Inferno Triathlon 2016 – der Rennbericht

Von Wonseong

Wie an anderer Stelle schon erwähnt, wollte ich 2016 ein Erholungsjahr einlegen – wie immer nach einem Kona-Jahr. Und genau so stellt sich das bisherige Jahr auch dar. Da passte natürlich nur suboptimal rein, dass ich gleichzeitig zwei Bucketlist-Rennen einstreuen wollte und – um das Problem noch in seiner Intensität zu veschlimmern – diese im Kalender lediglich zwei Wochen voneinander getrennt lagen: Einerseits der berühmt-berüchtigte Inferno Triathlon und zwei Wochen später die Duathlon Langdistanz-WM in Zofingen.

Interessant war dann auch, zwischen beruflichen und sonstigen anderweitigen Verpflichtungen erstens ein paar Stunden für gezieltes Training freizumachen und andererseits den wachsenden Respekt in mir zu spüren ob der deutlich zu knappen Trainingsdecke. Und was soll ich sagen – ich habe das Ganze auch etwas unterschätzt. Ein IRONMAN ist mit etwas Abstand betrachtet geradezu ein Kindergeburtstag gegen die 5.500 Höhenmeter und biestig-steilen Anstiege im Berner Oberland.

Interessant auch, dass viele bekannte Freunde in den sozialen Medien meinten anmerken zu müssen, dass dieses Unterfangen für mich doch ein „walk in the park“ sein sollte. Und selbst dort (hauptsächlich auf Facebook) fühlte ich mich im Vorfeld genötigt, die Sache etwas ernster zu schildern. Aber natürlich glaubt einem das niemand da draußen. Und natürlich glaubt einem auch prinzipiell niemand, wie wenig man wirklich zum Trainieren kam. Was viele Menschen dabei unterschätzen, ist, dass man einen kürzeren Wettkampf über zwei bis drei Stunden noch irgendwie wuppen kann, auf einer Langdistanz – noch dazu mit so vielen Höhenmetern – aber dafür kein Spielraum existiert. Hier muss man topfit an der Startlinie stehen oder man geht unweigerlich unter. Jeder. Auch ich. Und nein, ich bin keine Maschine – ich bin auch nur ein Mensch.

So viel als Einleitung. Wenige Tage vor dem Rennen bekam ich einen Anruf aus dem benachbarten Altenburg vom alten Sportfreund Michael Göhner, der sich – ganz Profi-Athlet – in letzter Sekunde auch noch überlegt hatte, an den Start zu gehen. Er bot an, mit seinem T5 sich gemeinsam auf die Reise zu begeben. Und so machten wir es dann auch.

Wir fuhren also am Freitagmorgen nach dem Frühstück ganz gemütlich an den Thuner See und gaben uns der ersten Disziplin des Inferno Triathlons hin, dem Eincheck-Marathon. Durch die Point-to-Point-Strecke und die zusätzliche Disziplin (MTB) müssen drei räumlich weit getrennte Wechselzonen eingerichtet werden. So war unser erster Stopp in Oberhofen (siehe Foto oben), wo alle Sachen für den Rennrad-Teil eingecheckt werden mussten. Durch ein paar technische Herausforderungen (lange Geschichte) entschied ich mich für mein TT-Bike – ein großer Fehler, wie sich herausstellen sollte. Dann schauten wir uns auf dem Weg zur T2 in Grindelwald noch geschwind die Abfahrt von Beatenberg nach Interlaken an. Nicht so schlimm, wie angenommen. Steil, ja, aber top Asphalt und sehr flüssig zu fahren. In Grindelwald am Fuße von Eiger, Mönch und Jungfrau parkten wir dann unsere Mountain Bikes. Als wir gerade die Wechselzone verlassen macht es einen wahnsinnigen Schlag und einem Kollegen zerfetzt es den Reifen und die ganze Dichtmilch seines Tubeless-Setups fliegt ihm um die Ohren. Ich war ja schon unüblich spät dran mit meinem Bike-Setup, aber es gibt immer wieder etliche Athleten, die es wirklich auf die letzte Sekunde ankommen lassen. Tststs.😉

