Irrtümer von Gudo Wafu Nishijima und Brad Warner

Um die Reihe meiner anderswo zensierten Beiträge zu komplettieren und bevor ich mich in den nächsten Wochen wieder verstärkt Texten und Literatur zuwende, will ich hier auf meinen Versuch eingehen, das Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Gudo Wafu Nishijima zu relativieren, wie es auf Sweeping Zen von einem seiner Schüler (Jundo Cohen) zusammengefasst wurde - und wie es Nishijima selbst darstellte. Zunächst ist interessant, wie Jundo und Brad Warner auf meinen Einwurf, Nishijima habe wohl keinen Tempel gehabt und seine Schüler seien wohl nicht bei der japanischen Sôtô-Schule registriert, auf der selben Plattform reagieren (sie finden Hinweise vor allem in einem Buch, haben sich also wohl selbst mit Nishijima in dessen Wohnung getroffen). Auf die Bemerkung Warners, Dôgen Zenji selbst hätte mit der japanischen Sôtô-Schule heute nichts zu tun haben wollen, antwortete ich, dass Dôgen heute wohl deren Präsident wäre und ein Stück Land, das man als Tempel registriert, keineswegs anerkennen würde. Die Grundlage meiner Vermutung ist Dôgens lebenslange Bemühung um das monastische Leben und dessen Regulierung bis ins Kleinste hinein sowie dessen - in der Zengeschichte übliche - Wunsch nach Förderung durch die herrschende Klasse. Mein Einwand wurde natürlich nicht veröffentlicht. Da man sich in Warners Blog registrieren müsste, verzichte ich auch darauf, mich in die dortige Fangemeinde einzureihen. Allerdings fiel mir neben diesem Video, in dem Warner wie ein Verwirrter um den heißen Brei herumredet (man solle kein Ziel haben, das sei aber unmöglich, also sei das Ziel okay, man solle einfach nur weiter praktizieren, d. h. sitzen) auch ein Text auf, indem er seine buddhistische Unbildung noch einmal unter Beweis stellt. Hier geht Brad auf einen User ein, der in Frage stellt, dass Zen mit Zazen gleichzusetzen sei, und endet seinen Beitrag mit der schlichten Behauptung, natürlich sei Dôgen der Nachfolger von Tiantong Rujing (Tendô Nyôjo, auch: Ju-ching). 
Ich zitiere hier nochmal beispielhaft eine keinesfalls alleinstehende akademischen Meinung aus meinem eigenen Blog, mit Bezug auf "Dogen Studies" von La Fleur, bereits 1985 bei University of Hawaii Press erschienen: "(Der Buddhologe Carl) Bielefeldt stellt fest, dass Ju-ching in China jedoch kein herausragender Meister gewesen sein kann. Außer Dogens Zeugnissen gibt es nur zwei weitere kürze von chinesischen Schülern Ju-chings, die erst Jahrhunderte später in Japan auftauchten. Dieser Ju-ching hat demnach weder je von einem Äquivalent zu shikantaza (Nur-Sitzen) oder shinjin-datsuraku (Körper und Geist abfallen lassen) gesprochen noch das Zazen so betont wie Dôgen. Auch findet sich kein Hinweis darauf, dass Ju-ching etwa Lin-chi oder andere Meister wie Yuen-men abgelehnt habe." Steven Heine hat mehrfach auf die Veränderung von Dôgens Lehren im Lauf seines Lebens zu einer Ablehnung des Laiendaseins (inclusive des Vimalakirti-Sutras) hingewiesen, untypisch für chinesisches Chan ist auch seine im von mir übersetzten Eihei Koroku dokumentierte Ablehnung etwas des Shurangama-Sutras.
Wenn man sich nicht nur mit Dôgen beschäftigt, kann man auch von der Einstellung des frühen chinesischen ChanHui-nengs (und das ausdrücklich im Widerspruch zu Dôgen) und von der Gleichsetzung von Meditation und Weisheit wissen. Dies alles wurde in diesem Blog desöfteren dargestellt (und in Foren immer wieder vehement von Schülern des Sôtô-Zen attackiert).
