Irmgard Wieth • Eine Gerechte unter den Völkern

Viel wissen wir über das Leben der Irmgard Wieth nicht, vielleicht auch weil sie eine ganz ‚normale’ deutsche junge Frau war, mit einem durchschnittlichen Lebenslauf ihrer Zeit. Die aus Norddeutschland stammende junge Frau war zur Zeit der Machtübergabe Irmgard Wieth Grechte unter den Völkernan die Nationalsozialisten 1933 arbeitslos wie so viele, nun erhielt sie eine Anstellung im hauswirtschaftlichen Bereich und konnte ihren Lebensunterhalt bestreiten, allein schon aus diesem ganz persönlichen Grund, stand sie dem Nationalsozialistischen System in keiner Weise ablehnend gegenüber; durchaus menschlich und verständlich, aus ihrer ganz subjektiven Sicht. Zum kritischen Hinterfragen politischer Zusammenhänge wurde sie nie erzogen, so unterstützte sie ein unmenschliches System ohne das es ihr in irgendeiner Weise bewusst wurde. In dieser Hinsicht ging es ihr wie Millionen von Menschen in Deutschland, was weder eine Entschuldigung, noch Rechtfertigung ist; sondern eher eine Zustandsbeschreibung der damaligen Mehrheitsgesellschaft darstellt. Auch wurde das Verantwortungsgefühl von Irmgard Wieth in Hinsicht auf Verfolgte wurde nie in Anspruch genommen, denn in ihrem näheren Umkreis wurde niemand verfolgt oder drangsaliert, so sah sie eher die ‚Erfolge’ im Nationalsozialismus, denn ihre Schattenseite. Doch wie das Leben so spielt, sie sollte diese ‚Schattenseiten’ hautnah erleben sollen. Während des Krieges und nach dem Überfall des Hitlerregimes auf die Sowjetunion arbeitete sie in Lwów, der Stadt, die die Deutschen wieder Lemberg nannten. Irmgard Wieth arbeitete dort in der Wohnungsverwaltung, ferner betrieb sie eine kleine Näherei, die Kleidung für die Frauen der dort stationierten Kräfte nähte. Irmgard Wieth wohnte selbst in einem Mehrfamilienhaus, in dem ausschließlich sogenannte Volksdeutsche lebten. Hier in Lemberg erlebte sie wie mit Juden umgegangen wurde, denn die von ihr beschäftigten Jüdinnen waren aus dem Ghetto zu ihr abkommandiert. Obwohl es für sie verboten war mit den Jüdinnen über das Maß der Arbeit hinaus Kontakt zu haben, unterhielt sie sich mit den Frauen und erfuhr so aus ‚erster Hand’ um die Gräueltaten der Besatzer, also ihrer ‚Volksgenossen’.

Eine der jüdischen Näherinnen war Cecilia Stern, sie begann ihre Arbeit im September 1942 bei Irmgard Wieth und nachdem ein Vertrauensverhältnis sich zwischen den Frauen anbahnte, erzählte Cecilia von einer sogenannten ‚Aktion’ im Ghetto von Lemberg, bei der ihr Mann und ihr Sohn erschossen wurden. Die Grausamkeiten, von denen Irmgard Wieth so direkt und auch emotional erfuhr, erschütterten sie sehr. Im November 1942 stand die nächste ‚Aktion’ der SS-Schergen an, die Auflösung des Ghettos stand bevor und die ersten Deportationen in die Gaskammern nach Belzec begannen, da bat Cecilia Stern ihre Arbeitgeberin, ihre ihr noch verbliebene dreizehnjährige Tochter zu retten. Ohne lange zu überlegen, erklärte sich Irmgard Wieth bereit das Kind für die Zeit der ‚Aktion’ bei sich aufzunehmen. Am nächsten Tag schmuggelte Cecilia ihre Tochter aus dem Ghetto und übergab sie Irmgard Wieth, doch nachdem die besagte ‚Aktion’ vorüber war und das Mädchen an sich zu ihrer Mutter zurück sollte, behielt sie Irmgard Wieth mit den Worten: „Die Kleine ist mir zu schade für die Gestapo.“ Der Mutter war es wahrlich nur recht, dass ihr Kind zunächst eine sichere Zuflucht hatte. Im März 1943 nahm Irmgard Wieth eine weitere bedrängte Frau auf, die Frau des Apothekers Podoshin. Zunächst sollten es nur ein paar Tage sein, doch daraus wurden Wochen und Monate. Als dann das Ghetto von Lemberg gänzlich aufgelöst werden sollte, im Mai 1943, zogen auch Cecilia Stern und der Apotheker selbst zu Irmgard Wieth in die Siegfriedstraße in Lemberg. Kein leichtes Unterfangen für die Frau, denn die Wohnung war klein, sie war ja für eine Einzelperson ausgerichtet, dazu kam die Versorgung der nun vier Versteckten, doch viel entscheidender war, dass von den Nachbarn, alles überzeugte Nationalsozialisten, niemand etwas merken durfte. Ein Kräfte zehrende Gradwanderung für alle Beteiligten.

Im Frühjahr 1944, die Rote Armee rückte immer näher, wurde klar, dass Irmgard Wieth die Stadt verlassen musste. Die Zivilangestellten mussten der zurückweichenden Wehrmacht weichen. So suchte Irmgard Wieth ein sicheres Versteck für ihre vier Irmgard Wieth + Yad VashemFlüchtlinge und fand es, mit Hilfe eines ukrainischen Priesters, in einem Kloster. In einer ‚Nacht und Nebel Aktion’ wurden die vier, heil und gesund, zum Kloster gebracht. Zwei Tage später verließ Irmgard Wieth die Ukraine.

Alle überlebten den Krieg, die Sterns, die Podoshins und auch Irmgard Wieth. Cecilia Stern nahm dann Kontakt mit Irmgard Wieth auf und bald darauf sahen sie sich alle wieder, die Gefühle, die ein jeder in sich trug, konnten von den Beteiligten erst viel, viel später formuliert werden, so tief erschüttert waren alle von der Zeit des Grauens, jeder auf seine Weise. Irmgard Wieth fand keinen Anschluss mehr an die damals schweigende deutsche Gesellschaft, so half ihr Cecilia Stern, später Abraham, dazu in die USA auszuwandern, wo sie zuerst als Haushälterin in einem jüdischen Haushalt arbeitete. Hier fand auch Irmgard Wieth ihr Seelenheil und ihr Glück. Auch die Überlebenden blieben nicht in Deutschland, sie gingen zum einen nach Israel, nach Schweden und in die USA, doch blieben sie immer miteinander in Kontakt, bis zu ihrem Tod.

Am 13. Februar 1968 erkannte Yad Vashem Irmgard Wieth als „Gerechte unter den Völkern“ an, verlegen, aber mit Freude nahm sie die Ehrung im Kreis ihrer Freunde an. 

Weiterlesen:

Hans Hartmann • Ein Gerechter unter den Völkern

Konrad David • Gerechter unter den Völkern

➼ Clara und Max Köhler • Gerechte unter den Völkern

Marianne Golz • Eine der Gerechten unter den Völkern

➼ Heinrich List • Ein ganz stiller Held

darüber hinaus:

➼ Lemberg ✡ Ghetto & Zwangsarbeitslager & Massenmord

➼ Sonderaktion 1005 • Vertuschung der Shoah

Das Vernichtungslager Belzec in Bełżec

Bilder von Irmgard Wieth – Quelle: Yad Vashem.org