stadt laufe, schuettele ich oft nur mit dem Kopf und wuerde mich bei der Wahl der Bekleidung auch nicht mehr wundern, wenn mir Leute irgendwann nackt auf der Strasse begegnen wuerden. Die Menschen sind total oberflaechlich hier, nur das Aeusserliche zaehlt und das erklaert wohl auch, warum gerade die Frauen so furchtbar aufgetackelt sind. Stoeckelschuhe in denen es mir schwindelig werden wuerde, hotpants die kaum noch ueber die Pobacken reichen und Oberteile 3 Nummern zu klein praegen das generelle Erscheinungsbild. Geht man am Wochenende mal weg, faellt man auf wie ein schwarzes Schaf, weil man nicht wie eine Prostituierte ausschaut. Das deckt sich mit Beobachtungen in Australien und Neuseeland und Erzaehlungen aus England; keine Ahnung, warum die gesamte englischsprachige Welt ein derart verschobenes Verhaeltnis zum Koerper hat.
Kanada ist ein Konsumland und eines Verbrauchers bester Freund ist die Kreditkarte. Ohne dieses Ding geht hier gar nichts und man wird sogar ganz komisch angeschaut, wenn man sich gegen das Zahlen mit Kreditkarte ausspricht. Im Olympic Superstore, dem offiziellen Souvenirladen fuer die Olympischen Winterspiele wuerden zum Beispiel nur Barzahlung und Visakarten erlaubt. Was ist denn mit meinem kanadischen Bankkonto, wo ich mein verdientes Geld darauf habe?!? Ich glaube das unterscheidet mich vom Durchschnittskanadier; ich gebe nur Geld aus, das ich bereits verdient habe und der Kanadier gibt es aus und verdient es spaeter (und wundert sich, warum er nicht aus den Kreditkartenschulden rauskommt).
Kanadier sind ein nettes Volk, meist besonnen, witzig und hilfsbereit. So hilfsbereit, dass sie ohne nachzudenken, ein paar Wochen Urlaub nehmen und sich ohne Bezahlung stundenlang in Regen oder Schnee stellen, um bei den Olympischen Spielen dabeizusein und als Freiwillige zu helfen. Gut, die meisten hatten sich als Freiwillige gemeldet mit dem Hintergedanken, beim Hockey aushelfen zu koennen, aber das trage ich ihnen nicht nach. Man wird ja wohl noch tagtraeumen duerfen! 70.000 Freiwillige haben die Winterspiele erst moeglich gemacht und ich kann vor deren Engagement und Begeisterung einfach nur den Hut ziehen.
Wo auch immer man hingeht, welche Literatur man auch liest und mit wem man auch spricht, es herrscht Einigkeit; die Kanadier sind offen und so tolerant. Diese Einigkeit herrscht vorallem unter Kanadiern, die sich gern in dieses Licht ruecken und sich sehr oft selbst loben. Noch nie was davon gehoert, dass Eigenlob stinkt?!? Eine lange Zeit dachte ich, ich sei die Einzige, der dieses staendige Eigenlob aufgefallen sei, bis ich eines Tages einen Artikel in der Zeitung las, der genau dies anprangerte und schrieb, dass es unkanadisch sei, sich staendig selbst auf die Schulter zu klopfen. Danke! Wenn man die Hilfsbereitschaft und Herzigkeit der Menschen down under erlebt hat, wo kein Hahn danach dreht, ob man vom Rest der Welt als nett bezeichnet wird, kann einem die Eitelkeit der Kanadier schon mal auf den Keks gehen.
Die Kanadier sind den Amerikanern aehnlicher, als ihnen recht ist, schliesslich sind sie immer recht schnell dabei, die Unterschiede zwischen den Nachbarn aufzuzeigen. Aber wenn sie so ihre Hymne singen, ihre Fahnen hissen und naiv denken, sie seien die groessten, nur weil sie ein gutes Hockey Team haben, kann ich nur lachen. Waehrend der Fussballweltmeisterschaft in Suedafrika gab es in den kanadischen Zeitungen Diskussionen darueber, ob denn neben all den Landesfahnen nicht auch die kanadische Fahne gehisst werden muss, schliesslich sei man hier in Kanada. Sorry, aber wo befinden wir uns? In einem freien Land mit dem Recht zur freien Meinungsaeusserung oder in einer Bananenrepublik?!?!
Nach den Celebration of Light Feuerwerken gab es uebrigens regelmaessig negative Berichte in den Zeitungen ueber all die Leute, die ihren Muell am Stand zuruecklassen, einfach in die Gruenanlagen pinkeln usw, schliesslich machen das gute Kanadier nicht. Hm, hier mal ein Vorschlag; wie waere es mit mehr Muelltonnen und Dixiklos, um solche Dinge zu vermeiden? Denn obwohl die Stadt wusste, dass zu den Feuerwerken jeweils zehntausende Menschen anruecken wuerden, hat sie es nicht fuer noetig erachtet, zusaetzliche Muelltonnen oder Toiletten aufzustellen. Da kann man noch so ein vorbildlicher Kanadier sein, wenn die Blase drueckt, dann muss es eben raus! Der Konsum von Alkohol ist uebrigens in Oeffentlichkeit verboten, deswegen frage ich mich, welches UFO all die Bierdosen und -flaschen ueber der Stadt abgelassen hat. Nach den Feuerwerken wurden wir uebrigens auch wie Verbrecher von Hubschraubern und Suchscheinwerfern am Strand ausfindig gemacht und von der Polizei aufgefordert, den Strand zu verlassen, da dieser geschlossen wuerde. Als ich etwas genervt meinte, das sei sehr unkanadisch, verboten mir die anderen zu Recht das lose Mundwerk; wer weiss, in welche Schwierigkeiten mich das gebracht haette!
Was mich allerdings das Herz immer wieder erwaermen laesst, ist die Tierliebe der Kanadier. Selbst in einer Grosstadt wie Vancouver wimmelt es von Hunden und ich liebe es, durch den Stanley Park zu laufen und all den gluecklichen Hunden zu begegnen, die ihre erschoepften Herrchen hinter sich herziehen. Die meisten sind supergut erzogen und sitzen brav und geduldig vor Cafes oder Kaufhallen und warten sehnsuechtig aufs Herrchen. Auch die meisten Hundebesitzer sind vorbildlich und haben immer ihr kleines Tuetchen dabei, um gewissen Hinterlassenschaften aufzusammeln. Viele Geschaefte und so gut wie alle Restaurants und Cafes haben Wasser fuer Hunde bereitstehen, damit diese nicht dursten muessen. Daumen hoch fuer soviel Tierliebe!
Viele der hier aufgezaehlten Dinge hier sind negativer Natur und das ist mir auch durchaus bewusst. Das soll nicht heissen, dass ich eine total schlechte Zeit in Kanada hatte und es kaum erwarten kann, endlich auszureisen. Aber wenn man die Erfahrung der letzten 12 Monate mit der anderer Laender vergleicht, muss ich eben leider sagen, dass mir sehr viele Dinge negativ aufgestossen sind und deswegen wollte ich sie hier einfach mal erwaehnen, ohne meine schoenen Erinnerungen in irgendeiner Weise schmaelern zu wollen. Es war ein sehr aufschlussreiches Jahr fuer mich und hat mich noch viel deutlicher spueren lassen, wo ich mich zu Hause fuehle und in welches Land ich zurueckkehren moechte!

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