Die Stimmung ist ansonsten gelöst, das Wetter famos. Alles ist diesen Tick entspannter als bei anderen Langdistanz-Rennen, wo doch meist die Spannung und Panik greifbar scheint. Nächster Halt: Stechelberg, wo die Laufsachen unten an der Seilbahn verstaut werden für den finalen Gipfelanstieg auf’s Schilthorn (Piz Gloria aus dem James Bond-Klassiker „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969, in dem der Bösewicht Blofeld sein Hauptquartier im Drehrestaurant auf dem Gipfel hat).

Und dann war es an der Zeit, den letzten Teil unserer Anreise nach Mürren mit der Seilbahn abzuschließen, zu Abend zu essen und dem Rennbriefing zu lauschen. In diesem speziellen Fall wollten wir uns das beide nicht entgehen lassen. Es gab aber auch hier nichts Neues, da die Informationen im Vorfeld – wie die gesamte Organisation – in gewohnt perfekter schweizer Art ablief und es für Leute die lesen können keine Informationslücken geben konnte.

Dann früh ins Bett. Ich habe ziemlich übles Kopfweh. Ob es von der Höhe kommt oder doch der Aufregung vor dem Wettkampf geschuldet ist? Nobody knows. Trotzdem kann ich gut ein- und bis zwei Uhr morgens durchschlafen. Naja, um 3:30 Uhr klingelt ja eh der Wecker. Muss ich erwähnen, dass es für den schweizer Hotellier im Edelweiss selbstverständlich ist, da schon das gesamte Frühstückbuffet aufgebaut zu haben und seine (sechs an der Zahl) Athleten-Gäste freundlich zu bergüßen und viel Glück zu wünschen? Wie oft habe ich das schon in Deutschland erlebt? Genau!

Um 4:30 Uhr bringt uns die Seilbahn pünktlich hinunter ins Tal zum Bus, der uns wiederum nach Thun ins Strandbad fährt. Die Stimmung ist gigantisch. Alles noch so ruhig mitten in der Nacht. Die Athleten auch noch etwas verschlafen und sehr gedämpft. Als wir um 5:50 Uhr am see ankommen, sieht man schon die ersten Anzeichen des nahenden Tages. Langsam kommt mehr und mehr Leben in die Masse. Neben den gut 300 Einzelstartern sind es vor allem die Couples (M/M, M/W, W/W) sowie die Vierer-Teams, die sich dieser Herausforderung stellen.

Wir haben großes Glück mit dem Wetter. Die worst case Voraussage war Dauerregn den ganzen Tag. Stattdessen ist es angenehm mild bei 20°C und sogar der See hat 19°C. Trotzdem herrscht Neo-Pflicht und so stehen wir gemütlich am Strand und warten auf den Start um 6:30 Uhr. Ich treffe noch zufällig auf Andreas Theobald, den ich hier nicht erwartet hatte und der mit Altmeister und Zehnfach-Gewinner Marc Pschebizin ein Männer-Couple macht (und selbstverständlich später mit über einer Stunde Abstand gewinnt). Leider haben Micha und ich uns bei der letzten „Entleerung“ aus den Augen verloren, finden uns aber in der ersten Startreihe  – mit massig Platz links und rechts – wieder und können uns so noch gegenseitig ein schönes Rennen wünschen. Für ihn sollte es genau so kommen, für mich leider nicht😥

Obwohl das Schwimmen – obgleich gegen die kurzen, unregelmäßigen Wellen einer morgendlichen Brise von der gegenüberliegenden Bergen ankämpfend – noch richtig Spaß macht. Das Wasser ist klar und sehr engenehm temperiert (es ist mir heute noch schleierhaft, wie man sich in Frankfurt bei 23°C Wassertemperatur unterkühlen kann). Ich finde eine gute Gruppe und versuche, bei 3,1 km geradeaus, nicht zu viel Zickzack zu schwimmen. Schöner Ausstieg, viele Zuschauer und Anfeuerer. Alle ziehen sich hier relativ gemütlich um, wohl wissend, dass hier das Rennen nicht in der Wechselzone gewonnen oder verloren wird udn sowieso jeder sein eigenes Rennen amchen muss.

