"Inception" [USA 2010]


Story
Dom Cobb ist kein gewöhnlicher Dieb. Er arbeitet stattdessen auf dem Gebiet der Extraktion und stiehlt im tiefsten Unterbewusstsein seines träumenden Opfers geheime Informationen, da, wo der Verstand am verwundbarsten ist. Dom Cobb ist Traumdieb, seine Methoden sind riskant, aber dennoch zählt er zu den Meistern seines Fachs. Eines Tages bekommt er den ultimativen Auftrag, von dessen Gelingen das Wiedersehen seiner Kinder abhängt. Die Aufgabe scheint unmöglich: Cobb soll nichts stehlen, sondern einen Gedanken einpflanzen. Mit seinem sorgfältig zusammengestellten Team wagt Cobb das Unmögliche…
Kritik
Wenn ein neues Christopher Nolan-Verwirrspiel um existentielle Fragen und dem Leben außerhalb der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit im Kino bestaunt werden darf, dann ist immer so ein bisschen vom besten Film aller Zeiten die Rede. Bei jedem neuen Nolan-Film verbreitet sich diese Phrase inzwischen unter den potenziellen Zuschauern wie ein Lauffeuer. Irgendwie logisch: Seine Filme brechen Sehgewohnheiten auf, sind originär und visionär, intelligent wie vielschichtig, meistern die Gratwanderung zwischen klassischem Blockbuster und experimentellem Kunstfilm. Mainstream mit Anspruch – eine immer seltener gesehene Kombination der Traumfabrik Hollywood.
Einzige Gemeinsamkeit in Nolans Oeuvre ist allenfalls die, dass jegliches Werk tief im Kopf des psychisch labilen Individuums verankert ist, welches sich mit Bewusstseinsstörungen und Identitätsfragen auseinandersetzen muss. Nolan selbst, der Brite, nach eigenem Bekunden kein Regisseur, der sich Genreregeln unterwirft, sondern sein eigenes Ding macht, in der New York Times als "blockbuster auteur" betitel und im SPIEGEL als Mischung aus Orson Welles, Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick gehandelt wird, lieferte mit "Inception" erneut ein Projekt ab, das unter strengster Geheimhaltung entstand.
160-200 Millionen Dollar, Action, Effekte, Sommer-Blockbuster. Letzteres steht in der Regel für cineastisches Fremdschämen, für infantile Roboter, promiskuitive Vampire und Filme, die mit der Intelligenz zweijähriger Kinder das Geld in die Kassen spülen. Nicht "Inception". "Inception" wirkt wie ein fassungsloser Schlag in die Magengrube, weil er jede einzelne Synapse des Zuschauers kochen lässt und den Sommer-Blockbuster endlich einmal neu definiert. Dabei bedient sich Autorenfilmer Nolan insgeheim aus dem Fundus zahlreicher Genrefilme und einschlägiger Science-Fiction-Visionen. Sein Gedankenkonstrukt um Traum und Realität namens "Inception" ist im Grunde konventionell aufgebautes Heist-Movie und hakt die drei Stationen für einen Raubüberfall – Planung, Teamzusammenstellung, Ausführung – ab.

