John Hawkes überzeugt in “The Sessions”

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH / John Hawkes ist der gelähmte Mark O'Brien in

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH / John Hawkes ist der gelähmte Mark O’Brien in “The Sessions”

Ein kleiner Zettel an einer Pinnwand auf dem geschrieben steht, dass ein Schriftsteller und Journalist eine nette, freundliche – witzig soll sie sein, Humor haben und verstehen – Hilfskraft sucht. Das mag man sich im Falle von Mark O’Brien etwas anders vorstellen als es dann tatsächlich klingt. Denn Mark ist ein ganz besonderer Mensch. Er leidet an Polio, der Kinderlähmung. Sein ganzer Körper liegt unbeweglich da, mit einem Stäbchen im Mund bedient er Knöpfe und Tasten, ist sonst auf die Mithilfe von freundlichen Pflegekräften angewiesen. Mark O‘Brien ist nicht nur eine Figur in Ben Lewins Film „The Sessions“, sondern zugleich auch eine wahre Geschichte. Es hat diesen bemerkenswerten Mann wirklich gegeben. Sein Leben verbrachte er in einer Eisenlunge, was ihn jedoch nicht daran hinderte die UC Berkeley zu besuchen und seinen Abschluss in Journalismus zu machen. Bereits 1997 war O’Brien das Thema der Kurzdokumentation „Breathing Lessons: The Life and Work of Mark O’Brien“, gedreht von Jessica Yu, ausgezeichnet mit einem Oscar. Nun „The Sessions“, basierend auf dem Essay „On Seeing a Sex Surrogate“, von O’Brien selbst verfasst, veröffentlicht 1990 im „Sun“-Magazin.

In „The Sessions“ übernimmt John Hawkes (“Winter’s Bone”, “Lincoln”) die Rolle von O’Brien, der sich im Alter von 38 Jahren dazu entschließt, nun endlich seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Er ist kein Mann von Traurigkeit, auch wenn er bereits früh an Kinderlähmung erkrankte und seither die meiste Zeit bewegungsunfähig in einer Eisernen Lunge verbringt – was nicht heißt, dass er nicht die Berührungen auf seinem Körper spürt. Der gläubige Mark wendet sich mit seinem erotischen Vorhaben zuerst an Pfarrer Brendan (William H. Macy), der ihn für dieses Verlangen nicht etwa verdammt, sondern ihm versichert, dass Gott in diesem speziellen Fall in die andere Richtung schauen wird – denn Sex ohne Ehe, dass mag er ganz und gar nicht mit ansehen. Bestärkt durch diese Worte macht sich Mark auf die Suche nach professioneller Hilfe und findet Cheryl (Helen Hunt), eine Sex-Therapeutin. Diese erweist sich als geduldige Frau, die gemeinsam mit Mark seine Sexualität und seinen Körper erkundet. Jedoch haben sie hierfür nur eine begrenzte Anzahl von sechs Therapie-Sitzungen zur Verfügung, was den Druck, der auf Mark lastet, nicht unbedingt erleichtert.

 

Helen Hunt als Sex-Therapeutin Cheryl

Helen Hunt als Sex-Therapeutin Cheryl

Mit zunehmender Anzahl der Sessions wächst dieser Druck, der auf dem armen Mann lastet. Anfangs geht es nur darum seinen Körper kennenzulernen, dann aber soll er tatsächlich sein Geschlechtsteil in die Vagina der Sex-Therapeutin einführen, sogar richtigen Sex praktizieren. Trotz des von ihm gefassten Wunsches, wirkt das alles unwirklich für ihn. Wenn die Zuschauer dem Film-O’Brien zum ersten Mal begegnen, spielt sich sein Alltag noch größtenteils in seiner Vorstellung ab, aus dem Off hört man seine Gedanken, höchst philosophisch manifestiert sich in diesen Worten sein Poeten-Dasein. Es ist eine intelligente, feinfühlige Seele in einem Körper, den man schlichtweg als kaputt bezeichnen kann. Selbst die kleinsten Dinge, die der funktionierende Mensch kaum wahrnimmt, bereiten ihm Schwierigkeiten. In der Nacht, wenn gerade keine Pflegekraft zugegen ist, liegt er hilflos da, kann sich nicht einmal an der Nase kratzen, wenn eine Katze dort ihre kitzeligen Haare hinterlässt. Eine Höllenqual, begleitet von munter zynischen Gedanken. Hier entsteht kein schwerfälliger Moment, sondern ein belustigender Augenblick, der erst traurig wird, wenn man das lockere Verhalten dieses Mannes abstrahiert und seine wahren Lebensumstände zum Vorschein treten lässt.