Dann das Grauen: Ich bin noch keinen Kilometer den sofort steilen Anstieg nach Beatenberg hochgeklettert, da ist mir schlagartig klar, dass dies einer der ganz harten Tage wird. Null Energie oder „I have no power“ wie Normann in einem der klassischen Triathlon-Momente zum Besten gab.

https://www.youtube.com/watch?v=PJWhNg-QiTc

Ich versuche, wenigstens die wunderschöne Landschaft so gut es geht zu genießen und in mich aufzusaugen. Aber so macht das keinen Spaß. Vor allem nicht in der Kombination falsches Rad (Rookie-Fehler), in Kombination mit dem nicht vorhandenen Raddruck nicht ausrechende Übersetzung und affensteile, lange Berge.

So schleppe ich mich Kilometer um Kilometer über die 97 km lange Radstrecke und muss gar an einem besonders steilen Stück hinauf zu Großen Scheidegg absteigen. Welche Schmach. Ich muss dabei aussehen wie ein Wachkoma-Patient und meine, das Mitleid in den Augen der Zuschauer zu erkennen. So etwas habe ich in all den Jahren auch noch nie erlebt. Beschämend. Derweil überholen mich gefühlte Hundertschaften (zugegeben vor allem Staffeln, die schwächere Athleten zuvor eingesetzt hatten).

Toll dagegen ist die atemberaubend schöne Landschaft und ich ärgere mich, dass ich keinen Fotoapparat oder wenisgtens bei iPhone dabei habe. Kurz vor der Passhöhe macht es einen riesen Krach und der kleine Wasserfall mit dem Schmelzwasser des darüber hängenden Gletschers schwillt unter ohrenbetäubendem Getöse zu einem Monster Eis-/Wasserfall an. Spektakulär.

Die Abfahrt von der Großen Scheidegg hinunter nach Grindelwald in die T2 ist haarsträubend – insbesondere auf einem TT-Bike. Wird nicht mehr vorkommen. Aber ich bin immer noch nicht mental so gerichtet, dass ich an Aufgabe denke. Die Hoffnung, auch dieses Abenteuer irgendwie zu überleben, stirbt wie immer zuletzt. Aber als dann auf dem MTB  – trotz besserer Übersetzungs-Optionen – auch nichts geht und weitere dutzende Athleten an mir vorbeidonnern, wächst der Wunsch, einfach hier und jetzt stehen zu bleiben. Ich quäle mich noch hinauf zu Kleinen Scheidegg und mache dort in gutem, alten Adventure Racing-Style eine längere Verpflegungspause mit Bouillon, Biberli und Bananen. Die Hoffnung ist hier, dass es vielleicht rein energetisch ist. Aber auch die lange MTB-Abfahrt hinunter nach Lauterbrunnen (2.060 m – 795 m) sowie massig Essen und Trinken helfen mir nicht weiter. Als ich dann auch noch anfange Dinge zu sehen, die gar nicht da sind (ernsthaftes Signal!) und völlig selbstverschuldet stürze, ist endgültig der Ofen aus. Der Entschluss ist gefasst und ich steieg in der T3 in Stechelberg aus.

Ich nehme die Bahn hoch nach Mürren, dusche und haue mich erstmal ins Bett. Seltsame Schwindelanfälle (die ich gar nicht von mir kenne) begleiten mich seitdem. Abends ehrenhalber noch kurz zur Siegerehrung vorbei und Fotos von Micha auf dem Podium machen. Respekt. Starke Leistung von ihm! Er schafft es tatsächlich aus dem Stand als Rookie auf’s Overall-Podium hinter Jan van Berkel und Andi Wolpert.

Dann viel, viel Schlaf, frühstücken und Heimreise. Fotos 6-10 © Andy Mettler/swiss-image.ch