Nebenher lassen sich vor allem Cronenberg'sche Einflüsse (der Cyberthriller "eXistenZ"), James Bond-Analogien und "Matrix"-Assoziationen (etwa in Form schwerelos kämpfender Protagonisten) nicht von der Hand weisen. Die Liste der von Nolan inspirierten Filme ist vermutlich lang. Und doch gelingt es ihm aus dem Konglomerat verschiedenster Elemente und Motive anderer Werke etwas völlig Eigenwilliges zu kreieren, wo lediglich die Bedingungen gegen den Strich gebürstet werden. So wird in "Inception" nichts gestohlen, sondern eingepflanzt, nicht in andere Länder gereist, sondern in andere Traumebenen, nicht vor der Polizei geflüchtet, sondern vor den Abwehrmechanismen des Unterbewusstseins.
Das Spiel mit artifiziellen Traumebenen markiert folgerichtig das Herzstück des Films. Realität und Fiktion verschwimmen, man weiß eigentlich bis zum Schluss nie, in welcher Ebene man sich befindet. Das, was man glaubt zu sehen, wird im nächsten Augenblick als Illusion enttarnt, wenn einem vorgeführt wird, was man tatsächlich gesehen hat. Die Dualität zwischen Schein und Sein hat zwar eine lange Tradition im kulturhistorischen Kontext, reicht von Kafka bis "Blue Velvet", hat sich ebenso bei Nolan einen Stammplatz gesichert, doch "Inception" lässt restliche Raum-Zeitgefüge aus seinem Hause mühelos hinter sich.
Der Regisseur wirft metaphysische Fragen auf, die er im Gegensatz zu den Wachowski-Brüdern glücklicherweise nicht mit Hilfe redundanter Action und massentauglicher Küchenpsychologie anreißt oder gar fallen lässt. Die Fragen scheinen eindeutig, Nolan spielt sein Spiel konsequent bis zu Ende. Ist das, was man wahrnimmt, objektive Realität oder eine Fälschung dessen? Die Kette beunruhigender Fragen geht noch weiter: Träumt man oder ist man gerade wach? Wenn man tatsächlich träumt, wacht man jemals wieder auf? Oder befindet man sich gerade im Unterbewusstsein? Aber in wessen Unterbewusstsein? Und ist es da etwa angenehmer als hier?

Virtuos verschachtelt erzählt Christopher Nolan diesen tiefenpsychologischen Diskurs undurchdringlicher Träume. "Inception" steckt voller Informationen, der Handlungsstränge von einer Sekunde zur anderen wechselt, um von einer Sekunde in die andere Traumebene an Traumebene, Bildfetzen an Bildfetzen aneinanderzureihen. Die erste Hälfte des Films wirkt wie ein hochkomplizierter Einführungskurs in die Welt des Traums samt damit verbundener Begrifflichkeiten, bei dem Sigmund Freud seinen regelrechten Spaß gehabt hätte. Originell ist Nolans Idee von einem Gedanken als sich alles verändernden, rasend schnell ausbreitenden Virus, für den es allerdings kein Heilmittel gibt.
Darüber hinaus lernt der Zuschauer die Methoden des Teams kennen – träumende Diebe, die im Traum des Traums eines Träumenden einbrechen. Den emotionalen Kernpunkt, melodramatischen Aspekt der Handlung und zugleich die Rückkehr obligatorischer Nolan-Motive (Schuld, innere Zerrissenheit) markiert die anfangs fragmentarische Handlung um Don Cobbs (Leonardo DiCaprio) verstorbene Ehefrau Mal (Marion Cotillard), die an einem einzigen Gedanken zerbrochen ist und deren Schicksal in einer außerordentlich ergreifenden Rückblende kulminiert, wo Nolans Werk die nötige Dramatik aufweisen kann. Diesbezüglich setzt der Regisseur das Puzzle am Ende ganz zusammen, wenn er den großen Twist (diesmal gibt's nur einen) aus dem Ärmel schüttelt.
Bei allen intellektuellen Aufklärungsversuchen darüber, warum man sich nicht insbesondere an den Anfang eines Traums erinnert oder den Traum als solches nur schwer rekonstruieren kann, ist es der wohl größte Verdienst von "Inception", das er eben nicht vollständig ein freud'sches Essay über Traumtheorie repräsentiert, sondern diese Theorie in eine spannungsgeladene Jump-and-Run-Dramaturgie einbettet. Keine prätentiöse Abhandlung, sondern aufregende Jahrmarktattraktion als anspruchsvolles Computerspiel mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden in den Leveln (Ebenen). Hier wird trotz aller Philosophie geschossen, verfolgt, gesprengt, geklettert, geschwommen, von einem Unterbewusstsein ins Unterunterbewusstsein, mittels Kick zurück und dann wieder nach vorn.

