Julius Hensel: meine Grundsätze

Von Julius Hensel

aus: “Das Wichtigste von der ganzen Heilkunst”, Seiten 11-19:

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„Fingit se medicum quisquis idiota profanus“. Dies Wort wurde früher gern von den berufsmäßigen Heilpraktikanten auf solche Leute angewendet, die der natürlichste Zug des Herzens dazu trieb, ihren Nebenmenschen zu raten, wie erlittene gesundheitliche Nachteile zu beseitigen seien. Die Übersetzung des Spruches würde etwa lauten: „Jeder blöde Kopf hält sich für einen Arzt“. Aber die Zeiten ändern sich. Was oben war, kommt nach unten zu stehen und was gegen alles natürliche Recht niedergedrückt worden, kommt endlich wieder in die Höhe. Je älter man wird, desto mehr sieht man wie aus der Vogelperspektive auf das menschliche Treiben nieder. Und was sieht man da alles! — Kuriose Dinge! — Der alte Germane verteidigte sich höchst eigenhändig mit der Keule gegen Bären und andere Feinde. Er verteidigte auch sein Recht in eigener Person vor der richtenden Gemeinde. Dagegen heute? — Was nicht mehr als 300 Mark wert ist, nun ja, das darf er ja noch selbst besorgen, denn dabei ist wenig zu gewinnen, aber wenn der Wert darüber hinausgeht, so wird er entmannt, darf sich nicht, mehr selbst wehren, sondern muss einen Advokaten dazu in Sold nehmen. Kurios, kurios! — Wehrlos, ehrlos! — Und was tat der alte Deutsche, wenn er krank wurde? — Kurierte er sich nicht entweder selbst oder aber er starb wenigstens von selbst, ohne gezwungen zu sein, sich einem anderen zu überlassen? — Gott sei Dank, dies natürliche Recht ist uns noch verblieben, aber da sind genug Leute, die es gern sähen wenn wir auch um dieses Recht gebracht würden. Gibt es doch sonderbare Menschen, welche den Bauersmann verhindern wollen, seinen Acker so zu behandeln, wie er es für richtig hält, nämlich ihn mit neuer Erde zu versorgen. Sie schreien nach einem staatlichen Verbot der sogenannten Steinmehldüngung. Kurios, kurios, kurios! —

Nachdem ich mich in der Schweiz als Student der Medizin einschreiben ließ in der Absicht, herauszubringen, woran es liegt, dass trotz des unübersehbaren Heeres von Arzneimitteln, deren höchste Summe das Vereinigte Staaten-Dispensitorium aufweist, so geringe Heilerfolge erzielt werden. Da fand ich nun vor allem heraus, dass die Anatomie unter einem absolut veralteten Gesichtspunkt vorgetragen wird, nämlich, statt den Organismus stets als einheitliches Ganzes, seiner Entstehung gemäß, in’s Auge zu fassen, wird er in einzelnen Stücken zu erklären versucht; danach soll er aus Knochen, Muskeln, Sehnen, Bändern, Nerven, Blutröhren, Lymphgefäßen, Drüsen und Eingeweiden bestehen, unter welche letztere (die Eingeweide) auch staunenswerter Weise die Zunge und die Zähne rubriziert werden. Diesem seltsamen Brauch stellten sich meine chemischen Kenntnisse von dem Material des Hühnereies, aus dem doch ein lebendiges Geschöpf hervorgeht, emanzipatorisch gegenüber; ich sah den ganzen Sachverhalt in einem anderen, natürlicheren Lichte. Nämlich ich erblickte unsere Lebensfunktionen unter dem einheitlichen Gesichtspunkt eines Uhrwerks, dessen Mechanismus unverständlich wird, wenn man es auseinanderbricht, um die einzelnen Bestandteile (Räder, Zacken, Walzen und Federn) gründlich kennen zu lernen. Bei solchem Verfahren hat man ja dann kein Uhrwerk mehr vor sich, sondern einen Trümmerhaufen, von dem jedes einzelne Stück uns zehn Rätsel aufgibt, anstatt das eine Rätsel, das Lebensrätsel vor uns aufzulösen. Kein Wunder, dass bei solcher Lehrmethode selbst zwölf Semester nicht ausreichen, um aus dem Medizin Studierenden einen wirklichen Arzt zu machen. Er wird den Namen und das Gewerbe eines solchen führen dürfen, aber in dem Sinne, Krankheiten mit Verstand zu heilen, liefert der Titel keineswegs eine Bürgschaft, denn der eigentliche Arzt ist und bleibt die natürliche Anschauung der Dinge, der gottbegnadete Verstand.

Leider nur wird der natürliche Verstand und die natürliche Art zu sehen, den jungen Leuten teils schon auf dem Gymnasium, teils vollends auf den Hochschulen — ich möchte sagen „ausgerenkt“. Denn darin besteht kein Zweifel, dass das so überaus bildsame Gehirnmaterial ebensogut, ja noch viel leichter von der normalen, natürlichen Betätigung abgelenkt, d.h. also aus dem Gelenk gebracht werden kann, wie man Arm oder Bein verrenkt.

