Interview mit Belinda Sallin

Seit 24.04. läuft Dark Star – HR Gigers Welt von Belinda Sallin in den Kinos. In dem Dokumentarfilm öffnet die Regisseurin den ZuschauerInnen die Tür zur Welt des Ausnahmekünstlers und gewährt staunenswerte Einblicke in das Gesamtkunstwerk aus Gigers Schaffen, Persönlichkeit und Leben. pressplay hat mit Belinda Sallin gesprochen.

pressplay: Wie kamen Sie dazu, einen Film über HR Giger zu machen?

Belinda Sallin: Angefangen hat alles eher ein bisschen zufällig. Ich habe eine ehemalige Lebenspartnerin von ihm kennengelernt, sie ist auch im Film zu sehen, Sandra Beretta. Wir haben sehr schnell auch über HR Giger gesprochen. Ich kannte seine Kunst aus meiner Jugendzeit, ich kannte die Plattencovers von Emerson Lake and Palmer (Brain Salad Surgery). Ich kannte auch einige Poster, habe Alien damals im Kino gesehen und habe mich, glaube ich, zu Tode erschrocken. Aber es hat mich doch nie ganz losgelassen. Sandra Beretta hat mich eines Abends zu Giger nach Hause mitgenommen und von da an wollte ich den Film realisieren. In dem Moment, in dem ich sein Haus betreten habe, wo ich eigentlich nicht einmal wusste, dass er in Zürich wohnt, seit über vier Jahrzehnten, war ich völlig fasziniert. Auf einer visuellen Ebene ist es fantastisch, wenn man dort eintritt. Und als ich dann Hansruedi Giger persönlich kennengelernt habe, wollte ich sowieso diesen Film machen. Es war für mich sehr überraschend, ich habe mir eher einen distanzierteren Menschen vorgestellt, jemand der vielleicht auch etwas düster ist, aber das Gegenteil war der Fall, das hat mir sehr gefallen. Ich habe einen sehr, sehr freundlichen älteren Herren kennengelernt, sehr charmant.

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Ihr Film beginnt sehr schön mit einem Bild von einem beinah romantisch anmutenden Garten und dann betritt man mit dem Gang ins Haus gewissermaßen eine andere Welt. Man sieht Kunstwerke von Giger, Skulpturen, Grafiken, Bücher bis an die Decke, schwarze Wände, dunkle Räume, und doch wirkt die Atmosphäre nicht unheimlich, sondern manchmal sogar heimelig. Wie haben Sie die Atmosphäre in dem Haus empfunden?

Ich finde es schön, dass es in Wien den Ausdruck „heimelig‟ auch gibt, das gibt es im Schweizerdeutschen nämlich auch, und genau so habe ich es empfunden. Je länger ich dort war, desto wohler habe ich mich gefühlt. Es war fast wie ein Kokon, das ganze Haus und der Garten dazu, wirklich eine andere Welt – so habe ich das wahrgenommen, auch abgrenzend zu den Hochhäusern der Stadt Zürich, die rundherum hochschießen. Wenn man dann in das Haus eintritt, hat man wirklich das Gefühl, man ist in einer anderen Welt. Und es war für mich sehr wichtig, dass ich das vermitteln konnte, dass es wie eine Oase mitten in der Stadt ist.

Im Film wird gesagt, dass seine Frau Carmen in einem anderen Teil des Hauses wohnt, der auch heller als die anderen Bereiche ist. Wie kann man sich das vorstellen?

Anfang der 1970er Jahre zog HR Giger dort in ein Haus und kaufte über die Jahrzehnte bis Ende der 1990er Jahre zwei weitere dazu, es sind Reihenhäuser. Er hat Wände rausgeschlagen und Türen gemacht, so dass alle innen begehbar sind. Eine Tür, das sieht man auch kurz im Film, hat die Form eines Sarkophags, das ist der Eingang zum Zimmer von Carmen, seiner Frau. Das Haus ist sehr labyrinthisch. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich zurechtgefunden habe. Ich habe mich dann auch gefragt, ob ich das im Film irgendwie klarmachen muss, wie das Haus aufgebaut ist, und dachte mir dann: Nein, es ist alles eins, ein Universum, von ihm und von seinem Geist durchdrungen und bevölkert.

Wie ein Spiegel seiner Kunst …

Richtig. Das erste Mal, als ich dort hineingegangen bin, und auch später noch hatte ich immer das Gefühl, ich betrete ein Kunstwerk von Hansruedi Giger.

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Es ist auch ein sehr lebendiges Haus. Im Film gibt es ein ständiges Ein- und Ausgehen, man gewinnt den Eindruck, dass Giger einen großen Kreis an Persönlichkeiten um sich schart und ein sehr geselliges Leben führt. Ist das so oder haben Sie das für den Film komprimiert?

