ISLAND IM WINTER – Wenn der goldene zum weißen Kreis wird.

Von Eva Grossert @HiddenGemReise

„Das ist kein Sturm, nur Wind.“ Der isländische Tourguide mit Bärenstatur einer japanischen Reisegruppe muss es wissen. Dessen ungeachtet fühlen sich die -6 Grad für mich bei dieser Windgeschwindigkeit wie -30 an. Wir machen uns vom Acker, das Fotografieren macht keinen Sinn mehr. Es wird schon wieder dunkel (nicht dass es jemals richtig hell gewesen wäre), die Finger fallen vor Kälte fast ab und das Objektiv ist von der sprühenden Gischt des Gulfoss komplett vereist. Zudem hören wir, dass ein Schneesturm aufzieht – was durchaus nicht gelogen war.

Wir verzichten auf wärmenden Tee und Souvenirshopping im behaglich warmen Besuchercafé oben am Gulfoss Wasserfall und sehen zu, dass wir auf schnellsten Weg zurück nach Reykjavik kommen. Nicht die dümmste Entscheidung, denn auf halber Strecke zurück, beginnt es zu schneien. Ein paar friedliche Flöckchen, ein paar mehr, dann noch mehr, die Sicht wird schwierig und knapp 50 Kilometer vor Reykjavik hat uns der Schneesturm dann eingeholt. Unser kleiner Polo kämpft sich wacker durch Schneewehen und hält die Spur auf der komplett schneebedeckten Fahrbahn. Wir hängen uns dicht hinter einen SUV, der sich im Schneckentempo voran bewegt. Sicher ist sicher, und wenn man sonst schon nichts sieht, sehen wir so wenigsten rotes Rücklicht. Die Lüftung ist auf Turbo eingestellt, trotzdem wische ich unaufhörlich die Scheiben wieder frei.

Meine straff strukturierten Pläne fürs Abendprogramm sehe ich dahinschwinden (mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass man in Reykjavik sowieso die Nacht zum Tag macht), vorausgesetzt wir schaffen es jemals bis nach Reykjavik und müssen nicht im Schneesturm jämmerlich verenden. Ich tendiere dazu, den Teufel an die Wand zu malen, zumal ich kürzlich noch Eiseskälte von Arnaldur Indriðason gelesen habe und dadurch meine Fantasie wie es scheint zusätzlich beflügelt wurde.

Was soll ich sagen, es gäbe diesen Bericht nicht, wenn ich jäh im Schneesturm verschüttgegangen wäre und auch nicht die Erkenntnis, dass man selbst in Zeitlupe irgendwann ankommt. Des Weiteren helfen funktionstüchtige Winterreifen und ein Aufwachsen als bayerisches Landei, das Fahren auf Schnee gewohnt ist, die Situation zu meistern.

Wir schlagen also gegen 18.00 Uhr wieder im Hotel auf, müssen erkennen, dass noch keine Vermisstenmeldung nach uns vorlag, und beginnen den restlichen Abend nach diesem ereignisreichen Tag mit einer warmen Dusche. Selbst eine Runde Faullenzen ist noch drin, bevor wir uns ins Nachtleben stürzen.

Lange halten wir nicht durch, der Tag, die eisige Kälte und die vielen Islandeindrücke auf unserer Rundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten des sogenannten goldenen Kreis, haben uns dann doch geschlaucht. Aber das war es wert!


Der Golden Circle – der Goldene Kreis

Der Golden Circle oder zu Deutsch Goldene Kreis ist ein Rundweg von ca. 300 Kilometern, der zu den bekannten Sehenswürdigkeiten in der Region um den Nationalpark Þingvellir führt, von Reykjavik in einem Tagesauflug gut zu bewältigen ist, selbst im Winter lohnt und auch in der kurzen Zeit mit Tageslicht zu bewältigen ist, wenn man ein bisschen auf die Tube drückt.

Gegen 10.00 Uhr starten wir in Reykjavik, als es noch stockdunkel ist, und machen uns gegen 15.30 Uhr auf den Rückweg. Wir schaffen wirklich nur die absoluten Highlights Þingvellir, Geysir und Gullfuss. Auf der Strecke liegen noch weitere Anlaufpunkte, die wir dieses Mal jedoch auslassen müssen. Ich bin mit Klumpfuß und Krücken nicht besonders gut zu Fuß, zudem machen mir Eis und Schnee etwas zu schaffen und ich komme nicht so schnell voran wie unter normalen Umständen. Weniger Fußlahme schaffen mutmaßlich auch im Winter mehr als wir.

Es sei aber auch gesagt, dass wir uns viel Zeit für Fotos lassen, Infos und Tee in den Besucherzentren abgreifen und im Geysir Flagship-Store gegen den Shoppinganfall ankämpfen – leider, denn den stylishen Wolldecken weine ich noch immer nach.