Gott habe einen eigenartigen Sinn für Humor, bemerkt er einmal selbst, hat dieser doch angeblich den Menschen nach seinem eigenen Abbild erschaffen. Eine Begebenheit die Mark gerade in seinem speziellen Fall für höchst amüsant hält. Dennoch findet er bei Gott auch Hilfe – oder vielmehr bei seinem guten Freund Vater Brendan, Pfarrer in der örtlichen Kirche. William H. Macy gibt sich langhaarig und verzweifelt, muss er doch auf geweihten Boden Fragen beantworten und Geschichten zuhören, die er lieber nicht vor Gott diskutieren würde. So erzählt Mark enthusiastisch über das Gefühl in seinem Penis, wenn er in das Geschlechtsorgan seiner Sextherapeutin eindringt oder von erotischen Vorstellungen seiner Pflegerin, während diese seinen Körper wäscht. Aber die Kirche ist seine Zuflucht, hier sucht er Rat und findet ihn auch. Jede der Sessions mit Therapeutin Cheryl findet ihren erzählerischen Weg zu dem Pfarrer – ob er will oder nicht – der mit vielsagenden Blicken oftmals nur in die Leere starrt oder mit ansehen muss, wie die Kirchengänger ein schnelles, letztes Gebet sprechen bevor sie die Flucht aus dem Gotteshaus ergreifen.

Ähnlich direkt gehen Mark O’Brien und seine Therapeutin mit dem Thema Sex um. Gerade Helen Hunt gibt sich lobenswert unverblümt. Sie macht ihm den Unterschied zwischen ihrer Profession und einer Prosituierten deutlich, spricht offen darüber dass sie den Begriff „Penis“ nicht ausstehen kann, da sich dieser nach einem Gemüse anhört, dass niemand essen mag. Offenheit ist die große Erleichterung in „The Sessions“, so ungewohnt manche Unterhaltung wirken mag, so realistisch ist sie eigentlich auch. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen. Helen Hunt präsentiert sich nackt, wirkt dabei aber professionell kühl, so dass sie jegliche Aufmerksamkeit von ihrem Körper auf ihre Worte lenkt. Und genau das vereint sie dann mit ihrem Patienten, der Poet und Journalist, der Schriftsteller der mit Worten weitaus besser umzugehen versteht als mit seinem Körper. Ein von ihm geschriebenes Gedicht verzaubert, nicht nur eine, sondern gleich drei Frauen, die er am Ende zu Tränen rühren wird.

 

William H. Macy als Pfarrer Brendan

William H. Macy als Pfarrer Brendan

Aber selbst diese Tränen werden von einem Lächeln begleitet, niemals vergisst der Film seinen Humor, immer versucht er den Zuschauer auch zum schmunzeln zu bringen. Sex kann schon eine komische Sache sein, nach „The Sessions“ um so mehr. Es ist eine Stärke des Films, die Regisseur Lewin gnadenlos für sich ausnutzt. Die großartigen Darsteller, die er zusammen bringen konnte agieren gemeinschaftlich in einem Mix aus charmanten Witz und dramatischen Schicksal. Schnell wird diese sympathische Doppelung deutlich, zieht der Film den Zuschauer doch von jeder Sitzung Marks mit Cheryl zu Pfarrer Brendan, immer folgt der direkte Schnitt: vom Sexversuch zum panischen Blick eines Heiligen, dann auch noch hervorragend verkörpert von William H. Macy, jeder Schnitt ein komödiantischer Treffer. Natürlich geht das nicht immer so weiter, auch wenn „The Sessions“ lange Zeit seinen Tonus beibehält, ändert sich die Gefühlslage in dem Moment, in dem deutlich wird dass sich Zwischenmenschlich mehr abspielt, dass sich Mark beginnt an Cheryl zu binden. Diese ist verheiratet, versucht Distanz zu wahren, kann sich aber nicht gänzlich dem sprühenden Charme ihres Patienten verwehren. Der Sex, den sie tatsächlich miteinander haben werden, ist nicht ganz so geschäftlich wie beide anfangs denken. Hier darf dann auch Helen Hunt noch einmal ausbrechen, über ihren nackten Körper hinaus die emotionale Wende spielen, weg von der sachlichen Reserviertheit, bei der sie Mark nur als ein Studienobjekt sieht, hin zur plötzlich aufkommenden Emotionalität.

Ben Lewin erzählt von einem Mann der nicht nur liebt, sondern auch geliebt wird. Das wird zur wichtigsten Aussage des Films. Es geht nicht um das Leben von Mark O’Brien, auch wenn er als Hauptfigur in den Vordergrund gestellt wird. Es geht um die Menschen, die er berührt hat, die er am Ende hinterlassen wird. Er hat sich einen Platz in all ihren Leben erkämpft – mit seinen poetischen Worten, mit seiner Liebenswürdigkeit und seinem Sinn für Humor, den er sich trotz aller körperlichen Mängel bewahrt hat. Und so erkämpft sich auch „The Sessions“ mit all seiner versprühenden Liebe und den fabelhaften Darstellern einen wertvollen Platz in den Lichtspielhäusern.

Denis Sasse

 


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