Nein, das war wirklich so. Es war ein Treffpunkt, auch für andere Künstler und Kulturschaffende. Das hat auch damit zu tun, dass Hansruedi Giger in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr oft das Haus verlassen hat. Er war am liebsten zuhause, in seiner Welt, da hat er sich am wohlsten gefühlt. Er hat zwar noch Sachen gemacht, wie die Ausstellung in Linz eröffnet. Er war auch noch ab und zu in seinem Museum in Gruyères, wo er zum Beispiel Booksignings gemacht hat, aber er war am allerliebsten zuhause. Das heißt, wenn man etwas wollte von HR Giger, musste man da hingehen, ob man eine Ausstellung kuratieren wollte, ein Buchprojekt hatte, oder Filmprojekt wie ich, man musste zu ihm an den Küchentisch und das dort diskutieren.

Künstler können eigensinnige, manchmal auch schwierige Persönlichkeiten sein. Wie war es, mit Giger zu drehen?

Er war sehr offen. Wir hatten eine sehr, sehr gute Vertrauensbasis, sonst hätte ich diese Dreharbeiten in seinem Innersten, Privaten, wahrscheinlich nicht machen können. Ich hatte einen sehr guten Zugang zu ihm, wir haben uns von Beginn weg sehr gut verstanden. Er hat es sehr geschätzt, dass ich sein Werk so gut gekannt habe und deshalb hat er mir wahrscheinlich auch diesen Zugang gewährt. Er hat ja sowieso nie gern über seine Kunst gesprochen, das hat er mir auch gesagt, und er hatte ein bisschen Angst davor, dass ich ihn jetzt löchern möchte mit Fragen. Ich habe ihn beruhigt und gesagt: „Nein, ich versuche, auf einer visuellen Art etwas über deine Kunst und dein Leben zu erzählen, ohne dass du jetzt groß interpretieren oder Auskunft geben müsstest.‟ Das hat ihn beruhigt und war eine gute Ausgangslage für uns beide.

Aufgrund seines Gesundheitszustands war es vermutlich nicht einfach, die Interviews mit Giger zu führen und hat viel Vorbereitung und Konzentration erfordert.

Richtig. Ich habe die Drehs, die wir mit ihm gemacht haben, sehr genau vorbereitet. Das ging so weit, dass wir bestimmte Szenen fast geprobt haben; also nicht nur fast, wir haben das besprochen und geprobt, ganz genau abgestimmt, wo die Kamera steht, welcher Blickwinkel, welche Aufnahmen, welche Takes wir machen, bevor er überhaupt aufgetaucht ist. Als er dann da war – das war für mich eine spezielle Erfahrung –, hat dann doch alles einen sehr authentischen Charakter bekommen, sehr dokumentarisch, weil wir wussten, das ist dieses Take, das können wir nicht zigmal wiederholen.

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Bemerkenswert fand ich auch, wie andere Menschen Giger begegneten. Zum Beispiel bei der Autogrammstunde, das war nicht nur Begeisterung der Fans, sondern Ehrfurcht und sogar tiefste Dankbarkeit dem Künstler gegenüber. Manche nennen ihn auch Meister.

Ich war auch ein bisschen erstaunt, als ich entdeckt habe, wie stark er zum Teil die Leute weltweit, es ist wirklich ein internationales Phänomen, berühren kann. Das hat mich sehr beeindruckt und zum Teil auch selber sehr berührt. Wie tief er mit seiner Kunst bei gewissen Menschen etwas anklingen lassen kann, das fand ich sehr schön.

Durch seinen Academy Award hat er auch in der Filmwelt eine gewisse Bekanntheit. War es damit leichter, den Film zu finanzieren?

Nicht unbedingt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass er nach wie vor sehr stark polarisiert. Er ist zwar sehr berühmt, alle kennen ihn, alle wissen, wer HR Giger ist, aber, wie gesagt, sehr polarisierend. Es war nicht unbedingt einfach, dieses Filmprojekt zu finanzieren, da haben wir keine offenen Türen eingerannt, so war das nicht. Wir mussten ziemlich hart dafür arbeiten, dass wir dieses Projekt finanzieren konnten. Man muss dazusagen: Er hat ja auch nie Anerkennung von den Kunstinstitutionen oder vom Kunstestablishment bekommen. Ich habe bei dem Projekt gespürt, dass da viel Ablehnung dabei ist.

War das so?

