JANNE UND IHR PLAYBOY

Von Hillebel

Im Urlaub schwebten sie im siebten Himmel – für Janne und Ralf war es Liebe auf den ersten Blick. Doch nach ihrer Rückkehr werden ihre Gefühle auf eine harte Probe gestellt …

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Als Janne die Augen aufschlug, sah sie Ralfs lächendes Gesicht über sich: “Guten Morgen, mein Liebling. Wann wirst du mich endlich heiraten?”

Im ersten Augenblick dachte sie, es sei Sonntag, aber dann hörte sie draussen den Wagen der Müllabfuhr. Erschrocken fuhr sie hoch: “Wie spät ist es denn? Hat der Wecker schon geklingelt?”

“Ich hab’ ihn abgestellt. Du bist so schön, wenn du schläfst …”

Sie warf einen Blick auf die Uhr, stöhnte und sprang aus dem Bett: “Bist du denn verrückt, Ralf? Es ist das zweite Mal, dass du so einen Unsinn machst. Ich muss doch heute nach Berlin!”

Während sie sich im Badezimmer hastig die Zähne putzte, stand er in der Tür und machte seinem Frust Luft: “Ich liebe dich, Janne, und du denkst immer nur an deine Arbeit. Die brauchst du doch gar nicht. Du hast doch mich!”

Sie stand schon unter der Dusche und drehte voll das Wasser auf: “Ralf Bohlmann”, schrie sie gegen das Rauschen an, “hast du immer noch nicht begriffen, dass ich meine Arbeit liebe? Ich habe Jahre gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich bin. Einkäuferin eines grossen Bekleidungsgeschäftes zu sein ist mehr, als ich mir je erhofft habe!”

Die Seife rutschte ihr aus der Hand. Sie bückte sich danach, und dabei wurden ihre Haare nass: “Jeden Euro, die ich ausgebe, habe ich mit ehrlicher Arbeit verdient”, platzte sie unkontrolliert heraus, “während du vom Geld deines Vaters lebst!”

“Danke, dass du mir das mal wieder unter die Nase reibst”, gab er verletzt zurück. “Warum behandelst du mich immer wie einen kleinen Jungen?”

“Weil du einer bist”, seufzte sie. “Hast du das nicht gerade wieder bewiesen? Statt selbst zu arbeiten, wozu du sehr gut imstande wärst, willst du mich an der Arbeit hindern.”

“Du weisst genau, wie das war mit meinen Eltern. Sie haben sich scheiden lassen, als ich vier Jahre alt war. Entschuldige, ich weiss, dass du deine Eltern nie gekannt hast und in Heimen grossgeworden bist, aber ich hatte es, auf andere Weise, auch nicht leichter. Und wenn mein Vater lieber dafür zahlt, dass ich mich nicht in der Firma blicken lasse, dann soll er doch!”

Janne knöpfte ihre rohseidene Bluse zu: “Du steckst mit deinen 33 Jahren noch mitten in der Trotzphase. Du kannst doch was! Du hast die Kunstschule besucht und hast eine ganze Mappe von hervorrragenden Möbelentwürfen. Unter uns gesagt täte die Möbelfirma Bohlmann gut daran, sie in ihren Katalog aufzunehmen.”

“Ha ha”, lachte Ralf ärgerlich auf. “Einmal habe ich meinem Vater meine Entwürfe gezeigt. Er hatte nur Spott dafür übrig.”

Sie schlüpfte in die Weste, legte leichtes Make-up auf, schüttelte ihr schulterlanges, kastanienbraunes Haar zurecht und warf einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel. Eine attraktive junge Frau sah ihr daraus entgegen, mit dunklen Augen, die früh den Ernst des Lebens kennengelernt hatten. Es war kein Wunder, dachte sie, dass Ralf und sie trotz ihrer Liebe so grosse Schwierigkeiten miteinander hatten.

Aber jetzt wurde es höchste Zeit, dass sie losfuhr.

“Manchmal frage ich mich, ob du mich überhaupt brauchst”, sagte Ralf, der sie zur Tür begleitete, und seine Stimme klang richtig bitter: “Du schaffst doch alles so gut allein!”

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Als das Flugzeug schon längst hoch über den Wolken dahinglitt, dachte sie wieder an Ralfs letzte Worte. Sie bereiteten ihr Unbehagen, ja Gewissensbisse. Die Wahrheit war, dass sie tatsächlich alles allein schaffte.