Nicht zu solchen aus den Schienen gegangenen Gehirnen will ich hier reden, denn sie sind der Heilung ebenso unzugänglich wie ein schiefer Schenkel, dessen Hüftknochen aus der Pfanne glitt und nicht auf frischer Tat wieder eingerenkt ward. Wenn über solchen Vorfall Jahr und Tag vergangen ist und die Gelenkpfanne mit Knochensubstanz ausgefüllt wurde, um dem baumelnden Bein eine feste Stütze zu geben, so ist die Wiedereinrenkung unmöglich geworden. Ein solches Membrum (collegii sanitatis) bleibt steif und unbeweglich und unfähig, auf Besserungsbestrebungen zu reagieren. Darum kurz und gut: „Defénse aux médecins de lire ce livret“. Ich wende mich vielmehr an den denkenden Teil der Gebildeten deutscher Nation.

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Meine anatomische Anschauungsweise, im Gegensatz zu der bisher herrschenden, als „System Dr. Eisenbart“ zu bezeichnenden, lässt sich in aller Kürze wie folgt skizzieren. Ich reiße nicht die einzelnen Glieder auseinander, sondern lasse Alles harmonisch beisammen, indem ich „ab ovo“ beginne. Wie sich ein kugliges Häufchen Eisenpulver unter dem Einfluss eines Magneten zu geradlinigen Strahlen ausstreckt, so sehe ich unter dem Einfluss der Brutwärme die elektrische Anregung, die durch den Befruchtungsvorgang gegeben ward, beim Hühnerei den Erfolg haben, dass sich das phosphathaltige Dotterfett als grundlegendes Nervenmaterial strahlenförmig zu einem Rückenmarkstrang nebst allen übrigen Nervenverzweigungen ausstreckt und in solcher strahligen Anordnung zu Leben und Seele gelangt, vergleichbar einem regellosen Haufen von Soldaten, den erst ein Kommandowort elektrisierend in Reih´ und Glied stellt und aktionsfähig macht. Der Vergleich geht noch weiter. Der Kommandeur befiehlt nur seinen Offizieren; und diese besorgen mit Unteroffizieren und Signalen das Übrige. Der Kommandeur ist die elektrisch fungierende Gehirnmasse; die Offiziere sind die von dem Gehirn ressortierenden Nervenverzweigungen; und die nicht selbst denkenden gemeinen Soldaten, die in Reih´ und Glied der Subordination folgen, das sind die dem Gehirnfett, welches von mineralischen Substanzen nichts als Phosphorsäure enthält, als Gegensätze zur Verfügung stehenden übrigen physiologischen Mineralstoffe (Kali, Natron, Kalkerde, Bittererde, Schwefel usw.). Um diese an ihren passenden Ort zur Aufstellung und Wirkung zu bringen bis in die letzten Regionen, sind ihnen überall Zweige von Gehirnphosphat als Wegweiser zur Seite gegeben, etwa so wie Offiziere, Unteroffiziere und Flügelmänner, ein Stück oberes Kommando repräsentierend, den nicht selbst denkenden einzelnen Gemeinen die Richtung und Bewegung anweisen. Auf solche Weise erhält sich die Maschinerie unseres Leibes in Funktion. Oder, wenn ich Darwinianer wäre, würde ich sagen: Auf solche Weise sind wir in Stand gesetzt, gegen unsere Mitmenschen den Krieg zu führen, den man beschönigend als „Kampf um’s Dasein“ bezeichnet. Aber man kann nicht Darwinianer sein, wenn man aus der Vogelperspektive herunterschaut. Denn man sieht dann genügend klar, dass diejenigen, die anscheinend besser durch’s Leben kommen, weil sie sich gegen ihre Mitmenschen wie Raubtiere benehmen, um kein Haar glücklicher daran sind. Der Darwinismus hat meines Erachtens nur die Bedeutung eines Zwischenaktes in dem Entwicklungsdrama der Menschheit. Ich sehe schon den Zeitpunkt nahen, wo sich alles wieder herumwendet und zu dem Grundprinzip der Moral zurückkehrt: „Was du nicht willst, dass dir geschieht, das tu auch keinem Andern an“.

Revenons á nos moutons! — Nach der Anatomie, wie ich sie unter dem angedeuteten physikalisch-chemischen Gesichtspunkt erfasste und wie ich sie in meiner Schrift „Makrobiotik oder unsere Krankheiten und unsere Heilmittel“ vorgetragen habe, ergab sich für mich auf gleicher Basis das Verständnis der physiologischen Vorgänge (Atmung, Blutumlauf, Sekretion, Verdauung, Assimilation, Resorption, Excretion, Ernährung, Wachstum und Kraftbekundung). Die elektrisch zusammenfügende (Neubildung und Wachstum bewirkende) und die elektrisch auflösende (zerspaltende, trennende) Gewalt haben gemeinsamen Ursprung. Die Elektrizität erklärt eben Alles. — Ganz mit Unrecht wird die Pathologie, von der Physiologie abgetrennt, als besondere Disziplin behandelt. Sie hängt mit der letzteren so genau zusammen wie in der Mathematik plus Eins und minus Eins.

