Jens Balzer – Pop und Populismus

Von Sandro Abbate @novelerolit

Der Ton macht die Musik. Und der Ton scheint rauer geworden zu sein. Ganz allgemein in der Gesellschaft, in den Kommentarspalten der Sozialen Netzwerke und in der Popmusik. Der Kolumnist und Musikkritiker Jens Balzer hat einen Essay über die Verantwortung in der Musik und die verschwimmenden Grenzen zwischen Pop und Populismus geschrieben.

Oft wird Kritik an der Popmusik geübt. Sie sei oberflächlich und unpolitisch. In seinem Buch Pop und Populismus behauptet Jens Balzer genau das Gegenteil. Pop sei heute so politisch wie seit Langem nicht mehr. Nur die Botschaften seien andere als früher.

Politisch sei Pop „in wesentlichen Teilen nicht in einem ‚linken‘ oder ‚emanzipatorischen‘ Sinn. Heutige Popmusik ist in weiten Teilen von einer enormen sprachlichen Verrohung geprägt und von politisch zutiefst reaktionären Positionen.“ Auch ganz abseits von Rechtsrock oder Musik aus dem rechtsradikalen Milieu driften Texte mancher Musiker, so Balzer, gar ins Sexistische, Patriarchale, Rassistische und Antisemitische ab.

Provokation ist heute oftmals Ausgrenzung

Als Beispiel für diese Verrohung führt er die Echo-Verleihung von 2018 an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang an. Aufgrund von Textpassagen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache mal wieder ’nen Holocaust“ standen die Musiker massiv in der Kritik, die Preisverleihung entwickelte sich zum Skandal, die Vergabe des Echo-Preises wurde eingestellt.

Zweifellos war Pop schon immer auch ein Spiel mit der Provokation und auch den einen oder anderen Tabubruch hat es gegeben. Was unterscheidet aber nun die Popmusik heute von derjenigen der letzten Jahrzehnte? Wenn die Provokation eine Aufgabe des Pop ist, wie kann Pop dann heute noch dieser Aufgabe nachkommen, ohne Grenzen des Sagbaren zu überschreiten, ohne ausgrenzend und beleidigend zu werden?

Während Elvis Presley vor gut sechzig Jahren mit seinem Hüftschwung Anstoß erregte, Madonna in den Achtziger Jahren mit sexuellen Inhalten aneckte, ist heute doch eigentlich all das Normalität. Und sehr wahrscheinlich ist es auch mitunter ein Verdienst der emanzipatorischen Kräfte des Pop, dass wir freier mit Themen umgehen können, die vor Jahren und Jahrzehnten als Tabu galten.

Aber: Grenzüberschreitungen heute sind oftmals auch Grenzziehungen, nach denen es ein Innen und ein Außen gibt. Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit etwa im deutschen Gangsterrap haben nichts mehr gemein mit der befreienden Kraft der Popmusik und widersprechen zum Teil unseren demokratischen Grundsätzen.

So wundert es nicht allzu sehr, wenn Balzer schreibt, dass die Erfolgsgeschichten von Gangsterraps und Rechtspopulismus sich ähnelten. So wie heute der Gangsterrap prägend in der deutschen Popmusik sei, so präge auch der Rechtspopulismus heute Teile des politischen und kulturellen Diskurses.

Der Künstler trägt Verantwortung für seine Kunst

Und tatsächlich finden wir in einem zentralen Punkt eine deutliche Übereinstimmung zwischen Gangsterrap und Rechtspopulismus, nämlich in der Art und Weise des Vorgehens, in der von den jeweiligen Protagonisten die Grenzen des Sagbaren verschoben werden, ohne dass diese dafür Verantwortung übernehmen.

So behaupten Musiker wie Kollegah, Farid Bang oder auch Bushido, sie seien nicht dafür verantwortlich, wie ihre Rhetorik insbesondere auf jugendliche Hörer*innen wirke, denn die homophoben, misogynen und teils rassistischen Texte seien eben gar nicht so gemeint, sondern einfach provokant um der Provokation selbst willen. Diese Form von Selbstbefreiung von jeglicher Schuld und Verantwortung ist selbstverständlich Blödsinn. Natürlich ist der Künstler verantwortlich für seine Kunst und deren Auswirkung.

Ähnliche Reflexe sind auch bei Rechtspopulisten zu beobachten, ein Beispiel sind die sogenannten „Mausrutscher“ einer Beatrix von Storch (AfD). Die Politikerin hatte auf Facebook geschrieben, dass sie es generell befürworte, Flüchtende im Notfall mit Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern.