Und trotzdem. Sie erinnerte sich noch so gut an ihre erste Begegnung. Das war letztes Jahr auf Korfu gewesen. Da hatten sie über ihre Gemeinsamkeiten gestaunt: Sie waren beide Deutsche; lebten in derselben Stadt, in München, und machten hier allein Urlaub. Und sie hatten sich sofort und heftig ineinander verliebt. Es war ein Traumurlaub geworden!

In München entdeckten sie den Alltag, und ihre Schwierigkeiten hatten begonnen. Janne arbeitete, und er beklagte sich, dass sie sich nicht oft genug sahen. Als sie zum ersten Mal in seiner Wohnung war, hatte sie einen vergessenen Lippenstift im Badezimmer entdeckt, ein Fläschchen Parfüm im Schlafzimmer, sogar ein spitzenbesetztes Höschen. Spuren seiner früheren Eroberungen. Bei ihrem nächsten Besuch war alles verschwunden. Er hatte ihr versichert, dass mit dem Playboyleben Schluss sei, dass er sie liebte, dass sie heiraten und Kinder haben würden. Mindestens drei. Er wollte, dass Janne bei ihnen zu Hause blieb, mindestens die ersten Jahre. Janne war einverstanden. Auch sie wollte ihren Kindern ein glücklicheres Zuhause bereiten, als sie es gehabt hatte. Aber wer würde dann ihren Lebensunterhalt verdienen? Ralf? Er machte keine Anstalten dazu, und sie weigerte sich, vom Geld seines Vaters zu leben. Eine ausweglose Situation.

Janne war froh, als es in Berlin gleich losging mit der Arbeit. Aber nachmittags, mitten in einer Verhandlung, erlitt sie einen Schwächeanfall. Er ging rasch vorüber, ihre Partner hatten nichts gemerkt, aber für sie war es wie ein Paukenschlag gewesen, der sie aufschreckte. Auf dem Weg zurück ins Hotel besorgte sie sich einen Schwangerschaftstest in einer Apotheke.

Abends sass sie dann in ihrem Hotelzimmer und starrte auf das Ergebnis. Positiv. Wie hatte das bloss passieren können?

Lange sass sie da, das Gesicht in die Hände gestützt. Und auf einmal wurde sie ganz ruhig. Sie fühlte sich leicht, sogar glücklich. Sie wusste, dass Ralf sich freuen würde über das Kind. Sie würden heiraten. Das Schicksal hatte ihr die Entscheidung abgenommen.

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Alles war glatter verlaufen, als sie angenommen hatte, und am Donnerstag war sie früher als vorausgesehen in München zurück. Sie holte ihren Wagen vom Langzeitparkplatz und fuhr direkt zu Ralf. Sie hatte ihn nicht angerufen. So etwas, fand sie, konnte man nicht am Telefon besprechen.

Sie fuhr mit dem Fahrstuhl hinauf und klingelte oben. Endlich stand Ralf vor ihr. Mit Haaren, die aussahen, als hätte eine zärtliche Hand sie durcheinandergebracht, und einem offenstehenden Hemd. Er starrte sie sprachlos an, dann fragte er entgeistert: “Aber Janne, was machst du denn hier? Du wolltest doch erst morgen zurück sein!” Sie merkte an seiner Stimme, dass er getrunken hatte.

Die Badezimmertür ging auf. Eine langbeinige Blonde kam heraus, näherte sich Ralf und legte von hinten Besitz ergreifend die Arme um ihn: “Wer ist denn das, Schatzi?” fragte sie mit einem neugierigen Blick auf Janne.

“Ich hab verstanden, ich will nicht stören”, brachte Janne mühsam heraus, machte auf dem Absatz kehrt und lief zum Aufzug zurück.

“Janne, warte doch!” Ralf hatte sich aus dem Griff der Blonden befreit und stürzte hinter ihr her. Aber die Tür glitt schon zu, der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Janne weinte vor Schmerz und Enttäuschung.

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“Trink endlich! Du rührst noch ein Loch in die Tasse”, sagte Elke.Sie war seit einem Jahr Jannes Wohnungsnachbarin, und obwohl sie ein paar Jahre älter war als Janne, hatten sich die beiden Frauen rasch angefreundet.

Janne gehorchte, trank einen Schluck. Sie setzte die Tasse ab und umschloss sie mit beiden Händen, als müsse sie sich an ihr wärmen. Tatsächlich zitterte sie am ganzen Körper.

“Es ist also sicher mit dem Kind?” fragte Elke.

“Ja, der Arzt hat es mir heute bestätigt.“

“Dann solltest du es Rolf sagen. Er hat ein Recht darauf, es zu wissen.”