Die Action ist dabei weitgehend handgemacht und tangiert einen soliden Eindruck, auch wenn die Schießereien des Öfteren etwas unübersichtlich geraten sind. Hans Zimmers dröhnender und pulsierender, aber auch – in Anbetracht der überragenden Schlussminuten - sentimentaler Score unterstützt auf geradezu unnachahmliche Weise den suggestiven Charakter des Films und gräbt sich tief ins Gedächtnis des Zuschauers, sodass er sich wiederum tief in seinen (Kino-)Sessel presst. Handwerklich sensationelle Kabinettstückchen wie der sich drehende Korridor und der fast halbstündige Showdown, wo Aufzüge, ebenso wie Autos als Metaphern herhalten müssen und in Schwerelosigkeit die Protagonisten einem Paket ähnlich zusammengeschnürt werden, wo das Drehbuch entfesselt zwischen den Welten hin- und herspringt, sind formvollendete Kinomomente.
Am wohl erstaunlichsten entpuppen sich des Films entworfene Traumwelten, die von Wally Pfister bildgewaltig eingefangen werden. Christopher Nolan als Architekt entpuppt sich als durchaus rationaler Architekt; seine generierten Bilder während des Schlafs haben gar nichts von jenem tranceähnlichen und assoziativen Mindfuck-Kino eines David Lynch gemein. Noland bedient sich keinem Surrealismus und doppelbödiger Symbolik, keiner Farbfilter und keiner obskuren Gestalten, schon gar keinem übermäßigen Einsatz von CGI-Montagen oder gern verwendeter Nebelschwaden.
Seine entworfenen Traumgebilde spielen eher auf der Klaviatur der Naturgesetze denn des Mystischen. Obwohl Paris im wahrsten Sinne des Wortes umgekrempelt wird (eine erstaunliche Szene), Bauten in Bauten errichtet werden, ebenso wie Brücken mittels eines Augenschlages aus der Erde sprießen, folgt die architektonische Restaurierung strengen physikalischen und geometrischen Regeln. Der sparsame Einsatz von extravaganten Absonderlichkeiten (das Potenzial dieser hochkomplexen Erzählung schreit geradezu nach deplazierter CGI) kommt dem Film allerdings zugute und setzt die Idee von mangelnder Differenzierung zwischen Traum und Wirklichkeit um. Sein vergleichsweise hohes Budget sieht man "Inception" entgegen seinen großen Kollegen aus der Rechenmaschine jedenfalls nicht an.

Man wird die Rolle des Leonard DiCaprio als desillusionierter Dom Cobb garantiert kennen. In Martin Scorseses altmodischem Gruselkabinett "Shutter Island" spielte DiCaprio den von seinen eigenen Dämonen aus der Vergangenheit heimgesuchten, traumatisierten Marshall Eine ähnliche Rolle also, ähnlich konzipiert und ähnlich aufbereitet. Ein trauender Antiheld auf der Sache nach Läuterung und Handlungskontrolle. Auch in "Inception" führt Cobb seinen eigenen Kampf - mit sich selbst.
Mimik und Gestik dürften also bekannt sein. Dennoch spielt DiCaprio hervorragend, verleiht seiner Figur ein adäquates Gesicht, Glaubwürdigkeit sowie ein menschliches Antlitz. In den besonders melancholischen Szenen mit seiner Frau avanciert er gar zum brillanten Charakterdarsteller. Nolans restlicher Cast, bestehend aus Stammschauspielern wie Ken Watanabe und Michael Caine, sowie neuen Gesichtern wie Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt und Marion Cotillard liest sich auf dem Papier beeindruckend, funktioniert auf Zelluloid aber auch. Besonders hervorzuheben ist am ehesten noch die eindringlich spielende Cotillard.
Fazit
"Inception" ist ein verwinkelter, chiffrierter, außerordentlich kluger, mächtiger, epischer und sehr, sehr bemerkenswerter (wenn auch etwas überlanger) Beitrag, in dem die Superlativen schnell an ihre Grenzen stoßen, die Diskussionskultur in deutschen wie englischsprachigen Foren nicht abzubrechen drohen, ungemein unterhaltsam und verschlungen inszeniert. Ein in seiner schriftstellerischen wie visuellen Bandbreite schlicht überwältigendes Monstrum, das sein Publikum fordert und ihm hohe Konzentration abverlangt, es jedoch im Gegenzug mit visionären Ideen zurückzahlt. Hat unter Christopher Nolan bereits die Comicverfilmung ihre Unschuld verloren (Kino, TV & Co.), verliert nun hoffentlich der Sommer-Blockbuster seine Unschuld, wenn Nolan seinen Fans eine eigene Inception verpasst. Oder hat man das alles nur geträumt?
9/10