Kaum verwundert dies, wenn man weiß, dass Nishijima selbst als Kurzzeitlehrer Warners im Grunde nichts anderes im Sinn hatte als seine eigene, in der akademischen Welt unbedeutende Analyse von Dôgens Shôbôgenzô zu verbreiten (mit anderen Werken Dôgens außer seinen Kôan beschäftigte er sich offenbar kaum). Nicht nur erlebte ich in einem Briefwechsel, wie Nishijima einen anderen Dôgen-Übersetzer (den fast gleichnamigen Nishiyama vom Daimanji-Tempel) als unverständig bezeichnen ließ, auch ein Abt schrieb mir, dass Nishijima die Diskussion mit ihm abbrach, als er Argumente eines führenden Dôgenspezialisten einbrachte. Nishijimas Einsicht lässt sich mit diesem Papier zusammenfassen, dass die "drei Philosophien und eine Realität" behandelt (man vergleiche dies mit seinem Vortrag über Zazen und Schmerzen, wo er mit denselben Thesen einleitet und parallel dazu vier Arten von Schmerz konstruiert und den seltsamen Rat gibt, nicht die Absicht zu hegen, Schmerzen zu überwinden - wobei genau diese Absicht zur Einnahme von Schmerzmitteln und dem Ende des Schmerzes führen kann). Was wird hier behauptet?
Dôgen würde zunächst einen idealistischen Standpunkt einnehmen und mit abstrakten Konzepten eine Idee darstellen (subjektiv und theoretisch), dann konkretisieren (objektiv und materialistisch) und hernach mit einer realistischen Erklärung synthetisieren. Schließlich würde er mittels Symbolen und poetischer Sprache die "unfassbare Natur der Realität" darstellen. Auf diese Weise meint Nishijima die offensichtlichen Widersprüche im Shôbôgenzô wegerklären zu können. Er findet also auch ein Kapitel wie das über die "Vergeltung in drei Zeitabschnitten", nach dem Karma sich in drei aufeinanderfolgenden Leben verwirkliche, "logisch" und "realistisch". 
Nachdem Nishijima einmal diese Viergliedrigkeit festgestellt hat, sieht er darin auch die vier edlen Wahrheiten abgebildet, die er zunächst so nicht unterschreiben konnte. Folglich ist dann mit der vierten Wahrheit vom achtfachen Pfad, die für ihn in der Übung des Zazen gipfelt, die wahre Synthese erreicht. Das kommt zwar einem Dôgen-Anhänger zupass, ist aber nicht mit einem Hauptgedanken des Mahayana-Buddhismus vereinbar, wie er sich etwa im Shrimala-Sutra zeigt, wo die dritte Wahrheit (vom Aufheben des Leidens) den Kern der Lehre ausmacht und nicht ein Ritual oder eine bestimmte Praxis (dies ist im Übrigen auch in manchen von Dôgens Lehren zur inhärenten Buddhanatur impliziert). Nishijima schafft es mit anderen Worten nicht, den eigentlichen Widerspruch Dôgens, nämlich seine Erkenntnis eben dieser Buddhanatur bei gleichzeitiger Versteifung auf die eine zentrale Metapher des Buddhaseins Zazen, anders als mit einem rhetorischen Trick aufzulösen. Er übersieht damit die Ursache für Dôgens zunehmende Verklösterlichung des Zazen, die notgedrungen aus der ständigen Selbstbespiegelung folgt (und immer auch dem Wunsch nach Kontrolle über ein elitäres Wissen und eine "Linie" geschuldet ist). Von Beginn der Zengeschichte an wurde jedoch in den wesentlichen Sutren klargemacht, dass es keines besonderen Status (Mönchsdaseins) oder Rituals (Zazen) bedarf, um das Buddhadasein zu verwirklichen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sich selbst Nishijima auf eine offizielle Dharma-Übertragung und eine Robe eingelassen hat. 
