Julya Rabinowich. Dazwischen: Ich

rabinowich_dazwischen_ich_hanserWeil unausgesprochene Worte manchmal wie Hühnerknochen sind, die sich im Hals verkeilen, schreibt die fünfzehnjährige Madina alles auf, was sie bedrückt. Eigentlich ist sie ein ganz normales Teenagermädchen, das sich Gedanken um das Leben, um die Schule und um seine Familie macht. Wenn da nicht ihre Vergangenheit wäre …

Wo ich herkomme? Das ist egal. Es könnte überall sein. Ich komme von überall. Ich komme von Nirgendwo. Hinter den sieben Bergen. Und noch viel weiter. Dort, wo Ali Babas Räuber nicht hätten leben wollen. Jetzt nicht mehr. Zu gefährlich (S. 7).

Autorin Julya Rabinowich lässt ihre Figur Madina Tagebuch schreiben und gibt so unzähligen Mädchen aus verschiedensten Ländern eine einzige sehr persönliche Stimme. Diese beeindruckt, hallt lange nach. Dazwischen: Ich ist ein Jugendroman, auch für Erwachsene. Seine Kraft und Stärke liegt in der ganz besonderen Sprache zwischen frech und schüchtern, draufgängerisch und verängstigt. Manchmal springt die Stimmung von einer Zeile zur nächsten. Von nachdenklich auf aggressiv. Beispielsweise fragt Madina sich, warum sie oft und gerne richtig wütend ist. Naja, schreibt sie, sie fühle sich dann lebendig. Wenn ich traurig bin, spüre ich wenig, fast nichts. Scheiß dich nicht an (S. 76). 

Vergleicht sie Früher und Heute, dann fällt ihr auch auf, dass viele Dinge sich dramatisch verändert haben. So gibt es Mamas leckere Torten nicht mehr. Kein Garten und keine zirpenden Zikaden am Abend. Dafür viel zu enge Zimmer im Asylbewerberheim und traurige Menschen überall. Neu ist, dass ihr Papa sie jetzt zwingt, ihr dichtes schwarzes Haar mit einem Kopftuch zu bedecken. Das hat er in der alten Heimat nie von ihr verlangt. Auch hasst sie die Röcke, die sie tragen muss. Viel lieber würde sie wie ihre Freundin Laura Jeans mit Knieriss tragen.

Gut, dass es Laura und deren Mama gibt! Noch nicht ahnend, dass auch Laura ein schweres Schicksal zu tragen hat, beneidet Madina ihre Freundin Laura sehr. Laura mit ihrem Rebellenlächeln. Gegen deren Schlagfertigkeit fühlt Madina sich nicht nur auf den Mund, sondern auf den gesamten Kopf gefallen. Will sie sprechen, dann geraten ihr die Worte im Mund meist durcheinander wie bunte Bauklötze und sie hat das Gefühl, zu ersticken. Wird sie je so sein, wie sie mal war?

Aber dann frage ich mich: Wie war ich denn? Kann mich manchmal gar nicht mehr daran erinnern. Habe auch früher nicht immer viel gelacht. Lache jetzt auch noch ab und zu. Ich bin verwirrt. Mein Inneres ist ein Wollknäuel, das jemand entrollt und ganz schlampig wieder aufgerollt hat. Vielleicht sogar nur zusammengeknüllt, so getan, als wäre dieser Fadenspaghettihaufen ein Knäuel (S. 51).

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Klarheit und Kraft findet Madina beim Schreiben. Ihre Familie, die sich in der neuen Heimat seltsam verhält, kann von dieser Power lernen. Irgendwann wird sicher auch der ersehnte Brief kommen, nach welchem ihr Papa jeden Morgen schauen geht. Dieser eine Brief, auf den hier alle warten. Die Bestätigung, hier bleiben zu können. Madina wird erwachsen werden. Sie wird ihren Weg finden, irgendwo dort zwischen Tradition und Moderne. Schön, dass ich sie begleiten durfte in diesem einen schweren Jahr zwischen Trauer, totaler Wut und grenzenloser Hoffnung.

Julya Rabinowich. Dazwischen: Ich. Carl Hanser Verlag. München 2016. 255 Seiten. 15,- €



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