In der Vorwahlzeit wird die Qualität einer Schimäre gerettet

Von Medicus58

GTL | 12.7.2013 | Kommentare (0)

In der Vorwahlzeit wird die Qualität einer Schimäre gerettet

Der Boulevard tobt und die Retter der Patienten in Gestalt der Patientenanwältin Dr. Pilz und des Gesundheitsministers Stöger „greifen ein, um endlich Ordnung zu schaffen“.
Die beiden Politiker, erlangen rechtzeitig im Vorwahlkampf Kenntnis davon Kenntnis, dass seit Jahren (die Patientenanwaltschaft weiß von Vorwürfen seit 2009!) in der Ordination einer Wiener praktischen Ärztin (angeblich komplikationsreiche) Abtreibungen durchgeführt werden und stellen die Qualitätskontrolle der Ärztekammer in Frage.

Puls4 ließ auf „Guten Abend Österreich“ den Wiener Ärztekammerpräsidenten Szekeres, der gerade selbst einen Patientenanwalt wählen hat lassen (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=93952) und die von der Wiener Politik bestellte Patientenanwältin Pilz (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=82486) aufeinander los und sparte m.E. ein paar wichtige Punkte aus.

Vorausschicken möchte ich, dass meine Kenntnis des Falles ausschließlich auf Medienberichten beruht und ich weder Praktischer Arzt noch Gynäkologe bin (so wie übrigens weder Stöger noch Pilz!), so dass ich mir kein Urteil darüber anmaße, ob in dieser Ordination fachliche Fehler passiert sind oder nicht. Ich greife den Fall auf, weil er wieder einmal die Instrumentalisierung echten oder vermeintlichen ärztlichen Fehlverhaltens für politische Zwecke zeigt, ohne dass die dahinter liegenden Probleme aufgegriffen werden.

Diese sind:

Die Rolle des praktischen Arztes in Österreich
Qualitätssicherung als politisches Druckmittel
&
Die Problematik der Gesundheitsökonomie

Auch wenn die nun beschuldigte Ärztin nur die Narkose und nicht den gynäkologischen Eingriff selbst durchgeführt hatte (dies taten offenbar FÄ für Gynäkologie und diese wären also für die behaupteten Verletzungen zur Verantwortung zu ziehen), läge der Fall gar nicht anders, hätte die praktische Ärztin selbst die Abtreibung durchgeführt
Die Rechtslage ist hier eindeutig, ein praktischer Arzt, der in Rahmen seiner 3-jährigen Turnusausbildung viele Fachabteilungen durchläuft, darf alles, also von der Blutdruckeinstellung bis zum chirurgischen Eingriff, wozu ansonsten nur der jeweilige Facharzt (dessen Ausbildung mehr als das Doppelte dauert) berechtigt ist. Auch ein geschickter Internist darf zum Beispiel keinen gynäkologischen Abstrich anfertigen, der Praktiker schon. Passieren darf halt nix, sonst schlägt das Haftungsrecht zu. 
Die Absurdität betrifft natürlich auch die ärztlichen Sonderfächer: Ein (Bauch-)chirurg darf theoretisch auch Koronargefäße durchschneiden, weil die Herzchirurgie ein Teil des Sonderfaches Chirurgie ist. Dass die meisten Chirurgen im Rahmen ihrer Ausbildung bei einer Herzoperation nicht einmal assistiert haben werden, ist hier irrelevant. 
Wie berichtet hat sich das Gesundheitsministerium mit der Ärztekammer (Niedermoser) auch auf eine modulare Facharztausbildung geeinigt in der ganz explizit einige Teile des jeweiligen Faches  nicht einmal mehr auf dem Paier ausgebildet werden müssen (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=56548).

Der Streit über die Qualitätskontrolle, ohne der heute offenbar nichts mehr außer dem Bankensektor, dem Militär und der Politik betrieben werden darf (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=39411), führte dazu, dass sich die Österr. Ärztekammer, ohne breiter Rückversicherung unter ihren Zwangsmitgliedern, um deren Geld eine eigene Ges.m.b.H, die so genannte ÖQMED (http://www.oeqmed.at/index.php?id=39) leistet. 
Dass eine kammereigene Selbstkontrolle der Qualität kritisiert wird, erfolgt meines Erachtens völlig zu Recht. 
Was aber vergessen wird, ist dass (1.) allfällige ärztliche Fahrlässigkeit im individuellen Einzelfall von keiner Qualitätskontrolle verhindert werden kann und (2.) dass zwar der Ruf nach Qualitätskontrolle gratis, entsprechende Maßnahmen aber viel Geld kosten.
Da das Versprechen, dass sich diese Einrichtung dereinst einmal selbst erhalten wird, bislang uneingelöst ist, ebenso wie nei der ebenfalls kammereigenen Ges.m.b.H. für Arztprüfungen und Fortbildung (ARZTAKADEMIE), muss sie kräftig aus der Ärztekammerumlage querfinanziert werden. All das, nur weil man sich –vermutlich zu Recht - fürchtet, dass die Gesundheitspolitik mit Steuergeldern selbst so ein Vehikel errichtet, dass unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung, nur die politischen Vorgaben durchzudrücken hat
Mit ÖBIG, AGES, Umweltbundesamt, … etc. hat die Politik genau das bereits gemacht.
Wenn Stöger also die - unabhängig von der Schuldfrage erschreckenden - Vorwürfe gegen die Abtreibungsordination sofort zum Anlass nimmt, mit so einer Struktur zu drohen, dann ist das eben reale Machtpolitik im Gesundheitswesen.