Janne setzte sich gerade hin: “Nein”, sagte sie fest. “Das Kind, das geht nur mich etwas an. Ich kann es gut allein aufziehen. Es kann doch auf die Dauer nicht gut gehen mit Ralf und mir. Wir sind zu verschieden!”

Die anfänglichen Beschwerden hatten nachgelassen. Äusserlich ging es Janne gut, aber im Inneren sah es anders aus. Sie konnte Ralf nicht vergessen. Eines Nachmittags kam sie mit dem Wagen an seinem Haus vorbei. Sie stieg aus und ging zur Haustür. Und auf einmal war ihr, als würde ihr der Boden unter den Füssen weggezogen: Neben seiner Klingel stand ein fremder Name …

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Das Baby erblickte an einem Montag das Licht der Welt. Es war ein Junge.

Elke kam mit einem Blumenstrauss. Sie begrüsste Janne und beugte sich über das Babybettchen: “Grüss dich, Ralf Tilmann der zweite. Du bist ja wirklich ein Prachtbursche, und dazu mein Patenkind. Und wie geht es dir, Janne?”

“Ach, so schlimm war die Geburt gar nicht. Jedenfalls vergisst man das alles, wenn man das Kind in den Armen hält. Es ist so … unvorstellbar schön.” Warm fügte sie hinzu: ”Ich danke dir noch einmal für alles, was du für uns getan hast.”

“Ach, hör auf”, unterbrach Elke sie lachend. “Das war doch selbstverständlich.”

Elke ordnete die Blumen in der mitgebrachten Vase. Dann setzte sie sich zu Janne ans Bett: “Weisst du, ich habe ein bisschen Schicksal gespielt”, begann sie. “Sieh mal, Liebe ist etwas so Kostbares, und man ist nie sicher, ihr ein zweites Mal im Leben zu begegnen.” Sie lächelte Janne zu, stand auf und ging zur Tür, die sie weit öffnete.

Zuerst sah Janne nur einen grossen Strauss roter Rosen. Die Rosen wurden auf ihr Bett gelegt, daneben ein Katalog.

“Ralf”, stammelte Janne. Elke war hinausgegangen, hatte leise die Tür hinter sich geschlossen.

“Ehe du etwas sagst, sieh dir bitte den Katalog an”, forderte Ralf sie auf.

Sie nahm ihn zur Hand, blätterte in ihm: “Aber Ralf, das sind ja deine Möbel!”

Er nickte nicht ohne Stolz: “Jetzt kann ich uns von meinem selbstverdienten Geld ernähren. Das heisst, wenn du mir verzeihen kannst, dass ich mich damals wie ein hirnverbrannter Ochse benommen habe. Als du fort warst, hab’ ich das Mädchen weggeschickt und einen Entschluss gefasst. Ich habe drei Stunden auf Vater eingeredet um ihn zu überzeugen, dass es einen Markt für meine Möbel gibt. Ich glaube, es war nur, weil er endlich seine Ruhe haben wollte, dass er schliesslich bereit war, die Möbel in den Katalog aufzunehmen.Er war richtig überrascht, als sie sich so gut verkauften!”

“Oh Ralf, das freut mich so. Aber … aber warum bist du so plötzlich verschwunden? Vor einiger Zeit wollte ich zu dir, und da stand ein fremder Name an der Tür.”

“Janne, das tut mir so leid. Ich habe einen Schlussstrich unter meine Vergangenheit gezogen, und ich hab’ doch auch nicht gewusst, dass wir ein Baby haben würden. Elke hat heute Morgen in der Firma angerufen. Sie hat sich gesagt, dass man dort Bescheid wissen müsste über meinen Verbleib.”

Janne versuchte, die Tränen wegzublinzeln, die ihr in die Augen gestiegen waren: “Jetzt musst du dir erst mal deinen Sohn ansehen, Ralf!” forderte sie ihn lächelnd auf.

Ralf beugte sich über Ralf Tilmann, der heftig an seinem Daumen nuckelte, hob ihn hoch und bettete ihn an seine Schulter. Lange hielt er ihn im Arm, streichelte ihn, sprach mit ihm. Janne, die ihn aufmerksam betrachtete, merkte, wie bewegt er war. Und genau so bewegt war sie. Schliesslich legte er seinen Sohn ins Bettchen zurück, sah Janne unendlich zärtlich an und sagte: “Ich bin so stolz auf unseren kleinen Ralfie. Janne, geliebte Janne, willst du jetzt meine Frau werden?”

“Ja, Ralf. Von ganzem Herzen, ja.” Jetzt beugte er sich über sie, und in seinen Augen las sie das schönste Liebesversprechen der Welt …

ENDE