Janetschek: Der Titan. Beethovens Lebensroman

BeethovenhausBeethovens Musik hat mich immer begeistert, die einfacheren seiner Klaviersonaten sind sogar im Rahmen dessen, was ich pianistisch bewältigen kann. Doch über den Menschen Beethoven weiß ich wenig. Auch in der literarischen Welt tut sich wenig Beethoven Betreffendes, vermutlich, weil seine Lebensdaten (1770 – 1827)  erst wieder 2020 bzw. 2027 runde Jubiläen hergeben.

Von irgendeinem Flohmarkt gelangte vor längerer Zeit der Beethoven-Roman „Der Titan“ von Ottokar Janetschek in meine Bibliothek und musste dort ruhen, bis ich ihn vor einigen Wochen einmal anblätterte und feststellte: Der ist ja „süffig“ geschrieben! Das lässt sich auch heute noch lesen.

Also nahm ich ihn kurzerhand als Flugzeuglektüre für einen Langstreckenflug mit und las in 10000 Metern Höhe schon tüchtig hinein, beendete den Roman nun aber am Boden im gemütlichen Lesesessel.

Hitzköpfiger Musiker

Der Roman beginnt nach einer knappen, die Zeitumstände umreißenden Einleitung im Wien des Jahres 1795, als der Domkapellmeister Johann Georg Albrechtsberger sich in den dritten Stock eines Hauses in der Nähe der Wiener Minoritenkirche hinaufplagt, wo der 25jährige Ludwig van Beethoven ein bescheidenes Kämmerchen bewohnt. Gleich gibt es Aufregung, da Albrechtsberger wissen will, was zwischen dem jungen hitzköpfigen Musiker und seinem ehemaligen Lehrer Joseph Haydn vorgefallen sei. Und tatsächlich, Beethoven grollt dem älteren Meister: „‚Gerade von ihm‘, sagte Beethoven voll Bitterkeit, ‚hätte ich erwartet, daß er mich fördern würde, da ich doch sein Schüler war. Wenn er mir aber durch unnütze Redereien Prügel vor die Füße schmeißt, so muß ich fallen. Und ich weiß schon, daß die Wiener auf ein Urteil Haydns hören. Ich …‘“ (S. 12)

Ein Misanthrop – mit Grund

Damit ist auch schon der Grundtenor des Romans angerissen: Beethoven misstraut allen Menschen, sieht sich ständig von irgendjemandem bedroht, zurückgesetzt, ausgenützt oder missverstanden; und er reagiert cholerisch, mit teils absurden Wutausbrücken, mit heftigen Briefen voller Rufzeichen und Gedankenstrichen oder gar mit Türenschlagen, fulminantem Abgang und Bruch der Beziehung.

Gerade mit seinen adeligen Gönnern steht er in einem gespannten Verhältnis. Er hasst nichts mehr als vor blasierten Grafen und Fürsten katzbuckeln zu müssen, damit sie ihm gnädigst ein paar Gulden zukommen ließen oder ihn an geeigneter Stelle protegierten. Anders aber ist im Wien des 18. Jahrhunderts als Komponist kein Auskommen zu finden, denn es gibt natürlich noch keine geordnete staatliche Kunstförderung oder dergleichen.

Mäzenatentum vor Gericht

Da das Kaiserhaus mehr an bildender Kunst interessiert ist, sind es die Fürsten Lichnowsky, Lobkowitz und Rasumovsky, die Beethoven fördern. Insbesondere mit Lichnowsky, aber auch mit Lobkowitz gibt es ein ständiges Auf und Ab der Beziehung. Beethoven reagiert auf jede minimalste Zurücksetzung überempfindlich. Als die beiden ihm gemeinsam mit einem habsburgischen Erzherzog gegen Ende der napoleonischen Ära – um ihn nicht in die Arme des westfälischen Vizekönigs von Napoleons Gnaden zu treiben, der ihn gerne an seinem Hof sähe – eine jährliche Rente von 4000 Gulden vertraglich zusagen, kommt es zum Eklat: Die Hoheiten sehen sich kriegsbedingt außerstande, ihre finanziellen Zusagen einzuhalten, und rücken das Geld nicht heraus. Beethoven schreitet zu Gericht und will das, was die adeligen Herrschaften als eher unverbindliche Gabe verstehen, gerichtlich einklagen. Man kann sich vorstellen, dass österreichische Gerichte die Rechtsstreitigkeiten eines querulantischen Musikus mit größtem Eifer vorantreiben…

Ein Neffe als Sargnagel

Ein weiteres Feld unendlicher Misshelligkeiten ist die Beziehung Beethovens zu seinen Verwandten. Insbesondere sein Bruder Karl, dessen zänkische und verlotterte Frau Johanna und deren Sohn Karl, zunächst ein Lausbub, später ein Gauner, treiben den Meister ins Grab.

Beethovens Hauptproblem

Breiten Raum gibt Janetschek der sich allmählich entwickelnden Taubheit des Komponisten, die sein eigentliches Lebensproblem ist. Das führt von ersten, ängstlich geheimgehaltenen Anzeichen der Schwerhörigkeit bis zu jenen bekannten Szenen, wo Beethoven, völlig taub, als Dirigent gar nicht mitbekommt, dass das Orchester aus dem Takt gekommen ist und zu spielen aufhört, während der Meister noch wild mit den Armen rudert und nur seine „innere Musik“ hört.

Musik, in Worten dargestellt

Janetschek versucht, Beethovens Musik immer wieder in Worte zu fassen und greift dafür zu pathetischen sprachlichen Mitteln seiner Zeit. Das muss man als Leser akzeptieren. Mit genaueren Deutungen oder gar musiktheoretischen Analysen behelligt der Autor den Leser jedenfalls nicht, ebensowenig hat er vor, die gesamte Breite des beethovenschen Schaffens vorzustellen, sondern er beschränkt sich auf die berühmtesten Hauptwerke.

Bei einem 1927 erschienen Roman überrascht es auch nicht, dass Janetschek Beethoven immer wieder als Exponenten einer „deutschen“ Musik feiert, im Gegensatz zu den in Wien beliebten Italienern.

Stil

Wie weit Janetscheks biographische Darstellung historisch korrekt ist, kann ich nicht beurteilen. Wie das Wien jener Jahre gezeichnet ist, halte ich jedenfalls für gelungen. Auch sprachlich findet Janetschek eine gute Lösung, indem er gelegentlich zeittypische Wendungen anklingen lässt, ohne den Versuch zu machen, das Idiom der Zeit um 1800 wiederzugeben. Beethovens persönlichen Schreibstil lernt man in einigen längeren Zitaten kennen, unter denen selbstverständlich das berühmte „Heiligenstädter Testament“ ist, aber auch wütende Eingaben ans Gericht, als es um den Vormundschaftsstreit für seinen Neffen Karl geht.

Ein “Perchtoldsdorfer”

Ottokar Janetschek (Heiligenkreuz bei Wien, 1884 – Wien, 1963) wohnte übrigens von 1938 bis 1963 in jenem Ort, wo ich arbeite: in Perchtoldsdorf. Er schrieb eine ganze Reihe biographischer Romane, neben dem „Titan“ z. B. auch einen über Mozart, über Schubert und über den Forstwirtschafts-Unternehmer Georg Hubmer (1755-1833): „Der Raxkönig“.

Ottokar Janetschek: Der Titan. Beethovens Lebensroman. Mit 16 Bildtafeln. Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien, 1927. 491 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Beethovenhaus, Mödling. Kohlezeichnung, 2005. – In diesem Haus verbrachte Beethoven die Sommer 1818 und 1819.


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