Pathologie hörte ich bei Klebs. Nach ihm sollen sämtliche Krankheiten durch Bazillen verursacht sein. Seine Worte lauten: „Der Zug der Wissenschaft geht einmal dahin, dass die Bazillen an Allem schuldig sind. Also helfen Sie suchen! Auch wo bisher noch keine gefunden wurden, müssen wir sie ermitteln. Suchen Sie nur; sie müssen da sein.“

Ich aber meine: Es ergibt sich von selbst, wenn Elektrizität den ordnungsmäßig zusammenhaltenden, aufbauenden und kraftentwickelnden Faktor, also Gesundheit darstellt, so muss Kraftlosigkeit, Zerstörung und chemischer Zerfall von Gewebesubstanz, also Krankheit, auf herabgesunkene und unzulänglich gewordene Elektrizität zurückgeführt werden. Damit sind alle pathologischen Vorgänge ebenso kurz wie erschöpfend bezeichnet, und daraus folgt dann die Therapie, d.i. die heilende Behandlung, wiederum ganz von selbst. Sie muss darin bestehen, das wirksame Material beständig zu ergänzen und in genügendem Vorrat und wohlbeschaffen beisammenzuhalten, damit es die elektrische Spannung unseres Organismus und dessen ordnungsmäßigen steten Neuaufbau im Maße des Verbrauchs von Substanz auf normaler Höhe erhält. Dies Material ist nun aber unser stetig im Kreise umlaufendes Blut, dieser Träger des geatmeten Sauerstoffs, durch welchen es das gesamte Nervenmaterial funktionsfähig macht, indem es zugleich als Baustein und Mörtel dient, um schwachgewordene und abgenutzte Stellen wieder stark und widerstandskräftig zu machen. Es kann sich nur darum handeln, zu erkennen, von welcher Beschaffenheit gesundes Blut sein muss. Darüber erteilt uns die physiologische Chemie die erforderliche Auskunft.

Leider nur hat die unglückselige Bazillenwirtschaft die ausübenden Mediziner noch weiter, als es ohnehin der Fall war, von dem chemischen Verständnis der Lebensvorgänge abgelenkt. Sie schwimmen zwischen diesen Bazillen ratlos und hilflos wie von einem reißenden Strom überwältigt. Das Schiff der Medizin hat anscheinend Steuer und Schraube und den Kapitän eingebüßt. Steuer und Schraube sind Chemie und Physik. Und der Kapitän? — Der Kapitän ist eben die natürliche Anschauung der Dinge.

Ich meinerseits hatte ursprünglich gar nicht die Absicht, aus dem Studium der Medizin eine Erwerbsquelle zu machen. Trotzdem gelangte ich, nach Berlin zurückgekehrt, infolge meiner Schriften, die ich mich gedrungen fühlte, zum Zwecke der Aufklärung auf dem Gebiet der Heilkunde zu veröffentlichen, zu einer umfassenden und anstrengenden Praxis, die mich so vollständig erschöpfte, dass ich, um Ruhe zu finden, mich nach dem Riesengebirge zurückzog. Aber auch hier dauerte die Praxis an, indem ich täglich im Durchschnitt wohl 10 Korrespondenzen zu erledigen hatte. Nachdem ich jetzt auch diese, mich an den Schreibtisch fesselnde, ungesunde Tätigkeit auf wenige Ausnahmefälle einzuschränken mich gezwungen sehe, veröffentliche ich nachfolgend die einfachen Prinzipien; nach denen jeder gebildete Familienvater sich und die Seinen vor zahlreichen Erkrankungen vorbeugend zu schützen und selbst bei eingetretenen Gesundheitsschädigungen zu baldiger Wiederherstellung normalen Befindens beizutragen imstande ist.

Aber wer auf einem bestimmten Platz ein neues Gebäude errichten will an Stelle des baufällig gewordenen, muss, wenn er nicht als Zerstörer und Umstürzler in Misskredit kommen will, glaubhaft die Notwendigkeit eines Neubaues nachweisen. Und da denke ich nun, dass die augenblicklichen Inhaber des Hauses, die das zeitweise Krachen verspüren und die Sprünge und Ritzen in den Wandungen samt dem verbogenen Sparrwerke mit eigenen Augen furchtsam beobachten, eine entscheidende Stimme haben. Diese Stimme wollen wir im folgenden Abschnitt zu Gehör kommen lassen.

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Quelle: Julius Hensel, Das Wichtigste von der ganzen Heilkunst, Seiten 11-19