Interpol: Danach ist davor

Interpol: Danach ist davorInterpol
„El Pintor“

(Matador)
Das Komische ist, dass Interpol ihre mutmaßlich schwierigste Platte eigentlich schon hinter sich hatten. Kurz nach „Our Love To Admire“, ihrem dritten Album, kündigte Carlos Dengler, eigenwillig verschrobener Bassist der New Yorker Wavekapelle, bekanntlich den Job. Dem Vernehmen nach wollte er sich eher um seine Filmmusikprojekte kümmern, man durfte zudem vermuten, dass ihm der zunehmend dicht gestopfte und manchmal doch recht durchschnittlich rockende Sound der Band nicht ganz ins kreative Konzept passte. Interpol konnten 2001 mit ihrem fulminanten, grabesdunkel schimmernden Debüt „Turn On The Bright Lights“ zu Recht begeistern, mit „Antics“ folgte kurze Zeit später ein sehr straightes, kompaktes und erfreulich tanzbares Album und anschließend dann das besagte orchestrale, äußerst vielschichtige, aber manchmal auch etwas theatralische und selbstgefällige Werk, auf welchem sich dann schon der eine oder andere Füller finden ließ – „The Heinrich Maneuver“ und „Who Do You Think?“ zählen mit Sicherheit nicht zu den stärksten Stücken der Amerikaner.
Weiter zu dritt und mit einem Paul Banks an der Spitze, der sich zunehmend – ob nun mit Klarnamen oder dem Alter Ego Julian Plenti – von seinen Kollegen emanzipierte, versuchte man auf Platte Nummer vier sowohl den eigenen Wurzeln als auch neuen Einflüssen gerecht zu werden und das gelang wider Erwarten erstaunlich gut. Ein paar der neuen Stücke wurden synthetischer als bisher üblich, man konnte Banks‘ Leidenschaft für Dubstep, Breakbeats und Hiphop wenn nicht hören, so doch ahnen und es stand den Songs gut zu Gesicht, behielten sie doch durch Kesslers markantes Gitarrenspiel und des Sängers sehnsuchtsvollen Gesang jenen Charakter, der die Band groß und, ja, auch einmalig gemacht hatte. Und das alles ohne Dengler und dessen (als so unersetzlich beschriebene) Ideen – man durfte staunen.
Nun also „El Pintor“. Ob man nun über das Buchstabenrästel lächeln will oder nicht, das Album ist wie erwartet ein seltsam indifferentes geworden. So richtig viel Neues wagt es nicht, sieht man einmal von den vorsichtigen Ausflügen in die souligen Diskozeiten der 70er ab, die bei „Same Town, New Story“ und „My Blue Supreme“ durchklingen. Beiden Stücken mischen Interpol neben den üblichen harschen Riffs ein paar mehr oder weniger funkige Akkorde unter, besonders dem erstgenannten bekommt das richtig gut und man möchte fast den matten Glanz der Glitzerkugel im schummrigen Nebel erkennen. Der Rest der Songs orientiert sich, wenn man eine grobe Marschrichtung ausmachen will, eher am druckvollen, perkussiven Stil von „Antics“ – schon bei den ersten drei Stücken pumpt der Bass so gewaltig, als wollten sie gar keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie solches noch hinbekämen.
Und auch wenn „Everything Is Wrong“ und „Breaker 1“ erfreulich rough und stellenweise so wunderbar dramatisch (wie wirklich nur sie es können) daherkommen – sie gönnen dem Zuhörer nicht die geringste Atempause. Alles ist dicht gedrängt und geschichtet, wo auf dem Vorgänger noch kleinere Überraschungsmomente versteckt und Spannungs-Breaks gesetzt waren, da rollt hier unentwegt ein Brecher nach dem anderen Richtung Trommelfell, „Ancient Ways“ und „Tidal Wave“ nimmt man so fast nur noch als dröhnende Soundmassen wahr. Warum Banks, Kessler und Fogarino hier nicht auf mehr Unterscheidbarkeit und Zwischentöne gesetzt haben, will sich nicht so recht erschließen. Irgendwie hat man den Eindruck, sie wollten auf keinen Fall etwas falsch machen und so richtig schlecht klingt sie ja auch nicht, die Nummer Sicher. Nur eben etwas wenig abwechslungsreich und gerade so, als habe jemand Angst gehabt, in einem stillen Moment zur Besinnung zu kommen. www.interpolnyc.com
Den Komplettstream des Albums gibt es u.a. bei deutschen Musikexpress.
25.01.  Köln, Paladium
04.02.  Berlin, Columbiahalle

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