Ich kannte weder ihn noch Brad Warner persönlich. In ihrer zeitweiligen Saloppheit sind mir beide nicht unsympathisch gewesen, jedoch glaube ich nicht, dass diese Linie von irgendeiner Bedeutung sein wird. Bermekenswert sind z.B. auch die Umformulierungen von den Hauptregeln, die Nishijima vornahm, wenn die dritte zu "Begehre nicht zu viel" wird (aber ursprünglich sich gegen Ehebruch richtete) und die fünfte zum Verbot von Alkoholverkauf (aber eigentlich gegen Rauschzustände sprach). Ob sich Nishijima hier gegen eigene Übertretungen oder die seiner Schüler vorsorglich schützen wollte, weiß ich nicht. Sein Verständnis nicht nur der Buddhalehre, sondern auch Dôgens, erscheint mir jedenfalls oberflächlich und einseitig (siehe hierzu im gleichen Text auch die von praktisch allen Dôgenschülern kolportierte Falschaussage, es bedürfe einer formellen Zeremonie der Gelübde-Übertragung [jukai]). 
Von Jundo Cohens beschriebenen "acht Arten, auf die Nishijima das Zen verändern werde", bleibt dann auch nicht viel. Man kann Schülern, die die Robe tragen und sich auf eine Dharma-Übertragung berufen müssen, nicht abnehmen, dass sie den "Unterschied zwischen Priestern und Laien aufheben" (1). "Übung und Praxis draußen in der Welt" werden regelmäßig auch nur wieder in Zazen konkretisiert, wie schon der Irrtum zeigt, Nishijima sei "Zen-Priester und arbeitender Mensch" gewesen, wo er tatsächlich erst mit 54 ordinierte und mit 58 shiho erhielt, auch wenn er schon über eine Dekade vorher Buddhismus lehrte. Mit der Bestattungskultur Japans (3) haben Zenadepten im Westen eh nichts zu tun. Ob die "Dôgen-Sanghas" zu einem Zufluchtsort für Skandalopfer (4) werden oder selbst welche hervorbringen, wird sich noch zeigen, "brandneue Ausdrücke" für ein Zenleben (5) kann ich nicht sehen, wo auf Zazen, die vier edlen Wahrheiten und den achtfachen Pfad rekurriert wird, Zazen als "Erfüllung der Wirklichkeit selbst" ist ein alter Hut Dôgens, der sich jedem Menschen widerlegt, der sich z.B. im Orgasmus selbst vergisst. Brad Warner müsste das eigentlich kapiert haben, so gerne wie er über Sex schreibt.
Die Zensur auch in diesem (kommerziellen) Forum ist auf vielerlei Arten zu erklären. Der Betreiber von Sweeping Zen, Adam Kô Shin Tebbe, wird meine Bemerkungen zum Zen in Amerika ebenso wenig schätzen wie meine Demontage der Shimano-Basher und meine Kritik an deren Unfähigkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Als ich einmal dem Einwürf einer psychisch kranken Userin, ich habe ja sogar in meinem Blog vor den Lehrern Dalai Lama und Thich Nhat Hanh abgeraten, entgegnen wollte, kniff der Webmaster und sah dahinter "Verschwörungstheorien", obwohl meine Quellen teilweise auf Englisch abgefasst sind. Da ist es eben wie mit den zahlreichen Publikationen von Buddhologen, die gemeinhin vom Gros der Buddhisten nicht zur Kenntnis genommen werden - ein weiterer Fall von Leseblindheit und Ignoranz. Ich glaube sogar, dass die meisten Nishijima-Nachfolger gar nicht genau verstanden haben, was ihr Lehrer zum Kern seiner Gedanken machte. Eine Ausnahme dürfte Yudo Seggelke sein, dessen betuliche Texte erkennbar machen, wie wenig weit man mit dem Grundgerüst der Nishijima-Lehre kommt. Ein Paradebeispiel ist sein Text "Kann man den Geist anderer erkennen", der nur die Banalität kennt, ohne tiefgründige Einsicht könne man nicht mit einem Zenmeister diskutieren. Die hier kolportierte Geschichte hat jedoch eine ganz andere Pointe. Da ist einer, der meint, er könne die Gedanken eines Zenmeisters lesen, und zwei Mal gelingt ihm das vortrefflich. Beim dritten Mal jedoch bleibt er konsterniert zurück. Als er wissen will, was der Zenmeister dachte, antwortet dieser ihm: "Nichts." Damit ist gesagt, worum es eigentlich in der Zenübung geht und warum sie vom Zazen unabhängig ist: Wenn die Gedanken zur Ruhe kommen, verwirklicht sich Erwachen.