Þingvellir Nationalpark

Wir erreichen Þingvellir nach einigen Fotostopps am See (Þingvallavatn) als es langsam hell wird – wenn man das überhaupt so bezeichnen kann. Zwischen Amerika und Europa liegt genau genommen nur ein Graben. Ein Weg, die berühmte Jedermanns Bruchlinie, führt von einem Kontinent zum anderen. Vom Besucherzentrum des Nationalparks, dem Ende Amerikas läuft man entlang der Abbruchkante hinunter zum See auf europäischem Grund. Genau dort, wo die nordamerikanische und eurasische Erdplatte auseinanderdriften, trafen sich bereits im Mittelalter die Gemeinden des Landes zum „Althing“, der gesetzgebenden Versammlung. Das Althing ist damit das älteste noch aktive Parlament der Welt.

Folgt man dem Weg am Wasserfall vorbei und quert unten den Fluss, kommt man zur Kirche und einer Ansammlung schöner alter Häuser, die offizielle Sommerresidenz des Ministerpräsidenten sowie Räume für Geistliche, Parkangestellte und Regierungsgäste.

Das ganze Nationalparkgebiet ist einzigartig schön und riesig. Man kann dort getrost Tage mit Wandern und Staunen verbringen. Es gibt vier Campingplätze im Park und die spektakuläre Möglichkeit (auch im Winter) zwischen den Kontinentalplatten bei konstanten 2° Wassertemperatur zu tauchen oder zu schnorcheln. Brrr! Das Wasser ist dort angeblich so klar, dass man 100 m weit sehen und sogar Höhenangst bekommen kann. Das muss ich irgendwann machen!

Next Stop Geysir

Wir fahren weiter ziemlich stumm, da staunend, durch Islands Lakritz mit Puderzucker (Lavagestein mit Schneehäubchen) Landschaft in Richtung Geysir, dem berühmten Geothermalfeld. Man kann es nicht verfehlen, riecht man es doch schon von Weitem. Wasserdampf wabert in Richtung Parkplatz herüber, es riecht nach faulen Eiern und alle paar Minuten explodiert das Butterfass, die sogenannte Springquelle Strokkur, eine spektakuläre bis zu 30 Meter hohe heiße Fontäne schießt in die Höhe.

Der große Geysir, der eigentliche Namensgeber des Ortes eruptiert nur in unregelmäßigen Abständen, doch auf den Strokkur kann man sich verlassen. Sehr besucherfreundlich bricht er etwa alle 5 bis 10 Minuten aus. Was für ein Spektakel. Zuerst bildet sich eine Wasserblase in schicken Blautönen, bevor das Wasser in die Höhe schießt.

Auf dem (im Winter ziemlich eisigen) Feld, – ich laufe mit meinem Klumpfuß wie auf rohen Eiern – auf dem die beiden Springquellen liegen, findet man auch noch blubbernde, brodelnde Schlammlöcher und heiße Quellen in tiefgründigen Blautönen. Es lohnt sich als noch ein bisschen im Gebiet herumzuwandern, auch wenn der Wind uns bereits ganz schön eisig um die Ohren weht und der Magen knurrt. Ein warmes Stübchen wartet drüben auf dem Parkplatz mit verführerischen Leckereien und dem bereits genannten gefährlichen Geysir Store, mit ach so schönen isländischen Wollprodukten.


Gulfoss Wasserfall

Aber wir haben ja keine Zeit. Es ist 14.00 Uhr, und wenn es denn jemals richtig hell gewesen wäre, würde ich jetzt sagen, es dämmert bereits wieder. Zum Gulfoss, dem goldenen Wasserfall ist es nicht zum Glück mehr weit.

Breit, aufbrausend und nur von zwei Felsplateaus gebremst, stürzt er sich über 30 Meter in die Tiefe und haut mich ziemlich von den Socken. Der Wasserfall muss zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis sein. Im Winter bilden sich entlang der Schlucht massive Eiswände, die Teile des Wasserlaufes mit einem Eispanzer bedecken. Die eisige Gischt zaubert aus Gräsern und Pflanzen am Wegesrand magische Eisgebilde und meinem Objektiv eine Eisschicht auf die Linse.

Man bekommt einen guten Eindruck von der Wucht der Wassermassen, wenn man direkt zu den Kaskaden geht, aber auch vom Hochplateau bietet sich ein prima Blick auf Fluss und Wasserfall, den ich gerne noch länger genießen würde, wenn mir nicht schon die Nase abfrieren würde. Wir schießen bibbernd ein letztes Handybild, die Kamera ist vorerst außer Gefecht und nehmen die Füße in die Hand, um wieder ins warme zu kommen.

Womit sich dann der Kreis schließt und wir wieder beim Anfang der Geschichte angekommen wären.

Und die Moral von der „Gschicht“? Reise nach Island nicht, wenn Eis und Schnee dir den Willen bricht. Oder anders: Reise nach Island im Winter schon, wenn du magst es ganz alone.

Ha, ha, Howgh, ich habe gesprochen!

Wie der goldene Kreis sich so im Sommer macht, könnt ihr beispielsweise bei Jana von Sonne und Wolken nachlesen.