Ist „Manchester By The Sea“ die Rolle seines Lebens für Casey Affleck?

Bei der kürzlich stattgefundenen Verleihung der Golden Globes durfte Casey Affleck eine Trophäe als bester Hauptdarsteller in einem Drama für Manchester By The Sea entgegen nehmen. Zu seinen ersten Worten blickte er in das Publikum hinunter, wo auch Matt Damon saß. Er sollte ursprünglich die Hauptrolle in Regisseur Kenneth Lonergans Drama übernehmen, hat sie dann aber an den kleinen Bruder seines guten Kumpels Ben abgetreten. So schnell würde er das nun wohl nicht mehr machen, warf Affleck ihm entgegen, während er den Globe in den Händen hielt.

Kenneth Lonergan ist ein großartiger Drehbuchautor, der schon für Martin Scorsese Gangs of New York geschrieben hat. Mit Manchester By The Sea zeigt er, dass er durchaus auch Regie-Qualitäten vorzuweisen hat. Neben Casey Affleck stehen ihm dabei allerdings auch allerhand talentierte Namen zur Verfügung: Michelle Williams, die Indie-Queen des Dramenspiels, Kyle Chandler, stets großartig, stets unterbewertet und Lucas Hedges, der sich in kleinen Rollen bereits durch die Filme von Wes Anderson (Moonrise Kingdom, Grand Budapest Hotel), Jason Reitman (Labor Day) und Terry Gilliam (The Zero Theorem) spielen durfte.

Verwirrend mag da nur Kyle Chandler sein, der Joe Chandler spielt – nicht verwandt, nicht einmal real. Es ist kein Spoiler zu verraten, dass Joe der Vater von Patrick (Hedges) ist, als auch der Bruder von Lee Chandler (Affleck). Dann aber stirbt Joe und Lee bekommt das Sorgerecht für seinen Neffen aufs Auge gedrückt. Es wird von ihm erwartet, seinen miesen Job als Hausmeister irgendwo im Nirgendwo aufzugeben, um nach Manchester-by-the-Sea, seiner alten Heimat, zurückzukehren und den rebellierenden Teenie ein erziehungsberechtigter Vormund zu sein.

Manchester By The Sea

Casey Affleck (links) als Lee Chandler mit seinem Neffen Patrick (Lucas Hedges) in „Manchester By The Sea“

Und das er damit Probleme hat, das kann man deutlich sehen und spüren. Aber es ist nur der vorgeschobene Grund, Casey Afflecks Lee Chandler zurück nach Hause zu holen. Dort erwartet ihn weitaus mehr alter Schmerz, als über einen pubertierenden Teenager zu wachen, der seinen Spaß mit zwei parallel laufenden Liebeleien hat.

Casey Affleck spielt schlicht großartig. Er unterhält uns mit leisen und humorvollen Momenten, brilliert aber immer dann, wenn er seine Rage und Angst zum Ausdruck bringen darf. Gerade im Zusammenspiel mit der viel zu kurz kommenden Michelle Williams, die seine Ex-Ehefrau spielt, werden Dialoge zu aufwühlenden Gefühlschaos-Momenten. Beide Darsteller gehen hier ganz tief in sich hinein und ziehen uns mit in die Abgründe ihrer Emotionen.

Lucas Hedges möchte allerdings nicht so ganz funktionieren. Er ist ein Arschloch und bleibt ein Arschloch. Man mag es nicht ahnen, ob Regisseur Kenneth Lonergan vorgesehen hat, Patrick als einen solch unsympathischen Jungen darzustellen, dass wir all sein Leid nicht mitfühlen können. Man bedauert fast Casey Afflecks Lee, dass er sich um diesen Bengel kümmern muss. Vielleicht wär ein Waisenhaus doch die bessere Lösung gewesen.

Casey Affleck mit Michelle Williams in „Manchester By The Sea“

Manchester By The Sea hält unglaublich starke Momente parat. Momente, in denen wir Affleck durch seine Augen in die Seele blicken müssen und den Schmerz mitempfinden. Das ist hart mit anzusehen. Es ist auch hart diese Gefühle so nahe mitzuerleben. Das ist aber vor allem hart zu spielen. Affleck schafft es. Der Film schafft es allerdings nicht, durchweg so mitreißend zu sein. Manchmal läuft er ganze Strecken im Leerlauf. Fast so, als hätte Lonergan einen kleinen Plan bereit gelegt, mit dem er uns alle halbe Stunde einmal direkt aus der Lethargie emotional über Bord werfen will.

Es ist allerdings hilfreich, dass der Film nicht geradlinig erzählt wird, sondern ziemlich wild umherspringt. Die meiste Zeit verbringen wir in der Gegenwart, aber in Rückblenden sehen wir auch Onkel Lee mit einem jungen und unschuldigen Patrick (von Ben O’Brien gespielt). Oder wir erleben das harmonische Miteinander von Lee und seiner Familie. Die Rückblenden kommen immer im richtigen Moment, um die Gegenwart zu unterstützen. Ganz stark sind Rückblick-Flashs, die Lee im sekundentakt ereilen, als er von seiner neuen Vaterrolle erfährt.

Manchester By The Sea ist ein an vielen Stellen ziemlich großartiger Film, der allerdings die Zeit zwischen diesen starken Momenten mit eher belanglosen Geplänkel füllt. Dennoch bleibt das Spiel von Casey Affleck in Erinnerung. Da muss sich auch ein Matt Damon (der immerhin den Film gemeinsam mit John Krasinski produziert hat) in den Hintern beissen, dass er diese Rolle abgelehnt hat.


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