Ja, das habe ich gespürt, jetzt immer noch. Es gibt aber beides. Ich bekomme viele Mails von Fans, die sehr dankbar sind, dass es den Film gibt. Ich bekomme Reaktionen von Leuten, die mir sagen: „Ich konnte mit der Kunst von Giger eigentlich nie etwas anfangen, aber der Film hat mir jetzt einen Zugang gebracht.‟ Das finde ich persönlich sehr wichtig für mich. Die Fans, die sind eigentlich sowieso an Bord, aber auch da ist es nicht immer ganz einfach, weil man vielleicht nicht alle Erwartungen erfüllt oder erfüllen kann, erfüllen will. Es ist aber besonders schön, wenn Leute einen Zugang finden zu diesem Werk, die sich das vorher überhaupt nicht hätten vorstellen können. Aber nach wie vor spreche ich auch mit Leuten, die mir sagen: „Wie konntest du nur einen Film über HR Giger machen!

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Das heißt, Giger ist in der Schweiz nicht anerkannter als im Rest der Kunstwelt, auch nicht aus nationalem Stolz heraus?

Es ist sehr ambivalent, würde ich sagen. Natürlich ist man stolz, dass HR Giger ein Schweizer ist, und ein erklärter Schweizer, er hat ja auch zeit seines Lebens dort gewohnt, er hätte ja auch in New York leben können oder in Tokio. Es hat ihn überhaupt nicht interessiert wegzugehen; wahrscheinlich weil er die inneren Welten mehr erforscht hat als die äußeren.

Gigers Werk und seiner Person werden chauvinistische, sexistische Merkmale zugeschrieben. Wie sind Sie diesem Vorbehalt begegnet?

Das war für mich eine sehr wichtige Frage am Anfang des Filmprojekts. Ich kannte diese Vorwürfe und ich weiß natürlich auch, dass Giger bis heute polarisiert. Wenn ich sein Werk sexistisch wahrgenommen hätte, hätte ich diesen Film nicht machen können, das wäre für mich sozusagen ein Ausschlusskriterium gewesen. Ich denke eher, die Figuren in Gigers Werk sind gleichberechtigt, sie sind halt gleichberechtigt determiniert oder gleichberechtigt unemanzipiert in einer vielleicht unwirtlichen Welt, wo sie nur existieren können mit Hilfe von Maschinen beispielsweise, oder mit Hilfe von Exoskeletten, sodass sie nicht mehr alleine existieren könnten, aber das ist nicht auf ein Geschlecht gemünzt. Natürlich sind sie an vielen Stellen explizit sexuell und ich weiß, dass das auch viele Leute abschreckt, aber ich denke, es lohnt sich, diese moralischen Konzepte, die wir alle in uns tragen, einmal wegzuschieben und in sein Werk einzutauchen. Ich denke, das ist sehr lohnend.

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Hat Giger noch Teile oder Material vom Film gesehen?

Ja, er hat einen Teaser gesehen, den ich gemacht habe. Dieser Teaser ist ganz genau im Duktus und der Bilderwelt, wie jetzt der Film ist. Das hat ihm sehr gefallen und mich hat es damals auch beruhigt, weil ich wollte natürlich nicht einen Film machen, bei dem er am Schluss sagt: „Ja, aber ich erkenne mich hier nicht!‟, oder: „Das ist gar nicht meine Welt!‟ Das wäre für mich schrecklich gewesen, weil ich ja versucht habe, genau seine Welt einzufangen in meinen Bildern. Er hat den fertigen Film nicht mehr gesehen. Wir waren mitten im Schnitt, als uns die Nachricht von seinem Tod ereilt hat. Wir haben noch fünf Tage vor seinem Tod das Fotoshooting fürs Filmplakat gemacht. Es war ein Riesenschock, weil ich damals das Gefühl hatte, dass jetzt alles gut ist, dass er sich jetzt nur noch gemütlich zurücklehnen und warten muss, bis der Film fertig ist und ich war natürlich sehr gespannt auf seine Meinung. Dass es dann nicht dazu gekommen ist, hat mich sehr traurig gemacht. Es war schlimm für uns und es war auch nicht so einfach, wieder in den Arbeitsrhythmus zurückzufinden, das hat uns eine Zeit lang fast gelähmt. Es war dann sehr wichtig, dass Carmen Giger, seine Witwe, gesagt hat: „Aber natürlich machen wir diesen Film fertig!

Hat sich Ihr Zugang zu Gigers Kunst durch die Arbeit am Film verändert?

Ich kannte einige seiner Werke, als ich mit meinen Recherchen begonnen habe, aber längst nicht alles. Ich habe wahnsinnig viel entdeckt, auch viele frühe Werke, die mir sehr gut gefallen. Das hat sich schon verändert und es war für mich natürlich auch eine Erfahrung, all diese Vorurteile sozusagen unter die Lupe zu nehmen: Was ist dran? Stimmt das überhaupt? Das war für mich eine sehr interessante Erfahrung und ich habe das Werk sehr schätzen gelernt.

Vielen Dank für das Gespräch!