Der letzte Punkt, Gesundheitsökonomie, scheint mir besonders aktuell. Ich selbst finde es als Mensch und Arzt höchst bedenklich, wenn gefahrengeneigte Eingriffe ambulant durchgeführt werden, jedoch ist das seit Jahren die Vorgabe jeder Gesundheitsreform. Während noch während meiner Ausbildungszeit viele Chemotherapieschemata unter stationären Bedingungen verabreicht wurden, läuft deren überwiegender Teil derzeit tagesklinisch, d.h. die Patienten sitzen am Gang oder in einem Nebenraum der Ambulanz am Tropf. Keine Frage, die Supportivtherapie (z.B. die Mittel gegen Erbrechen) haben sich in den letzten Jahrzehnten gebessert, aber wirklich menschenswürdig ist das in manchen Fällen nicht.
Bei jedem Todesfall nur kurz hinterfragt, sollen auch Mandeloperation tunlichst ebenfalls tagesklinisch erfolgen, auch wenn das Risiko der Nachblutung zu Hause nicht gänzlich auszuschließen ist. 
Die Stadt Wien reduziert die chirurgischen Betten in ihren Häusern, weil auch hier immer mehr „kleine Eingriffe“ tagesklinisch durchgeführt werden sollen
Das freut übrigens die Privatspitäler. 
Wer es sich leisten kann, lässt sich seinen Eingriff eben dort machen und wartet vor Ort ab, ob es zu Komplikationen kommt. 
Wer sich also – meines Erachtens zu Recht – entrüstet, weshalb ein Schwangerschaftsabbruch ambulant in der Ordination durchgeführt wird, sollte bedenken, dass das auch das Geschäftsmodell vieler darauf spezialisierter Institute ist und für immer mehr Eingriffe das erklärte Ziel der Gesundheitsökonomie darstellt. 
Weiters sollten wir den alten Wein in englischen Schläuchen der Gesundheitsökonomie (http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=92970) immer wieder hinterfragen, die sich genau auf diese allumfassende Kompetenz des „Praktikers“ oder „Family Doctors“ berufen, die uns im konreten Fall so eigenartig anmutet:
Eine praktische Ärztin jenseits des gesetzlichen Pensionsalters macht Narkosen und beschäftigt Fachärzte für Gynäkologie, um die Preise anderer Abtreibungsinstitute unterbieten zu können.

Ich würde mir folgende Aufarbeitung des Falles wünschen:

Rasche Klärung, ob das ein STRAFRECHTLICHES oder HAFTUNGSRECHTLICHES PROBLEM ist und keine gegenseitigen Beschuldigungen über Qualitätskontrolle und Standesrecht, denn wenn hier jemand systematisch gepfuscht hat ist das in erster Linie ein Fall für den STAATSANWALT und nicht für eine Ehrengericht.

Erst sekundär, wenn der Staatsanwalt hier kein strafrechtliches Vergehen finden kann, müsste sich der Ärztestand fragen, ob der Fall, der sicehr dem Ansehen der Ärzte nicht genützt hat, standesrechtlich zu behandeln ist.
In beiden Fällen hat die Unschuldvermutung für en Arzt zu gelten, aber nicht für die Aufsichtsbehörden, man beachte den Plural, wenn ein Problem seit vier Jahren aktenkundig ist!

Eine prinzipielle KLÄRUNG welchen Grad an Qualitätskontrolle wir ALLE (Ärzte, Patienten, Hauptverband, Politik) im Gesundheitssystem bereit sind zu zahlen und Beauftragung einer weisungsfreien EXTERNEN EINRICHTUNG.

Eine ehrliche ANALYSE des Luftschlosses, dass ein einzelner praktischer Arzt (mit und ohne Lehrpraxis) jemals die Fertigkeiten erwerben kann auch nur die einfachsten Probleme der gesamten Medizin zu erkennen!
Am Dr. med. univ., also der Schimäre des Fachmanns/der Fachfrau der gesamten Heilkunde wird nur mehr festgehalten, weil es für das Selbstwertgefühl von Ärzten praktisch und die Gesundheitsökonomie billig ist.

PRESSE: http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/1429348/Bei-der-Abtreibung-schwer-verletzt?_vl_backlink=/home/panorama/oesterreich/index.do
DERSTANDARD: http://derstandard.at/1373512271431/Mehrere-Patientinnen-verletzt-Wiener-Aerztin-bot-Billig-Abtreibungen-an  
OÖN: http://www.nachrichten.at/nachrichten/chronik/Frauen-bei-Abtreibungen-schwer-verletzt;art58,1155831  
NEWS: http://www.news.at/a/wien-abtreibung-verletzungen
KRONE: http://www.krone.at/Oesterreich/Wien_Frauen_bei_Abtreibung_schwer_verletzt-Schwere_Vorwuerfe-Story-368383