Nach einer ersten Empörungswelle schränkte sie ihre Äußerung dahingehend ein, dass der Schusswaffeneinsatz „gegen Kinder richtigerweise nicht zulässig“ sei. Gegen deren Mütter übrigens schon, denn diese seien ja verständig. Nachdem wohl auch aus den eigenen Reihen der Druck auf sie stieg, versuchte die von Storch ihre Aussage mit einem „technischen Fehler“ zu entschuldigen, sie sei lediglich auf ihrer Computermaus ausgerutscht.

Natürlich ist diese Rechtfertigung lächerlich und doch gelingt es Politikern wie von Storch so, den Diskurs immer wieder ein Stück weiter nach rechts zu verschieben, ohne die Verantwortung dafür übernehmen zu wollen.

Kann Pop wirklich die Welt verbessern?

„In seinen besten Momenten ist Pop immer ein Medium der Utopie einer grenzenlosen Geschwisterlichkeit gewesen“, schreibt Balzer. Das erklärt auch, warum rechtspopulistische beziehungsweise rechtsradikale Bewegungen keinen eigenen Soundtrack, keine eigene Sub- und Popkultur besitzen.

Stattdessen werden die Symbole, Ausdrucksformen und Erkennungsmerkmale anderer Subkulturen gekapert und teilweise eins zu eins übernommen. Das ist eine altbewährte Strategie der Rechten und fing, wenn man so will, schon mit den Nationalsozialisten an, die beispielsweise die rote Fahne der Sozialisten verwendeten und ihre Bewegung Arbeiterpartei nannten.

Im Großbritannien der siebziger und achtziger Jahre übernahmen rechte Aktivisten den Kleidungsstil einer Arbeiter-Subkultur: die der Skinheads. Die Skinhead-Bewegung hatte damals rein gar nichts mit Rassismus zu tun. Vielmehr gab es durchaus auch schwarze Skinheads und die Musik, die sie hörten, waren Ska und Reggae.

Heute können wir bei der sogenannten Identitären Bewegung wieder solch eine Aneignung subkultureller Ausdrucksformen beobachten. Diese jungen Rechten geben sich bewusst hip und modern, ihre Aktionen erinnern zum Teil an die Spontis der Siebziger Jahre [Spontis waren von den 1970er- bis in die 1980er-Jahre hinein Gruppen linksgerichteter politischer Aktivisten, Anm.d.Red.].

Die deutschsprachigen Identitären haben auch einen eigenen Popstar, den Rapper Komplott aus Halle an der Saale. Dieser reimt zu Themen wie der „Bedrohung durch Überfremdung, er beklagt sich über ‚No-Go-Areas‘ für Deutsche und beschwört den revolutionären Aufbruch.“ Das war es dann aber auch schon – mehr Musiker bekennen sich nicht zur Neuen Rechten oder den Identitären in Deutschland.

Vielleicht ist Pop schon immer ein Medium gewesen, das in gewisser Weise die Gesamtgesellschaft als solche widerspiegelt. Das könnte erklären, dass es einerseits kaum rechte Pop-Musik gibt, aber es andererseits zur sprachlichen Verrohung kommt, denn es lässt sich kaum leugnen, dass die Gesellschaft in Deutschland in einem immer stärkeren Maße polarisiert ist. Sogenannte „Gutmenschen“ stehen beispielsweise „besorgten Bürgern“ gegenüber. Wenn diese in den Sozialen Medien aufeinandertreffen, füllen sich Kommentarspalten mit Hass und es entsteht das Gefühl, dass sich weite Teile der Gesellschaft nicht mehr miteinander verständigen können.

Ist es da denkbar, dass (Pop-)Musik sich „mit ästhetischen Mitteln an der Erschaffung von solidarischen Verhältnissen“ versucht und damit Erfolg hat, wie Balzer es sich erhofft? Kann denn Musik tatsächlich die Gesellschaft verändern oder ist diese Erwartung nicht etwas hoch gegriffen? In jedem Fall können Musiker und andere Künstler, die über hohe Popularität und großen Einfluss verfügen, dazu beitragen, das Klima zu ändern, auf Missstände aufmerksam machen und sich gegen Hetze positionieren.

Das Buch Pop und Populismus gibt einen recht guten Überblick über die verschiedenen Entwicklungen, in denen Pop vermeintlich nach rechts rückt oder aggressiver wird. Das Buch hilft dem einen oder anderen, der ohnehin gegen Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus ist, die Strategien der anderen Seite zu verstehen. Es fehlt jedoch ein Aufruf, eine Handlungsempfehlung und so bleibt Balzers Buch eine Analyse des Status quo.

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" data-orig-size="150,237" aperture="aperture" />Jens Balzer
Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik
Edition Körber 2019
208 Seiten
17 EUR

Dieser Artikel erschien zuerst auf jádu, dem Online-Magazin des Goethe Instituts Prag.